Matthias Kalle: Mein Medien-Menü (Folge 54)

Geschrieben von am 10/06/2013 in Was ich lese mit 1 Kommentar

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü. Diese Woche: Matthias Kalle, stellvertretender Chefredakteur des ZEIT-Magazins. 

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Natürlich war es Magie – so wie beim ersten Kuss, der ersten Zigarette, das erste Mal schwimmen im Mondlicht: Ich war dreizehn und die Zeitschriften im Kioskregal versprachen wie immer keine Lösungen, keinen Ausweg, aber dann sah ich links oben, neben dem „Playboy“, ein Magazin, das da irgendwie nicht hingehörte: Das Cover knallte, das Gesicht einer schönen Frau, aber in den Zeilen ging es um Pop und Wahrheit, Politik und  Haltung. Ich kaufte meine erste „Tempo“ für fünf Mark, und alle Versprechen des Covers wurden eingelöst, ich kaufte fortan jede Ausgabe. Und irgendwann fielen „SZ-Magazin“, „ZEITmagazin“, „jetzt“ aus den Zeitungen der Eltern und Lehrer in unsere Hände, später, in London, das erste Mal „The Face“, das erste Mal „i-D“ – und was ist das denn, „Vanity Fair“? Magazine als Welterklärungsmaschinen, als Sehnsuchtsbeschleuniger. Groß und gefährlich kann das Leben sein, und der Wahnsinn könnte bereits an der nächsten Ecke auf einen warten.

 

Und heute? Heute scheint die Magie weg, verschwunden, eine Art von Erschöpfung hat sie weggefegt und den Platz der Magie hat der Zynismus eingenommen, die Langeweile, das Desinteresse, – fünfzehn Jahre Magazinjournalismus haben aus mir einen Mann gemacht, der natürlich alles schon mal gelesen hat (nur besser) und alles schon mal gesehen hat (nur schöner). Und wenn ich mir dann – was jeder macht, der von Christoph Koch nach seinem Medien-Menü gefragt wird – durchlese, was die, die vor mir dran waren, alles lesen, alles schauen, alles kennen, alles wissen, dann wundere ich mich, dass die für mich noch keinen anderen geholt haben. Mein Medien-Menü? Wird wohl doch eher Essen auf Rädern.

Im Briefkasten liegt die „Süddeutsche Zeitung“, im Radio laufen die „Informationen am Morgen“ des Deutschlandradios, auf dem Weg ins Büro schaue ich mir Empfehlungen auf Twitter an. Auf meinem Schreibtisch in der Redaktion liegt die „FAZ“, am Freitag das „SZ Magazin“ – „Die Zeit“ bekomme ich bereits am Mittwoch, den „stern“ auch. Am Sonntag kaufe ich den „Spiegel“ und die „FAS“, manchmal am Kiosk, manchmal als digitale Version, ausschließlich auf dem Tablet lese ich aber „New York Times“, „Guardian“, „Vanity Fair“, „Economist“, „The Atlantic“. Obwohl: lesen? Ich scanne, prüfe, wische. Routiniert, gelangweilt, müde.

 

Aber es gibt etwas, da ist das anders. Bücher. Bei Büchern fühle ich mich jedes Mal wie ein 12-Jähriger, der seinen ersten Porno schaut: Was erwartet mich? Was wird das mit mir machen? Ich verbringe inzwischen mehr Zeit vor dem Bücherregal als vor dem Zeitschriftenregal, obwohl ich mich bei manchen Büchern sehr bewusst für die digitale Version entscheide, denn manches soll jeden Tag in meiner Tasche sein, zum Beispiel: „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann, „Your Are Not So Smart“ von David McRaney oder die „Tagebücher“ von Franz Kafka. Aber sind Bücher nur eine Flucht vor der Ödnis des Journalismus? Nein, natürlich nicht, denn im Prinzip ist ja jede Lektüre – auch und vielleicht vor allem die Lektüre von Romanen –  berufliche Lektüre, weil vor dem Schreiben das Lesen kommt. Man kann besser schreiben, wenn man mehr liest. Und warum dann nicht gleich Coetzee, Frisch, Stamm, Fitzgerald lesen? Die wissen immerhin auch, wie man eine Geschichte erzählt, bei der man nicht schon am Anfang das Ende kennt.

 

Diese verdammten Bücher sind auch schuld daran, dass ich nur noch wenig fernschaue, obwohl ich überhaupt nichts gegen das Fernsehen habe. Gäbe es kein Fernsehen, hätten wir nicht „Homeland“, nicht „Game of Thrones“ – wir hätten also nicht den aktuellsten Beweis dafür, dass man heute Geschichten so erzählen kann, wie sie noch nie erzählt wurden: mit gebrochenen Charakteren, einem Rhythmus, einer Haltung und dem absoluten Willen, das Publikum zu unterhalten. Die Kurzgeschichten von Peter Stamm und die TV-Serie „Homeland“ sollten Pflichtmaterialien in der Journalistenausbildung werden.

 

Ich schreibe an diesem Text immer mal wieder zwischendurch, währenddessen erscheint auf der Seite 3 der „Süddeutschen“ ein unglaubliches Merkel-Porträt von Evelyn Roll,  ein phänomenales „Zeit“-Dossier von Henning Sussebach über die blitzgescheite Frage, wem eigentlich das Meer gehört. Im „Guardian“ ein Gespräch mit Jürgen Klopp, wie man es noch nirgendwo gelesen hat. Ich bekomme eine Mail von Erwin Koch mit einem neuen Text – und springe vor Begeisterung auf den Stuhl. Und wir produzieren das nächste ZEITmagazin, das vor ein paar Wochen noch eine Spalte in einer Excel-Tabelle war, Themen, über die wir gesprochen, optische Ideen, mögliche Autoren. Manches haben wir hin und her geschoben, anderes ganz weggeschmissen, zwei Ideen sehr spät gehabt. Wir reden und fummeln und probieren; Angelina Jolie schreibt in der „New York Times“ über ihre Brustamputation; wir machen  Zeilen, tauschen Geschichten aus, streiten uns; die TV-Ausgabe des „New York Magazine“ ist schon wieder großartig. Dann, fast plötzlich, hängt die nächste Ausgabe des ZEITmagazins an der Wand. Und alles stimmt. Es war ein bisschen wie, na ja, wie Magie.

 

Matthias Kalle, 38, ist stellvertretender Chefredakteur des ZEITmagazins. Davor war er Chefredakteur von zitty. Er hat das Magazin „Neon“ miterfunden und begann seine journalistische Laufbahn bei „jetzt“

 

Text: Matthias Kalle

Fotos: Milena Carstens für ZEITmagazin

 

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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