Maximilian Buddenbohm: Mein Medien-Menü (Folge 31)

Geschrieben von am 19/11/2012 in Was ich lese mit 4 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü. Diese Woche: der Controller, Blogger und Kolumnist Maximilian Buddenbohm. 

Mein Medien-Verhalten ist geprägt von drei schlechten Charakter-Eigenschaften. Ich bin unruhig wie eine Rennmaus auf Speed, neugierig wie Else Kling und beruflich ambitioniert wie ein gewisser Bär von sehr geringem Verstand. Das ist eine fatale Mischung, die nur online funktioniert. Mein El Dorado heißt daher Online. Online geht alles. Online kann ich in Sekunden die Themen wechseln, mich jeden Tag für etwas anderes interessieren, alle Gewohnheiten, die ich gerade erst mühsam festgelegt habe, morgen schon wieder ändern und auch vollkommen ziellos herumhängen. Wenn mir dabei etwas einfällt, dann schreibe ich darüber – wenn nicht, dann macht das nichts. Wenn ich schreibe, finden das – seit fast neun Jahren unendlich faszinierend für mich – irgendwelche Leser meistens auch interessant oder lustig oder unterhaltsam oder rührend oder was auch immer. Schreiben ist für mich nicht anstrengend, Schreiben ist Ich-Sein, und wenn jemand auf den Flattr-Button klickt, weil ich etwas gebloggt habe, oder wenn Werbung im Blog steht, oder Texte verkauft werden, dann bekomme ich also Geld dafür, dass ich genauso bin wie ich bin. Wie geil ist das denn, bitte? Wie kann man das Internet denn nicht lieben? Ich bin jeden Tag von Herzen dankbar dafür, dass es das Internet gibt.

Wenn ich morgens den Computer anmache, geht zuerst Twitter auf. Wenn es etwas dramatisch Wichtiges gäbe, hier erführe ich es sofort. Nächster Blick Mails, nächster Blick Facebook, meine Schwatzbude. Auf Twitter finde ich sehr viele Informationen, großartige Links, spannende Neuigkeiten, auf Facebook rede ich mit der Familie und mit Freunden und Bekannten , das ist mein ewiges Lagerfeuer. Dann Google-Reader. Ich habe etwa 500 Feeds abonniert und wechsele die ständig aus, je nachdem, welche Themen mich gerade beschäftigen. Fotografie rein, vegetarisches Essen raus oder wieder zurück, morgen vielleicht Schrebergärten oder Schulpolitik, nichts ist unmöglich, immer neu gemixt, ich liebe Feeds.

Interessante Artikel verarbeite ich in meinen dienstäglichen Linksammlungen, die ich neuerdings in meinem Blog veröffentliche. Dazu gab es so viele positive Zuschriften, dass ich damit auf jeden Fall weitermache. Zumal es mich auch selbst weiter bringt, seit ich das mache, gucke ich viel genauer hin, lese viel mehr mach, suche noch mehr nach neuen, anderen Themen, Perspektiven und Inhalten. Das kostet natürlich Stunden, aber das macht Spaß, man kann es nicht oft genug betonen. Das sollten viel mehr Blogger (wieder) machen. Einfach aufschreiben, was man die Woche über spannend gefunden hat.

Dann Google-News, organisiert nach eigenen Stichworten. Stadtteilnachrichten, Fotografie usw., da finde ich dann hoffentlich auch etwas, das nicht in den Feeds ist.

Dann Quote.fm, das Empfehlungstool für Texte, wo man per Zitat auf einen Beitrag irgendwo hinweisen kann, nicht mehr und nicht weniger. Das funktioniert großartig, das habe ich sehr lieb gewonnen, da finde ich tatsächlich Texte, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Quote.fm kann gerne noch viel belebter werden, meine Timeline dort ist mir nicht annähernd voll genug. Und schön wäre es, wenn weniger auf etablierte Medien und mehr auf Blogtexte verwiesen werden würde. Ein Link auf SPON kommt mir doch immer ein klein wenig sinnlos vor. Nicht, weil da nichts Gutes stehen könnte, aber das sehen doch alle selber. Natürlich schreiben Sascha Lobo und Sibylle Berg toll, aber hey, sie sind auf der Startseite von SPON. Wer bitte nimmt das denn nicht wahr? Eben.

Google Plus sehe ich nur ab und zu an, es hat für mich den Charme eines mittelgroßen Kleinstadteinkaufszentrums am späten Sonntagabend, aber ich hoffe immer noch, dass da irgendwann die Party losgeht. Ich mag, wie Google Plus angelegt ist, aber meine Freunde machen da einfach nichts und dann klappt es nun einmal nicht mit dem Happening.

Dann sehe ich die Online-Feuilletons der großen deutschsprachigen Zeitungen und Medien an, quer und schnell, nur so einmal drüber gehuscht, meistens ist irgendwas dabei, was mich schon vom Titel her anspricht. Die eigentlichen News-Seiten umkurve ich eher, der Nachrichtenstandard à la Sturm in New York und Merkel trifft Erdogan reizt mich überhaupt nicht. Es ist mir auch zu mühsam, da einen Text zu finden, bei dem jemand mit einer Meinung nachgedacht hat, da kann ich auch warten, bis das Thema in Kolumnen oder Feuilletons ankommt, bis dahin reichen mir Google-News oder tagesschau.de , die kurzen Übersichten.

NDR, Mopo und taz-Nord für das lokale Interesse. Das Hamburger Springer-Lokalblättchen hat eine Bezahlschranke und dahinter eine unfassbare Betulichkeit, das braucht kein Mensch, das lasse ich aus.

Dann wieder von vorne, Twitter usw.. Mehr oder weniger.

Viele finden auch etwas bei Rivva, mir geht das nie so. Was bei Rivva steht, war längst irgendwo anders prominent verlinkt, das nützt mir nichts. Oder ich verstehe es nur nicht, das finden so viele toll, ich gerate da regelmäßig in schwere Selbstzweifel.

Kein Fernsehen, gar keins. Keine Filme, kein Kino, kein Radio, keine Podcasts, keine Hörbücher, keine Hörspiele. Also nichts, wo ich davor sitzen und auf etwas warten muss.

Beim abendlichen Arbeiten Musik über Simfy oder Youtube.

Beim Kochen hänge ich das iPad in die Kühlschrankhalterung und gucke nebenbei bei putpat.tv Musikvideoclips, das erinnert so nett an die Jugend mit MTV. Da kann man Gott sei Dank einiges filtern, bei mir ist putpat.tv so eingestellt, dass da fast nur trübsinnige Gitarrenjünglinge und hinfällige Damen von Liebeskummer und Weltschmerz singen, ich koche irgendwie gern bei depressiver Musik. Es schmeckt der Familie meist trotzdem.

Um neun gehe ich ins Bett und lese. Bücher. Wenn ich das nicht so mache, dann komme ich nicht mehr zur Literatur, das fühlt sich dann irgendwann nicht gut an, da regt sich das schlechte Gewissen des Möchtegern-Bildungsbürgers und natürlich habe ich auch einfach Freude an Literatur. Ich lese gedruckte Bücher, ich lese auf dem Kindle, auf dem iPad, auf dem Notebook, auf dem Handy. Wie es gerade passt. Die E-Books synchronisieren sich über die Geräte hinweg, wenn ich abends auf dem iPad aufhöre, kann ich morgens in der S-Bahn auf dem Handy weiterlesen, das ist Science-Fiction, das ist toll.

Ich lese Klassiker fast immer als E-Book, d.h. ich lese gerade die Literatur, die am langsamsten geschrieben wurde, auf den schnellsten Geräten. Medientechnisch inverses Lesen oder so, das könnte man ganz intellektuell erklären – tatsächlich ist es aber nur so, dass ich von der Prozentzahl unten am Seitenrand angefixt bin. Es sagt mir z.B. wenig, bei Moby Dick im Print auf Seite 240 zu sein, aber das Buch zu 24% durchgelesen zu haben, das klingt doch gut. Noch ein paar Seiten und es sind genau 25%, das klingt dann noch besser. Nicht, dass ich zwanghaft wäre, aber ich neige dazu, das abendliche Lesen erst bei feierwürdigen Prozentzahlen einzustellen, es ist im Grunde also die reine Gier, etwas geschafft zu haben. 10%, 25%, 50% usw. Zur Not, wenn es gar nicht zu schaffen ist, höre ich eher bei einer geraden als bei einer ungeraden Prozentzahl auf, aber sonst bin ich noch recht zurechnungsfähig, glaube ich.

Moderne Bücher lese ich meist gedruckt, aus dem einfachen Grund, dass ich sie nach der Lektüre sofort wieder verkaufe. Oder verleihe, verschenke, irgendwo vergesse, was auch immer. Geht alles mit E-Books nicht so recht.

Auf Reisen immer nur E-Books, ich schleppe kategorisch keine Bücher mehr durch die Gegend.

Ich lese viele Blogs, einige schon seit acht Jahren oder länger, etwa das hermetische Café von Kid37, für mich einer der besten Blog-Autoren in Deutschland. Oder das Blog der Übersetzerin und Autorin Isabel Bogdan, der ich quasi familiär verbunden bin. Oder das Nuf, oder Glumm, oder Wirres von Felix Schwenzel. Auch politische Blogs wie Sprengsatz usw., das ist alles gar nicht so überraschend, das lesen sehr viele genauso in ganz ähnlicher Kombination.

Es sind auch Blogs dabei, die mir gar nicht durchgehend gefallen, deren Betreiber ich aber kenne. Wenn etwa Herr Lumma wieder irgendeinen absurden Unsinn über seine geliebte SPD schreibt, kann ich mich schon am frühen Morgen so sehr darüber aufregen, dass ich quasi keinen Kaffee mehr brauche, aber ich könnte dennoch mit ihm abends ein Bierchen trinken und gemütlich über den Nachwuchs reden. Und am nächsten Tag schreibt er wieder was über das Internet, und alles ist gut.

Dann untypische Blogs, wie das von Nils Mohl. Andere Autorenblogs, wie das von Pia Ziefle. Blogs von guten Freunden, wie das von Percanta oder das von Journelle oder das von Mek. Sammelblogs, wie 5 Bücher. Seltsame Blogs, wie die Pimpettes. Viele Fotoblogs, etwa Bigbasspic oder Stefan Groenfeld oder Björn Lexius, viele Foodblogs, etwa Grain de Sel oder Monambelles oder Foodfreak. Ein paar Blogs auch aus rein lokalem Interesse, Stadtteilzeug.

Nur eine einzige Zeitschrift: Mare. Meine Frau liest die ADAC-Zeitschrift, da blättere ich gelegentlich rein und kann das dann alles nicht fassen, dieses Parallel-Universum der Autofreaks. Keine Zeitungen. Keine PDF-Magazine, keine Newsletter.
Maximilian Buddenbohm: Geb. 1966 in Lübeck. Hat längere Zeit in Travemünde gelebt. Nach dem Abitur Studium des Bibliothekswesens in Hamburg. Arbeitet als Controller und Autor, führt mit seiner Frau eine kleine Internetfirma und bloggt seit acht Jahren unter www.herzdamengeschichten.de über sein Leben, seine Frau und seine Söhne. Schreibt auch Bücher.

Text & Foto: Maximilian Buddenbohm

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Offenlegung: Mit einigen der Menschen, die hier in “Was ich lese” ihre Mediengewohnheiten vorstellen, bin ich befreundet.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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