Klickenswert (6): Steven B. Johnson im Time Magazine & Kacheltische im Privatfernsehen

Geschrieben von am 09/06/2009 in Wollt grad sagen mit 0 Kommentare

In seinem sehr lesenswerten Stück über den Online-Dienst Twitter schreibt Steven B. Johnson ( Autor von Büchern wie „Everyhting Bad is Good For You“ und „The Invention of Air“) im aktuellen TIME Magazine unter anderem:

„Seit wir das Internet bei uns Zuhause haben, beklagen die Kritiker den Niedergang gemeinsamer nationaler Erfahrungen, wie beispielsweise die Mondlandung oder die Frage, wer J.R. erschoss. Dass das typisch amerikanische Wohnzimmer, in dem wir alle gemeinsam mit Nachrichtensprecher Walter Cronkite den Tag beenden, in Millionen kleine Isolationszellen zerschmettert wurde. Aber sehen Sie sich nur ein einziges Mal ein Event in den Massenmedien an, während Sie Twitter auf ihrem Laptop laufen haben, und Sie werden verstehen, dass wir sehr wohl noch nationale Events gemeinsam erleben. Und wenn wir sie heute  erleben, haben wir dabei eine ernsthafte öffentliche Debatte, die weit über unsere Familie und unsere Nachbarn hinausreicht.“

Cover des TIME-Magazin

Twitter-Gewitter: Cover des TIME-Magazins

Das großartige Cover zeigt übrigens einen echten Tweet, den Johnson kurz vor Erscheinen auf Twitter geschrieben hatte. Kommentar seines Vaters dazu: „Na ja – ein sehr umständlicher Weg, dein Gesicht auf das TIME-Cover zu bekommen“.

In Deutschland – wo Twitter ja gerade das liebste Schmähobjekt der Feuilletons ist – läuft derweil jedoch ein ganz anderer Hype: der Fliesentisch und seine Allgegenwart im Privatfernsehen. Vermutlich im Zuge der Diskussion über die RTL-Sendung „Erwachsen auf Probe“ kam diese schöne Sammlung von Standbildern zu erfreulicher Prominenz. Keine Wohnung – so scheint es – darf mehr von einem Kamerateam von Sat.1/Vox/ProSieben zu Renovierungs- Kindererziehungs- oder Versöhnungszwecken betreten werden, ohne dass da vorher ein solcher Fliesentisch installiert wurde.

Fliesentische allüberall

Weil's praktisch ist: Fliesentische allüberall

Die Ehre, dies bereits vor rund drei Jahren beobachtet zu haben, gebührt trotz des aktuellen Hypes niemandem geringerem als dem flamboyanten jetzt.de-Weltentdecker Max Scharnigg, der dem Kacheltisch – wie er den Fliesentisch verwegen nannte – bereits damals in einem „Stilogramm“ gekonnt verewigte:

„In seiner weitaus häufigsten Verbreitung ist der deutsche Kacheltisch kniehoch, hat eine Auflage aus dezent bräunlich (Farbton: „Autobahntoilette“) gefärbten Kacheln, und sieht sich eingefasst von einem achteckigen massivem Rahmen aus Eiche. Je fragwürdiger die Haushaltsverhältnisse, desto wahrscheinlicher ist mindestens ein solches Exemplar. Wenn das Fernsehen da ist, werden Mahnungen oder Kataloge mit vietnamesischen Frauen auf dem Kacheltisch ausgebreitet, sonst besteht der Standardbelag aus einer sorgfältig aufgeschlagenen Fernsehzeitung (die vor dem zu Bett gehen schon auf den nächsten Tag umgeblättert wird!), einer Fernbedienung und einem geflochtenen Zieruntersetzer, der versucht, der sterilen Wucht des Tisches etwas häusliche Wärme abzuringen.“

Nachtrag: Ob, was und wie viel Twitter wirklich verändern könnte, darüber hat sich Benedikt Köhler hier sehr klickens- und lesenswerte Gedanken gemacht.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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