Weiter geht’s: Lang lebe der Fortschrittsbalken!

Written by on 31/01/2009 in Neon with 3 Comments

Wenig fühlt sich so gut an, wie einem FORTSCHRITTSBALKEN auf dem Bildschirm zuzusehen. Warum wir dieses Symbol im Leben noch viel öfter bräuchten – und warum Sanduhr und Farbkreisel die Hölle sind.

Fortschritt ist gut. Manche Leute sehen das anders – aber der Fortschritt lässt sich davon zum Glück nicht aus der Ruhe bringen. Und schreitet fort. Am liebsten ist er mir dann, wenn ich ihn nicht aus der Ferne beobachten muss wie bei Rasierern, die jedes Jahr eine Klinge mehr haben, oder Spülmaschinentabs, die inzwischen bei »7 in 1« angekommen sind. Nein, am liebsten ist mir der Fortschritt, wenn ich ihn direkt vor Augen habe. So wie gerade in diesem Moment. Während ich diesen Text schreibe, brenne ich einem guten Freund eine DVD mit neuen Folgen der Hammerserie »Californication«. Das Brennprogramm zeigt mir mit einem sogenannten Fortschrittsbalken an, wie weit seine Arbeit gediehen ist. 68 Prozent … 69 … 70 … der Balken wächst – und während mir das Schreiben mittelgute und der Gedanke an die Serie sehr gute Laune machen, merke ich, wie von dem langsam wachsenden Fortschrittsbalken ein Gefühl tiefster Befriedigung auf mich übergeht. Mein Körper lässt die Dopaminkorken knallen, ein zufriedenes Grinsen schwebt auf mein Gesicht.

Ich habe dieses Phänomen schon öfter beobachtet: Ganz egal, ob es um das Herunterladen des neuen Bloc-Party-Albums, das Installieren von »GTA IV« oder das Entpacken der Präsentation eines Kollegen geht, die in einer riesigen ZIP-Datei steckt: Einem Fortschrittsbalken zuzusehen, wie er sich zügig von links nach rechts schiebt, ist in etwa so gut, wie von einem großen kuscheligen Pandabären in eine warme Badewanne gesetzt zu werden, eine Opiumpfeife und eine Tasse Kakao gereicht zu bekommen, und anschließend liest einem der Panda die Aktienkurse vor – und alle, die man besitzt, sind gestiegen. Entschlüsselungshilfe für Leute, die mit Pandametaphern eher wenig anfangen können: Man selbst sitzt gemütlich auf seinem Hintern, und trotzdem tut sich irgendwas. Der Fortschrittsbalken gibt mir das sensationelle Gefühl, dass der Computer auch ohne mein Zutun fleißig schuftet, und gibt mir nicht nur eine Rückmeldung darüber, ob ein Viertel oder bereits zwei Drittel der Arbeit verrichtet sind – nein, ich erfahre auch noch, wie lang es noch voraussichtlich dauert, bis die hundert Prozent erreicht sind. So müssen sich früher Fabrikbesitzer gefühlt haben.

Bildschirmfoto 2013-09-06 um 14.13.00

Wann genau der erste »progress bar«, wie die Amerikaner meinen Lieblingsbalken nennen, einem Computerbenutzer das Leben versüßt hat, ist gar nicht so einfach herauszufinden. Selbst der renommierte Softwarehistoriker Martin Campbell-Kelly von der britischen Warwick University muss »nach langem und hartem Nachdenken« zugeben: »Keine Ahnung. « Wenn man genau hinschaut, existierte das Konzept des Fortschrittsbalkens sogar schon vor dem Siegeszug der Computer. Denn im Grunde sind die nach und nach aufleuchtenden Stockwerkziffern in einer Aufzugkabine auch nichts anderes als ein – in große Abschnitte geteilter – Fortschrittsbalken. Die heilsame Wirkung, die der Progress Bar hat, lässt sich daran wunderbar ablesen, dass so gut wie jeder in einem Aufzug auf die Stockwerkanzeige schaut. Die zwar heute häufig die Form wechselnder LCD-Ziffern hat, früher hingegen oft quer über der Tür prangte, und mit jedem Stockwerk sprang das leuchtende Lämpchen eins weiter.

Vielleicht ist die Frage nach seinem Ursprung aber viel weniger wichtig als die Frage nach seinem Zauber, nach dem Grund seiner seligmachenden Magie. Vielleicht liegt es daran, dass sich die moderne Welt unserem Verständnis immer mehr entzieht. Obwohl ich ein Mensch von wirklich immenser Klugheit bin, verstehe ich beispielsweise nicht bis ins letzte Detail, wie es der Computer genau schafft, irgendwo von mehreren Menschen am anderen Ende der Welt Nacktbilder von Carla Bruni, äh … ich meine natürlich eine legale und bezahlte Kopie einiger ausgewählter Jazzalben von John Coltrane herunterzuladen. Und so lange ich es nicht verstehe, bin ich natürlich umso dankbarer dafür, dass mir die Höllenmaschine zumindest verrät, dass sie für die verbleibenden fünfzehn Prozent noch 1:30 Minuten braucht. Fortschrittsbalken erzeugen Planbarkeit. Und ich gehe jede Wette ein, dass bei einer Befragung von 1024 Menschen Plan-, Berechen- und Vorhersehbarkeit bessere Beliebtheitswerte erzielen würde als Chaos, Durcheinander und, WAH!!!, Überraschungen. »Cool, ich stehe in meiner Küche und setze Kaffee auf«, denkt sich zufrieden der Fortschrittsbalkenfreund. »Aber das ist voll in Ordnung, denn mein Computer arbeitet so lange unermüdlich und klaglos weiter und ist genau dann fertig, wenn ich wieder zurück komme.« Der größte Nachteil des Fortschrittsbalkens ist im Grunde, dass sein Einsatzbereich so begrenzt ist. Im Gegensatz dazu, was andere Leute über mich erzählen mögen, lade ich keinesfalls jeden Tag irgendwo Sachen herunter oder installiere Gangsterspiele. Deshalb bekomme ich auch viel seltener einen Fortschrittsbalken zu sehen, als mir lieb ist. Wie gerne hätte ich zum Beispiel einen kleinen Balken, der mir verrät, dass ich mit diesem Text nun bereits zu etwa fünfzig Prozent fertig bin, und wenn ich so weiterschreibe noch x Stunden und y Minuten brauche. Das wäre Planbarkeit, Motivation und spackiges Nerdtum in einem.

Ein Fortschrittsbalken bei langweiligen Kinofilmen könnte einem verraten, wie lange man noch durchhalten muss, beim Zahnarzt könnte einen ein Fortschrittsbalken informieren, ob man diese barbarischen Schmerzen nur noch kurz aushalten muss oder ob es sich noch lohnt, nach einer weiteren Spritze zu jammern. Die Weihnachtsfeiertage, der Schulchorauftritt der kleinen Schwester, Trennungsgespräche, moderne Theaterstücke, die Einreise in die USA, der Stau vor dem IKEAParkplatz, jedwede Telefonwarteschleife – die Einsatzmöglichkeiten für einen freundlich eingefärbten, unauffällig herumschwebenden Fortschrittsbalken wären endlos. »Okay, jetzt reicht`s. Ich verlasse dieses Höllenmeeting jetzt mit einem wortlosen Hechtsprung aus dem Fenster in den Tod. Oh, schon zu 89 Prozent vorbei. Na dann kann ich auch noch sitzen bleiben.« Selbst wenn wir manchmal zur Untätigkeit verdammt sind, zum Warten und zum Leiden: Der Fortschrittsbalken gibt uns dabei Trost und Zuversicht. Es ist nicht umsonst. Es geht voran. Es dauert noch exakt soundso lange.

Welch großartige Errungenschaft der Fortschrittsbalken ist, wird auch dem letzten Zweifler in der Sekunde klar werden, in der er sich mit zwei der größten Geißeln der Menschheit konfrontiert sieht: der Sanduhr oder dem Farbkreisel. Beide stehen für das Gegenteil von Fortschritt: für Stillstand, Auf-der-Stelle-Treten und Ungewissheit. Wenn PC-Besitzer auf etwas warten, von dem niemand – einschließlich des PCs selbst – so genau weiß, wann es passieren wird, bekommen sie eine sich drehende Sanduhr zu sehen. Apple-Benutzer werden in solchen Fällen mit einem knallbunten Farbrad gequält. Diese Symbole der End- und Zwecklosigkeit könnte man im Grunde auch durch einen purzelbaumschlagenden Schimpansen oder ein langsam wachsendes Netz von Spinnweben ersetzen: Denn im Grunde sind sie ebenso inhaltsleer wie die nervtötende Bandansage einer Telefonhotline: »Bitte bleiben Sie dran, der nächste freie Mitarbeiter ist bereits für Sie reserviert.« Was für den Fabrikbesitzer früher der Streik gewesen sein muss, ist für uns heute die Sanduhr. Zeichen dafür, dass gerade alles stillsteht und niemand weiß, wie lange sich dieser unschöne Zustand hinziehen wird. Die meisten Internetseiten verwenden auch keine Fortschrittsbalken, um anzuzeigen, wann sie endlich fertig geladen sind, sondern sogenannte »Throbber«: Das sind entweder Balken, die immer wieder von links nach rechts durchlaufen, ohne einen Anfang und ein Ende zu haben, oder Punkte, die endlos im Kreis sausen. Ihre Aussage: Hier tut sich gerade mächtig was! Surfen Sie bloß nicht woandershin – aber fragen Sie bitte auch nicht, wie lange es noch dauert.

Der Fortschrittsbalken ist allgegenwärtig und scheinbar so alt wie die Menschheit – oder sagen wir: Fahrstühle. Dennoch war der Fortschrittsbalken lange Jahre durch ein Patent geschützt. Solche »Trivialpatente« sind im Softwarebereich keine Seltenheit – wenn auch höchst umstritten. Da die Patente mit den schönen Namen US5301348 und EP0394160 jedoch sowohl in den USA als auch in Europa bereits vor einigen Jahren ausliefen, ist er nun – wie es sich für den Fortschritt gehört – wieder frei wie der Wind.

Für diejenigen, die dem Wunderbalken immer noch skeptisch gegenüberstehen, gibt es immerhin den Fake Progress Bar. Das kostenlose Programm erzeugt einen fleißig – wenn auch mit Absicht endlos – vor sich hin wachsenden Fortschrittsbalken, der so tut, als würde der Computer gerade ein wahnsinnig wichtiges Update durchführen und sei im Moment für nichts anderes zu gebrauchen. Wer also im Büro eine perfekte Entschuldigung sucht, um nicht zu arbeiten, sondern die Zeitung zu lesen oder aus dem Fenster zu schauen – »Sie wissen ja, wie`s ist, Boss … Diese Updates dauern immer ewig« -, wird den Fortschrittsbalken, wenn nicht zumindest als programmiertes Prozac, so doch als perfektes Alibi schätzen lernen.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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About the Author

About the Author: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Digitale Balance" & "Was, wäre wenn ...?") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs, bei Mastodon @christophkoch@masto.ai .

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3 Reader Comments

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  1. Flo sagt:

    Da gibt’s ne schöne Website! Auf Pretty Loaded werden alle Arten von Flash-Fortschrittsanzeigen gesammelt.

  2. christophkoch sagt:

    @Flo: Die Seite ist ja wirklich toll. Kannte vor allem den schönen Ausdruck „Preloader“ gar nicht. Danke!

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