Was wäre, wenn … Nord- und Südkorea wieder ein Land wären?

Geschrieben von am 20/09/2018 in brand eins mit 0 Kommentare

Ein Szenario.

(Andere Folgen der „Was wäre, wenn…?“-Kolumne aus brand eins HIER lesen.)

Als sich am 27. April 2018 Südkoreas Präsident Moon Jae In und Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un an der Grenze trafen, sich die Hände reichten und jeweils das Land des anderen betraten, war dies nur ein kleiner Schritt über eine gemauerte Schwelle – aber ein großer für den Annäherungsprozess beider Länder. Denn offiziell befinden sie sich nach wie vor im Krieg: Der 1950 begonnene Koreakrieg endete 1953 zwar mit einem Waffenstillstand, ein Friedensvertrag wurde jedoch nie geschlossen.

Im April beschlossen die beiden Staatsmänner nun, bis Jahresende einen aufzusetzen. Was wäre, wenn es zu einer Wiedervereinigung der Demokratischen Volksrepublik Korea mit der Republik Korea käme? Wenn Nord- und Südkorea – und die demilitarisierte Zone dazwischen – wieder ein Land wären?

In Südkorea leben an die 50 Millionen Menschen, fast doppelt so viele wie im etwas größeren Nordkorea. Gigantisch ist der ökonomische Unterschied zwischen den beiden Ländern: Der Norden kommt nicht mal auf ein Hundertstel des Bruttoinlandsproduktes des hoch entwickelten Südens, der zwölftgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Eine Wiedervereinigung zweier Länder auf einem derart unterschiedlichen Entwicklungsstand müsste nach Auskunft des Korea-Experten Bernt Berger mit einer wirtschaftlichen Kooperation beginnen. „Ich gehe davon aus, dass man zuerst Investitionskorridore entlang der Küsten schaffen würde“, sagt er, „bis hinauf zu den Sonderwirtschaftszonen, die Nordkorea bereits mit China aufgebaut hat.“ Berger ist bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik Spezialist für die koreanische Halbinsel.

Eine politische Vereinigung sei aber deutlich schwieriger: „Das sozialistische System im Norden hat sich seit mehr als 60 Jahren abgeschottet und ist beinahe eine Klan-Gesellschaft mit verschiedenen Familien, die das System beherrschen“, so Berger. „Eine politische Einheit müsste mit diesen Familieninteressen abgeglichen werden – keine einfache Aufgabe.“

Die Kosten für eine Wiedervereinigung werden sehr unterschiedlich geschätzt: von mehreren Milliarden bis zu einer Billion Dollar. Der australische Nordkorea-Experte Leonid Petrov geht sogar von drei Billionen aus. Finanzieren ließe sich dies theoretisch durch die immensen Vorkommen von Bodenschätzen in den Bergen Nordkoreas. Neben Gold und Silber sind dort große Mengen sogenannter Seltener Erden zu finden, die für die Herstellung von Smartphones und anderen technischen Geräten benötigt werden. Der Wert dieser Bodenschätze wird auf sechs bis zehn Billionen US-Dollar geschätzt.

Fachleute, beispielsweise von der Universität von Hawaii, sind der Ansicht, dass der Norden bei einer Wiedervereinigung zum günstigen Produktionsstandort für die südkoreanische Hightech-Industrie werden könnte. Die lässt ihre Samsung-Smartphones und LG-Fernseher derzeit vor allem in China fertigen. Ein weiterer Standortvorteil: Nordkoreas Bevölkerung ist mit 34 Jahren im Durchschnitt sieben Jahre jünger als die südkoreanische.

Auch ein vereintes Militär träfe – selbst im Falle einer nuklearen Abrüstung des Nordens – weltweit auf wenig gleich Starke: Gemeinsam kämen die Länder auf mehr als 1,8 Millionen Soldaten und ein Vielfaches an Reservisten, knapp 6000 Panzer, 32 000 Artillerieeinheiten, 95 U-Boote und mehr als 1100 Kampfflugzeuge.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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