Armen Avanessian: „Wir haben keinen positiven Zukunftsbegriff mehr“

Geschrieben von am 12/07/2018 in brand eins mit 0 Kommentare

Meditation und Achtsamkeit, Slow Food und Digital Detox – heute wird gern Entschleunigung gefordert. Der Philosoph Armen Avanessian hält nichts davon.

In einem der letzten unrenovierten Häuser an der viel befahrenen Torstraße in Berlin-Mitte wohnt der österreichische Philosoph Armen Avanessian in einer spärlich eingerichteten Altbauwohnung. Avanessian ist der prominenteste deutsche Vertreter einer neuen Denkschule namens Akzelerationismus, die der Deutschlandfunk als „Mischung aus Techno, Terminator und Marx“ bezeichnet. Am Vorabend des Interviews bestritt er im Roten Salon der Berliner Volksbühne einen ausverkauften Abend seiner Veranstaltungsreihe „Armen Avanessian and Enemies“. Es wurde spät. Avanessian ist trotzdem nicht müde und spricht mit der einem Akzelerationisten angemessenen Hochgeschwindigkeit.

brand eins: Herr Avanessian, wie erklären Sie Ihrer Großmutter, was Akzelerationismus ist?

Armen Avanessian: Oft ist es ja einfacher zu sagen, was etwas nicht ist. Es geht beim Akzelerationismus nicht darum, dass alles immer schneller werden muss. Vielmehr hinterfragt er die allgemeine Tendenz, sich über die Geschwindigkeit des modernen Lebens zu beschweren. Stattdessen geht es darum, zu beleuchten, was die progressiven Tendenzen in der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung sind. Was kann man da aufnehmen, weiter stärken und in diesem Sinne beschleunigen? Leider herrscht in der politischen Linken – polemisch zugespitzt – so etwas wie ein technischer Analphabetismus. Da heißt es dann oft, Technik sei etwas, das uns entfremdet. Das ist ein sehr, sehr bürgerlicher Gedanke. Unter anderem deswegen sucht der Akzelerationismus nach Alternativen.

Ist diese Fortschrittsskepsis nur ein linkes Phänomen?

Sie ist heute natürlich weitverbreitet. Wir haben uns insgesamt daran gewöhnt, eine bestimmte Formel als naturgegeben zu betrachten: Moderne = Kapitalismus = Fortschritt = ständige Beschleunigung. Diese Formel funktioniert inzwischen wie eine Ideologie. Wir hinterfragen sie gar nicht mehr. Und egal ob auf konservativer oder auf linker Seite – jeder, der Probleme mit dem Status quo hat, setzt automatisch auf Entschleunigung, wehrt sich damit aber auch gegen den Fortschritt. Mein Anliegen ist es eher, diese Gleichung zu hinterfragen. Kann man auch eine Moderne denken, die nicht kapitalistisch ist? Ist der Kapitalismus überhaupt fortschrittlich?

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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