Enfore: Der Schwarm

Geschrieben von am 10/05/2018 in brand eins mit 0 Kommentare

Kleine Geschäfte, Imbisse und Freiberufler sind die Nachzügler bei der Digitalisierung. Einer der profiliertesten deutschen IT-Unternehmer will das ändern.

Acht Jahre. Das ist in der Online-Ökonomie eine halbe Ewigkeit. „Move fast and break things“ oder „Fail often, fail fast“, so lauten die Credos im Silicon Valley ebenso wie in den Start-up-Zentren von Berlin bis Tel Aviv. Schnell auf den Markt, schnell nachbessern, wenn es Probleme gibt. Wer zögert, verliert. Doch der deutsche Unternehmer Marco Börries hat sich tatsächlich acht Jahre Zeit gelassen. Hat sich in Hamburg mit einem verschwiegenen Team von Entwicklern und Hardware-Experten eingeschlossen und an etwas getüftelt, an das sich vor ihm noch niemand so richtig herangewagt hat.

I. Die Idee

Marco Börries will mit seiner Firma Enfore nicht weniger als die weltweit rund 200 Millionen Kleinunternehmer, die es laut seinen Berechnungen gibt, in die digitale Welt bringen. Vom Friseursalon bis zur Espresso-Bude, vom freiberuflichen Architekten in Hannover bis zur Garküche in Hanoi. „Für sich genommen sind diese Unternehmen zu klein, um eine lukrative Kundschaft darzustellen“, sagt Börries an einem nieseligen Novembermorgen im Enfore-Büro in der Hamburger Speicherstadt. „Aber zusammengenommen besitzen sie eine gigantische Marktmacht und ein bislang ungenutztes Potenzial für eine Digitalisierung.“

Tatsächlich erlaubt die Software nicht nur klassisches Kassieren und bargeldlose Zahlungsabwicklung, sondern auch ein komplettes Warenwirtschaftssystem, auf Wunsch mit automatisierten Nachbestellungen. Reservierungen landen in Restaurants oder Nagelstudios an einem zentralen Ort, selbst wenn sie aus verschiedenen Quellen stammen – telefonisch, von externen Plattformen oder von der eigenen Website. Kleine Einzelhändler können ihren Kunden Dienstleistungen anbieten, die diese bisher nur von großen Filialisten kennen: „Mit einem Klick entsteht aus dem Inventar ein Onlineshop“, sagt Börries. „Der Kunde kann online bestellen und die Ware im Laden abholen. Oder umgekehrt: die Jacke im Laden anprobieren und sie sich nach Hause liefern lassen.“

Stammkunden können identifiziert und das Kaufverhalten der gesamten Kundschaft besser analysiert werden. Rabatt-Aktionen und Treuesysteme sind ebenso möglich, die entsprechenden Coupons oder Punktesammelkarten werden dem Kunden aufs Smartphone geschickt. Händler, die das möchten, können ohne viel Aufwand ihre Waren automatisch auf reichweitenstarken Plattformen wie Ebay oder Amazon anbieten. Und von der Datev-Schnittstelle über den täglichen Kassen- bis zum Kontenabschluss kümmert sich die Software auch um die Dinge, die manchem Coffeeshop-Gründer zwar ein Graus sein dürften, aber für ein böses Erwachen sorgen, wenn er sie nicht vorschriftsmäßig erledigt. „Wir haben die Geschäftsinhaber nicht nur gefragt, was sie sich wünschen“, sagt Börries. „Wir haben sie vor allem in ihrem Arbeitsalltag beobachtet, ihre Arbeitsabläufe gefilmt und analysiert und gemeinsam versucht herauszufinden, wo sich Dinge vereinfachen, automatisieren, optimieren lassen.“

Börries Plan: die Kleinen zusammenspannen und sie stärken. So wie sich Heringe im Schwarm besser behaupten, so sollen auch die lokalen Händler und Dienstleister durch den digitalen Schulterschluss vor den globalen Großen beschützt werden. „Make them look like one“, ist eine Formulierung, die Börries, der manchmal ins Englische fällt, immer wieder benutzt. Die Vielzahl an Kleinunternehmen wie eine Einheit auftreten zu lassen ist ihm bei den Kosten für bargeldlose Transaktionen gelungen: Für Kunden, die das Enfore-Kassensystem nutzen, konnte Börries eine Zahlungsgebühr von 1,19 Prozent (bei Kreditkartenzahlung) und 0,79 Prozent (Zahlung mit der Girocard) bei den Payment-Dienstleistern heraushandeln. Von einem gewissen Volumen an sinken die Gebühren noch weiter. Bei Dienstleistern wie Sumup oder iZettle, die beispielsweise Kartenleser anbieten, die sich an Tablets anschließen lassen, werden 2,75 Prozent bei Kreditkarten und 0,95 Prozent bei Girocard-Zahlungen fällig. Enfore selbst nimmt von jeder bargeldlosen Transaktion einen pauschalen Betrag von drei Cent – allerdings nur bis zu einem maximalen Gesamtbetrag von 20 Euro im Monat. Diese Deckelung spricht für Börries’ Bemühen, die Händler und Dienstleister tatsächlich zu stärken.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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