Verbessern soziale Medien die Welt?

Geschrieben von am 28/08/2017 in brand eins mit 0 Kommentare

Die Geschichte der sozialen Medien ist voller retweeteter, geteilter und gelikter Missverständnisse. Und das, obwohl diese Geschichte noch nicht einmal besonders lang ist.

Als vor rund zehn Jahren soziale Medien in Deutschland bekannt wurden, traute ihnen niemand viel zu. Gelangweilte Teenager könnten sich dort virtuell „anstupsen“, planlose Twens Fotos ihres Biofrühstücks posten, so die herrschende Meinung.

Die änderte sich ab Dezember 2010, als Rebellionen in Tunesien, Ägypten, Libyen und anderen arabischen Staaten die Schlagzeilen bestimmten und die sozialen Medien mit dem Arabischen Frühling in Verbindung gebracht wurden. Plötzlich wurde die aufklärerische Wirkung von Twitter und Facebook gepriesen. Sie erlaubten den Menschen in von Autokraten regierten Ländern, sich zu vernetzen und eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Auch ökonomisch wurden die sozialen Medien immer wichtiger: Niemand, der im Netz wahrgenommen werden wollte, konnte mehr auf die vermeintlich kostenlos zu habende Aufmerksamkeit bei Facebook verzichten. Vom Großkonzern bis zum Mittelständler begannen die Firmen, Twitterteams und Facebook-Verantwortliche einzustellen.

Wie es sich für jeden Hype gehört, schien auf eine Unter- eine gewisse Überschätzung zu folgen, die sich, so stand es zu vermuten, nach einigem Hin und Her auf einem vernünftigen Mittelmaß einpendeln würde.

Dieser Text stammt aus der Jubiläumsausgabe der brand eins, in der die Redaktion 100 Antworten auf 200 Fragen gab.

 

Doch dann passierte Donald Trump. Und Geschichten mazedonischer Teenager machten die Runde: Mit Hunderten von Websites, auf denen sie Clinton-feindliche „Fake News“ verbreiteten und über Facebook auf Millionen Bildschirme in den USA brachten, hätten sie Tausende Werbedollars verdient und geholfen, Trump ins Weiße Haus zu bringen.

Plötzlich galten die sozialen Medien als gefährlich. Doch so einfach ist es nicht. Unbestritten ist, dass sie eine immer größere Rolle spielen. Jeder fünfte Internetnutzer informiert sich bei Facebook, Twitter & Co. über aktuelle Nachrichten; die Plattformen sind in kürzester Zeit zu wichtigen Faktoren bei der öffentlichen Meinungsbildung geworden.

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Bedrohen soziale Medien die Demokratie, weil sie Fehlinformationen und Hass verbreiten und Menschen auf diese Weise radikalisieren? Oder sind Plattformen wie Facebook und Twitter nur neutrale Intermediäre, und die Phänomene, die wir gerade beobachten, hätten ohne sie genauso stattgefunden? An radikalen Thesen und Forderungen („Facebook zerschlagen!“) herrscht derzeit kein Mangel. Die Wahrheit liegt jedoch wie so oft in der nicht ganz so spektakulären Mitte.

Eine Annäherung an das Phänomen Social Media über acht Mythen.

Mythos 1: Soziale Medien bilden nur die reale politische Stimmung ab

Das ist aus drei Gründen falsch.
1) Neue, radikale politische Akteure – wie zum Beispiel Pegida oder die AfD in Deutschland oder die Alt-Right-Bewegung in den USA – nutzen die sozialen Medien stärker als etablierte Parteien und Gruppierungen. „Das liegt unter anderem daran, dass ihnen die finanziellen und infrastrukturellen Mittel fehlen, um die klassischen Medien zu nutzen“, sagt Cornelius Puschmann, der das Thema am Hamburger Hans-Bredow-Institut erforscht. „Die AfD hat beispielsweise mehr Facebookfans als alle anderen Bundestagsparteien. Gleichzeitig können diese Akteure die sozialen Medien mehr oder weniger aus dem Stand sowohl zur Außen- als auch zur Innenkommunikation und zur Mobilisierung nutzen, ein kostengünstiger One-Stop-Shop gewissermaßen.“

2) Nutzer mit extremen Ansichten – egal ob rechts oder links der Mitte – betätigen sich stärker in den sozialen Medien als solche mit gemäßigten Ansichten. Wahrscheinlich deshalb, weil Menschen, die der Ansicht sind, ihre Meinung finde nicht genug Gehör, eher bereit sind, mehrere Stunden am Tag Postings zu verbreiten, zu teilen und zu kommentieren.

3) Die Architektur von Netzen wie Facebook begünstigt emotionale und radikale Äußerungen gegenüber sachlich-gemäßigten. „Aufgrund der ausschließlichen Finanzierung über Werbeeinnahmen ist Facebook weniger daran interessiert, die Nutzer ausgewogen zu informieren, als vielmehr sie möglichst lange auf der Seite zu halten“, sagt Axel Maireder, der das Social-Media-Forschungszentrum der GfK in Wien leitet. „Und dieses Engagement funktioniert nachgewiesenermaßen besser über Inhalte, die Emotionen ansprechen – selbst wenn es Wut ist. Oder über Dinge, die krasser sind als das, was ich sonst so zu sehen bekomme.“

Mythos 2: Filterblasen gab es schon immer

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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