Beat Gottwald: Der Neinsager

Geschrieben von am 15/02/2017 in brand eins mit 0 Kommentare

Der Manager Beat Gottwald entdeckt Talente. Ganz ohne Marktforschung. Das macht ihn in der Musikbranche zu einem gefragten Mann.

Es gibt wenige Branchen, die ihre Erfolge so anschaulich feiern wie die Musikindustrie. Goldene Schallplatten beispielsweise. Wer mehr als 100 000 Alben in Deutschland verkauft hat, dem wird eine verliehen. Es sind – trotz CD, MP3 und Streaming – immer noch echte vergoldete Schallplatten, eingerahmt und mit Plakette versehen.

Im Büro von Beat Gottwald in Berlin-Kreuzberg hängen einige solcher Trophäen, manche Gold, manche Platin. Platin bedeutet 200 000 verkaufte Alben. Der 36-jährige Gottwald gilt als einer der talentiertesten Musikmanager des Landes. Er hat nur wenige Musikkünstler unter Vertrag, dazu gehören der Rapper Casper, die Chemnitzer Indieband Kraftklub, die provokante Hip-Hop-Combo K.I.Z. – und alle hatten Nummer-eins-Alben in den deutschen Charts. Eine gute Trefferquote in einem Geschäft, in dem normalerweise ein Hit Dutzende Flops finanzieren muss. Gottwald, der alle Künstler unter Vertrag nahm, bevor diese erfolgreich wurden, scheint zu wissen, was zieht.

brand eins: Was muss eine Band haben, um erfolgreich zu werden?

Beat Gottwald: Unsere Künstler haben alle eine Grundidee. Etwas, wofür sie stehen. Die wussten alle von Anfang an, warum sie das so machen und wie sie es machen. Und vielleicht sehe ich das etwas früher als andere. Bei vielen anderen Firmen wären diese Bands durchs Raster gefallen.

Warum?

K.I.Z. nutzen zu viele Schimpfwörter, Casper hat keine Radiostimme und so weiter. Aber bei allen Bands war immer dieses übermäßige Maß an Talent erkennbar, und darauf haben wir aufgebaut, einfach durch Machen und Ausprobieren.

Ob bei den Radiosendern oder den Plattenfirmen – Marktforschung spielt in der Branche eine wachsende Rolle. Bei Ihnen nicht?

Das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber wir lachen oft über die größeren Firmen, die versuchen mit Marktforschung zu punkten. Ich glaube, dass Musik das letzte Unberechenbare auf der Welt ist. Zum Glück! Es kommen einfach zu viele Dinge zusammen. Das ist so, als müsste man seiner Mutter erklären, was cool ist. Es ist einfach wahnsinnig schwer zu benennen, warum man die eine Sache cool findet und eine andere, die fast identisch ist, nicht. Wenn eine Band aber nicht cool ist, gibt es keinen Marketingtrick auf der Welt, mit dem du sie cool machen kannst.

Aber man kann sie trotzdem in die Charts bringen, oder?

Ja, aber das kostet Geld und würde mir keinen Spaß machen. Damit eine Band für mich funktioniert, braucht sie eine gewisse Greifbarkeit. Die entsteht oft dadurch, dass sie irre viel getourt hat. Dass die Musiker auf Sofas geschlafen haben – dass sie eben nicht von Anfang an umgarnt und verhätschelt wurden.

Und die großen Plattenfirmen verstehen so etwas nicht?

Das Problem bei großen Plattenfirmen ist, dass sie oft sehr gute Leute eingestellt haben, ihnen aber nicht vertrauen. Oft sind das Mitarbeiter, die bereits bewiesen haben, dass sie ein gutes Gespür haben. Trotzdem wollen die Plattenfirmen von denen immer noch mal alles durch Zahlen unterfüttert und vorab durchgerechnet haben. Dann werten alle wie verrückt das Spotify-Nutzerverhalten und irgendwelche Statistiken aus. Und wollen damit das Verhalten der Kids vorhersagen. Aber die lassen sich eben nicht so einfach berechnen.

Könnte es nicht sinnvoll sein, beispielsweise via Spotify nachzusehen, in welchen Gegenden Ihre Bands besonders gut ankommen – um genau dort Konzerte zu buchen?

Das verstehe ich null! Welche Lehre soll ich daraus ziehen? Lasse ich sie nur da touren, wo es sowieso schon gut läuft? Würde es nicht vielleicht mehr Sinn ergeben, sie dorthin zu schicken, wo sie noch nicht so bekannt sind, um sie bekannt zu machen? Was bringen mir diese Zahlen? Es gibt vielleicht Menschen, die etwas sehen, wenn sie auf diese Zahlen schauen. Ich seh’ da nix.

Gottwald heißt in Wirklichkeit Bernhard mit Vornamen, er nennt sich Beat und spricht es englisch aus. Seine Managementfirma nannte er Beat The Rich. Im Eingangsbereich erinnert ein Zettel „Wenn Waschmaschine läuft – Tür zu“ an die Zeit, als er noch im Büro wohnte und eines der Zimmer sein Schlafzimmer war. Mittlerweile wohnt er unter der Woche ein paar Straßen weiter und am Wochenende auf dem Land. Ihre Wäsche dürfen seine Mitarbeiter immer noch in der zurückgelassenen Waschmaschine waschen.

Um die ehemalige Hinterhofklitsche Beat The Rich hat sich inzwischen ein kleines Imperium gebildet: Mit Landstreicher Booking GmbH hat Gottwald gemeinsam mit Felix Hansen eine Konzertagentur gegründet, die neben seinen eigenen mehr als 100 andere Künstler vertritt und auf Tour schickt. Zum Beispiel die gerade extrem erfolgreichen Shootingstars von AnnenMayKantereit oder die mehrfach platinprämierte Pop-Band Juli. Check Your Head ist für Pressearbeit und Promotion verantwortlich. Auch dort nehmen viele andere Künstler und deren Plattenfirmen die Expertise und Dienste von Gottwalds Team in Anspruch. Krasser Stoff schließlich ist eine GmbH, die Gottwald zusammen mit Kompagnon Markus Ellmer und der Band K.I.Z. gegründet hat, um Merchandising wie T-Shirts und Poster für insgesamt 60 Bands von Tocotronic bis Samy Deluxe zu verkaufen.

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Text & Interview: Christoph Koch
Erschienen in: brand eins

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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