Sieben Tage wach – Polyphasenschlaf im Test

Geschrieben von am 10/02/2017 in Neon mit 3 Kommentare

Die Verfechter des Polyphasenschlafs sagen: Wer Zeit gewinnen will, muss mehrere Nickerchen am Tag machen, statt nachts acht Stunden durchzuschlafen. Das sei effizienter und sogar natürlicher. Ich habe das Modell getestet.

Das vibrierende Armband weckt mich um zwei Uhr morgens. Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer und versuche, mich daran zu erinnern, wie man Kaffee macht. Drei Stunden habe ich geschlafen. Heute beginnt mein Experiment in Sachen Polyphasenschlaf. Die Erfinder dieses Modells sagen: Von den acht Stunden, die der Mensch normalerweise nachts im Bett rumgammelt, verbringt er nur einen kleinen Teil mit Tief- und REM-Schlafphasen. Diese gelten als essenziell im REM-Schlaf träumen wir mit zuckenden Augen („Rapid Eye Movement“), speichern Gelerntes und verarbeiten Erlebtes zu Erinnerungen. Die Tiefschlafphase wiederum ist wichtig für Hormon- und Immunsystem. Wer weniger schläft, dafür aber Naps über den Tag verteilt, soll viel schneller in diese wichtigen Phasen kommen der unnütze Leichtschlaf wird also wegrationalisiert, so die Theorie. Effizienter Schlafen. Was wie ein Widerspruch klingt, verspricht natürlich den größten Reichtum unserer modernen Welt: mehr Zeit! Je nach Modell vier bis sechs zusätzliche Stunden Wachsein pro Tag. Entschuldigung, aber wo muss ich unterschreiben?

Ich gehe auf den Balkon, die kalte Luft soll mich endgültig wecken. Ohrenbetäubende Stille: kein Verkehrslärm, aber auch kein Vogelgezwitscher, keine Nachbarskinder. Ich beschließe, meine ersten geschenkten Stunden zu nutzen, um gewissermaßen die Bedienungsanleitung für mein neues Schlafkonzept zu lesen. Erste Erkenntnis: Es entspricht gar nicht dem menschlichen Naturell, in der Nacht acht Stunden durchzuschlafen. Historiker wissen, dass die Menschen bis ins 17. Jahrhundert ihren Schlaf in zwei etwa gleich große Blöcke geteilt haben, unterbrochen von einer ein- bis dreistündigen Pause. In der besuchten sie Nachbarn, lasen, rauchten, hatten Sex. Manchmal sicher auch alles auf einmal. In zahlreichen Büchern aus dieser Zeit, in denen von Charles Dickens bis zu „Don Quijote“ , wird ganz selbstverständlich vom ersten Schlaf und zweiten Schlaf gesprochen. Das Verrückte: Wenn man Menschen ohne elektrisches Licht und Bürostechuhr leben lässt, fallen sie laut einem berühmten Experiment des US-Psychologen Thomas Wehr nach ein paar Wochen wieder in diesen zweigeteilten Schlafrhythmus zurück.

Um sechs Uhr morgens so richtig wach fühle ich mich immer noch nicht ist es Zeit für mein erstes Nickerchen. Es gibt verschiedene Modelle für Polyschläfer: Das krasseste ist der „Uberman“ , bei dem man sechs 20-Minuten-Naps gleichmäßig über Tag und Nacht verteilt, insgesamt also nur noch zwei Stunden schläft. Ich probiere das Modell „Everyman“ , mit drei Stunden Kernschlaf pro Nacht und drei 20-Minuten-Naps. Bedeutet aufs Jahr gerechnet immer noch 60 zusätzliche Tage. Vielleicht ist es die Aufregung über so viel gewonnene Zeit, die mich bei meinem ersten Nap wach liegen lässt. Vielleicht auch der Stress, so schnell wie möglich in die REM-Phase zu kommen.

Tagsüber geht es mir gut, weitere Nickerchen folgen um elf und um 16 Uhr. Am Abend fühle ich mich, als hätte jemand einen Flugzeugträger auf mich drauffallen lassen. Gähnen und Zähneklappern wechseln sich ab, ich kann an nichts anderes denken als an die himmlische Beschaffenheit meines Kopfkissens. Als meine Frau und ich abends bei Freunden eingeladen sind, kann ich dem Gespräch kaum folgen. Ich bin zu müde, um zu kauen, und schaufle das Essen erschöpft in mich hinein. Mein Magen signalisiert, dass er nicht einverstanden ist, und als ich mich eine halbe Stunde später im Bad übergeben muss, hoffe ich, dass es niemand hört. Auf dem Nachhauseweg muss ich aussehen wie ein Junkie, den seine bemitleidenswerte Frau nach Hause zu bugsieren versucht, während er immer wieder ohnmächtig wird. Ich schäme mich, dass ich schon am ersten Tag derart schlapp mache. Ich hatte erwartet, dass es mir erst nach der zweiten oder dritten Drei-Stunden-Nacht die Beine wegzieht.

Wecker trotzdem wieder auf zwei Uhr. Es geht mir ein wenig besser als am Vorabend, trotzdem habe ich noch Kopfschmerzen, und mir ist permanent kalt. Schlafentzug hat offensichtlich denselben niedrigen Wellnessfaktor wie ein Alkoholentzug. Irgendwie schleppe ich mich durch den Tag, mir werden olympische Augenringe bescheinigt. Statt meine gewonnene Zeit damit zu verbringen, Klavierspielen oder Esperanto zu lernen, muss ich all meine Energie darauf verwenden, nicht mit meinem Gesicht in die Kürbissuppe zu fallen, die dampfend vor mir steht. Irgendwie schaffe ich es, mich wach zu halten, und schlafe tatsächlich nur zu den erlaubten Zeiten.

SCHIFFBRÜCHIGER IM MEER DER NACHT

Am vierten Tag findet morgens um drei Uhr das zweite TV-Duell der US-Wahl statt. Für die meisten Deutschen unpraktisch, für mich Frühstücksfernsehen. Ich schaue es mir auf Youtube an, während ich im „Haus am See“ sitze, einer Mischung aus Café, Bar und Club in Berlin-Mitte, 24 Stunden am Tag geöffnet. Um mich herum trinken alle Gin Tonic und Moscow Mule. Bei mir gibt es Apfelschorle. Ich höre betrunkene Welteroberungspläne am Tresen, sehe Paare auf den Sofas, die sich noch nicht ganz sicher sind, ob sie zusammen oder getrennt nach Hause gehen wollen. Und dazwischen ich, mit dem Laptop auf den Knien. Für mich ist Vormittag. Gegen fünf Uhr packt der DJ zusammen, statt seiner Electrobeats läuft jetzt Bruce Springsteen. „I’m on Fire“ . Eine der letzten Nachtgestalten fragt mich, ob ich ihm „was“ verkaufen kann. Das bin ich anders als das Gegenteil in meinem ganzen Leben noch nie gefragt worden. Ist jemand, der um fünf Uhr morgens in einer Bar nichts trinkt, automatisch verdächtig, nur aus geschäftlichen Interessen dort zu sein? Oder dachte er, ich ordere das Zeug per Laptop direkt für ihn im Darknet? Ich denke an den Roman „Eine Art Idol“ des verstorbenen Journalisten Marc Fischer. Darin geht es um einen Mann, der nach einer Japanreise zwar nach Europa zurückkehrt, aber nicht in die hiesige Zeitzone. „Ich war ein Schiffbrüchiger im Meer der Nacht“ , so der tragische Held, der von nun an nachts lebt. „Die Uhr lief für mich entgegengesetzt, also lief von nun an auch mein Leben entgegengesetzt.“ Auf dem Nachhauseweg fahren leere Straßenbahnen an mir vorbei, nur ein Flaschensammler ist noch unterwegs. Und zum ersten Mal esse ich um fünf Uhr morgens Falafel, ohne dabei besoffen zu sein. Hey, alles für die Wissenschaft!

Als ich die Daten meines Schlaftrackers auswerte, stelle ich fest, dass ich in meinen kurzen Nächten tatsächlich auf fast genauso viel Tiefschlaf komme wie zu Zeiten, als ich noch verschwenderische acht Stunden an der Matratze gehorcht habe: im Schnitt 39 Minuten statt früher 51. Beim REM-Schlaf fällt die Bilanz aber deutlich schlechter aus: In Acht-Stunden-Nächten verbrachte ich im Schnitt zwei Stunden und 16 Minuten in der Traumphase, in den verkürzten Nächten nur 39 Minuten weniger als ein Drittel. Auch die Schlafforschung ist, was Polyphasenschlaf betrifft, sehr skeptisch: Der Gedanke, man könne seine innere Uhr hacken und sich an einen Rhythmus wie Uber- oder Everyman gewöhnen, wie er in Internetforen propagiert wird, sei Quatsch, schreibt zum Beispiel der Neurobiologe Piotr Wozniak. Und in der Tat: Bei Schichtarbeitern, die jahrelang unregelmäßig schlafen, wurde in Studien ein erhöhtes Risiko für Krebs, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Beschwerden und andere Krankheiten festgestellt. Angebliche Polyschläfer wie da Vinci, Edison, Churchill? Alles Mythen, ergaben Wozniaks Recherchen. Selbst der Neurologe Claudio Stampi, der sich unter anderem für die Nasa mit dem Polyphasenschlaf intensiv befasst hat, empfiehlt die Methode nur in Extremsituationen: Solosegler zum Beispiel, die auf langen Strecken partout so wenig wie möglich schlafen müssen, tun gut daran, sich den wenigen Schlaf in kleine Häppchen aufzuteilen. Alle anderen seien mit sieben bis acht Stunden am Stück pro Nacht besser bedient.

Wie man den rigorosen Zeitplan des Uberman-Plans mit sechs Mininickerchen als berufstätiger Mensch hinbekommen soll, ist sowieso fraglich. Ich arbeite als Freiberufler von zu Hause aus und muss mich dank Everyman nur dreimal am Tag hinlegen. Doch selbst das ist nicht immer einfach. Als ich einmal zum Recherchieren und Schreiben in der Staatsbibliothek bin, setze ich mich in einen der Lesesessel, stelle mir einen Timer am Telefon ein und versuche halb sitzend, halb liegend zu schlummern. Nach ein paar Minuten schnarche ich mich selbst wach, die Blicke der Umsitzenden schwanken zwischen amüsiertem Grinsen und tödlichem Laserstrahl. Ein anderes Mal habe ich einen Termin in einem entfernten Stadtteil, mein Bett ist unerreichbar, als es Zeit wäre, mich hinzulegen. Ich habe gelesen, dass es in New York und São Paulo inzwischen Powernap-Bars gibt, in denen man sich für ein paar Minuten aufs Ohr hauen kann. Und tatsächlich hat Berlin so etwas auch: Im „Nickerchen“ , unweit des Checkpoint Charlie, wird mir von der freundlichen Betreiberin „Wolke 1“ zugeteilt. Bis „Wolke 7“ reichen die durch schwere Tücher abgetrennten Schlafseparees. 30 Minuten kosten acht Euro. Der Polyphasenschlaf und seine Naps scheinen sich allerdings nicht durchgesetzt zu haben: Ich bin der Einzige, der hier nachmittags rumliegt. „Mach dir keinen Stress mit dem Einschlafen“ , wird mir gesagt. „Das wirkt nur kontraproduktiv. Entspanne dich und höre auf deinen Atem. Vielleicht döst du nur ein bisschen. Auch total okay. “ Nett gemeint, aber ich bin bereits ausgeknipst, da hat die Betreiberin die Tür noch nicht hinter sich zugemacht.

LEBEN IN DER TWILIGHT ZONE

Eine Woche habe ich am Ende den polyphasischen Schlaf getestet. Nach dem schlimmen Einstieg war es auszuhalten einmal habe ich sogar ein Nickerchen einfach vergessen. Aber hat es sich tatsächlich gelohnt? Sicher, ich hatte mehr Zeit. 20 Stunden pro Tag statt wie bisher 16. Gleichzeitig hatte ich aber die ganze Zeit das Gefühl, bergauf zu laufen. Alles dauerte länger, war anstrengender, ein leichter Schleier hing über allem. Ich habe in der Woche tatsächlich jeden Tag Sport gemacht etwas, das bei mir sonst als Erstes bei Zeitmangel wegfällt. Das lag aber auch daran, dass ich wusste, dass Sport mich vergleichsweise gut wach hält. Und es ist tatsächlich ein Erlebnis, morgens um vier über den menschenleeren Alexanderplatz und die Museumsinsel zu joggen, wo sich sonst Touristen und Souvenirverkäufer gegenseitig auf die Füße treten. Für all die Bücher, die ich in meinen zusätzlichen Stunden lesen wollte, war ich jedoch viel zu müde und unkonzentriert. Wenn meine Freunde abends ausgingen, musste ich schlafen; wenn ich dann morgens um vier wach war, lagen sie im Bett. Nein, in dieser ständigen Twilight Zone zwischen Wachsein und Schlafen möchte ich nicht dauerhaft leben. Denn wenn Zeit tatsächlich Geld ist, wie man sagt, dann ist es mit dem Mehrphasenschlaf so: Vielleicht hat man wirklich ein wenig mehr davon. Aber man kann es nur für Kram ausgeben, der einen nicht interessiert. Außerdem könnte es sein, dass selbst der reine Zeitgewinn am Ende nur ein leeres Versprechen ist. Bei Fruchtfliegen haben Forscher nämlich festgestellt, dass diejenigen, die aufgrund einer genetischen Besonderheit mit deutlich weniger Schlaf auskommen als ihre Artgenossen, gleichzeitig kürzer leben. So gleicht sich eben alles aus.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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3 Leserkommentare

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  1. Alex Anderson sagt:

    Sehr geehrter Herr Koch,
    Sie beschreiben den Polyphasen Schlaf mehr Populärwissenschafzlich und sind, wenn überhaupt. Ziemlich Blauäugig herangegangen.
    Es kann bis zu 10Wochen dauern wenn Sie Ihren Körper ordentlich heranführen wollen an diesen extremen Wechsel. Sie sollten vor dieser 10wöchigen Phase auch einen recht gesunden Lebensstil haben und ebenso psychologisch stabil sein.

    Der polyphase Schlaf kann in der Theorie von jeden erlernt werden aber nicht jeder ist von Heute auf Morgen bereit diesen Wechsel durchzuführen. Das muss auch nicht sein. Denn es geht hierbei nicht darum was besser oder schlechter ist. Viel mehr sollte das ein Experiment sein das -wenn es glückt, ein Lebensstill wird.

    Ihr Artikel wendet sich an junges Publikum Und suggeriert: ein krasses Typen der was heftiges/extremes ausprobiert hat.

    Dabei kann der polyphase Schlaf ein sehr positiver Lebensumbruch sein der einen Menschen sehr vieles ermöglicht.

    Nennt sich das jetzt Journalisums? Oder habe ich etwas verpasst weil es sogar investigativer Journalismus war? : D

    Einen schönen Sonntag.

    • Hallo,

      als sonderlich investigativ würde ich den Artikel nicht bezeichnen. Ich habe es halt mal ausprobiert (und soweit es mir ohne ein Schlaflabor möglich war, auch versucht, Dinge wie Tiefschlafphasen etc. auszuwerten). Mit einer Woche sicherlich nicht wahnsinnig lang. Aber auch die Experten, die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben (und die ich im Text ja auch nenne, z.B. Stampi und Wozniak) kommen ja zu keinen anderen Ergebnis. Sie schreiben, der Polyphasenschlaf könne „ein sehr positiver Lebensumbruch sein der einen Menschen sehr vieles ermöglicht“. Mag sein, nur einen Beweis gibt es dafür leider noch nicht. Sollten Sie den haben: Ich bin – gänzlich unironisch gemeint: neugierig.

  2. Isaak Schmidt sagt:

    Ich bin jetzt seit 2 Jahren ein Nutzer des Everymans mit 3 Naps, habe es inzwischen so hingebogen, dass ich bei mir in der Mittagspause einmal schlafe, einmal abends beim Nach-Hause-kommen und um 23:00 Ihr. Die Hauptschlafphase lege ich am Liebsten bis Kurz vor Arbeitsbeginn, hält mich persönlich Fit. Es funktioniert eigentlich alles einwandfrei und ich selbst kann nur Zustimmen, was Alex schon sagte, ich habe 4 1/2 Wochen gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, jedoch finde ich selbst, das war es wert, mit der geschenkten Zeit kann ich einigen meiner Hobbys viel Intensiver nachgehen.

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