„Er ist der Künstler. Ich bin nur die Leinwand“ – Kinderzeichnungen als Tattoo

Written by on 15/07/2016 in Nido with 0 Comments

Blume, Roboter, Ahornblatt: Der Kanadier Keith Anderson lässt sich jedes Jahr eine Zeichnung seines Sohnes auf den Arm tätowieren – und wurde damit zum Internetphänomen. Ein Gespräch über das Leben in Bildern.

Ihr rechter Arm ist überzogen mit Zeichnungen Ihres Sohnes Kai, der heute elf ist. Man sieht kaum noch eine freie Stelle. Machen Sie bald auf dem linken Arm weiter?

Das geht nicht, der ist bereits tätowiert. Dort trage ich keltische Symbole. Mein Großvater ist aus Schottland nach Kanada ausgewandert. Mein linker Arm symbolisiert gewissermaßen mein Erbe und meine Familie in der Vergangenheit, mein rechter die Zukunft.

Trotzdem kommt ja jedes Jahr ein Bild dazu. Was, wenn der Platz ausgeht?

Entweder malt Kai kleinere Bilder (lacht) – oder wir machen auf meinem rechten Bein weiter. Das ist noch Platz.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee?

Offen gesagt hat mein jüngerer Bruder damit angefangen. Er hat sich ein Bild auf seine Wade tätowieren lassen, das seine Tochter gemalt hatte. Ich fand das großartig. Aber während ihm das eine Tattoo reichte, dachte ich, es wäre spannend, die kreative Entwicklung von Kai zu dokumentieren und jedes Jahr ein Bild auszuwählen und hinzuzufügen.

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Mit welchem Bild ging es los?

Mit der Blume. Das war 2008, damals war Kai fünf Jahre alt.

Gab es das Bild schon, als Ihnen die Idee mit dem jährlichen Tattoo kam?

Nein, als ich mir das überlegt habe, hatte ich noch kein konkretes Bild vor Augen. Als Kai dann die Blume malte, wusste ich sofort, dass sie der perfekte Start wäre. Die Farben sind toll, die Größe passt und sie ist einfach ein kleines Kunstwerk. Also fragte ich ihn, ob er einverstanden wäre, wenn ich mir das Bild in die Haut stechen lassen würde. Er war begeistert und sehr aufgeregt.

Nimmt er die Sache ernst?

Ja, sehr. Er hat verstanden, dass eine Tätowierung etwas Dauerhaftes ist. Deshalb ist es ihm sehr wichtig, dass er mit dem Bild einhundert Prozent zufrieden ist. Ein Jahr haben wir ausgesetzt. Einfach, weil er das Bild, das wir ausgewählt hatten – ein Mond mit Sternenhimmel – an manchen Stellen nicht schön genug fand und es noch einmal überarbeiten wollte.

Wählen Sie die Bilder gemeinsam aus?

Im Lauf eines Jahres diskutieren wir verschiedene Bilder. Manchmal malt er eines mit dem festen Plan, dass es ein Tattoo-Bild werden soll. Das Ahornblatt war so eines. Hin und wieder schlage ich ihm eines der Bilder vor, die er einfach so gemalt hat. Manche Vorschläge findet er gut und mit manchen ist er nicht einverstanden – aber am Ende finden wir immer eins, auf das wir uns einigen können.

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Welches ist Ihr Lieblingsbild?

Die Blume. Zum einen weil es das erste war und das ganze Projekt symbolisiert. Zum anderen hat er es zu einem Zeitpunkt gemalt, als er dabei war, vom Kindergarten in die Schule zu wechseln, es markiert also einen wichtigen Punkt in seinem und meinem Leben.

Welches seiner Bilder findet Kai am besten?

Bei ihm wechselt es oft. Das eher abstrakte, das ich „Kirchenfensterglas“ nenne, mag er sehr gerne. Und natürlich den Roboter, weil der als Letztes dazugekommen ist und er jetzt schon ein bisschen besser zeichnen kann.

Sind ihm die alten Bilder unangenehm?

Überhaupt nicht – und darüber bin ich sehr froh. Es gefällt ihm, sich daran zu erinnern, wo er ein Bild gemalt hat, wie alt er damals war und was er sich dabei gedacht hat.

Steht das Bild für 2015 schon fest?

So ziemlich. Es ist ein Schwert mit einer zerbrochenen Klinge. Vermutlich werde ich es mir im Sommer tätowieren lassen. Und dann holen wir vielleicht auch das Mond-und-Sterne-Bild nach, das wir ausgelassen haben.

Sprechen Sie mit Kai darüber, was es Kai bedeutet, dass Sie seine Bilder auf Ihrem Körper verewigen?

Ich glaube, er spürt ganz instinktiv, was das bedeutet. Durch dieses Projekt, aber auch durch die anderen Dinge, die wir gemeinsam unternehmen, merkt er, was ich bereit bin, für ihn zu tun, dass ich an seiner Seite stehe. Ich versuche ihm zu vermitteln: Hey, ich bin zwar dein Vater und ich habe geholfen, dich zu erschaffen, aber ich bin auch ein Typ, mit dem du reden kannst, dem du deine Gefühle, Geheimnisse und Gedanken anvertrauen kannst. Für mich sind die Tätowierungen nur eine Art von vielen, ihm zu zeigen, dass ich es ernst meine. Dass ich mit ihm gemeinsam Dinge erleben und an seiner Seite durchs Leben gehen will. Und ich bin mir sicher, er spürt all das und versteht es ganz genau.

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Wie reagieren denn Fremde, wenn sie die Tätowierungen sehen?

Momentan haben wir hier in Kanada noch minus 25 Grad Celsius, da bin ich so warm eingepackt, dass niemand die Tätowierungen sieht. Aber im Sommer, wenn ich kurze Ärmel trage, fragen mich viele Leute, ob mein Sohn mit Filzstift auf mir rumgemalt hat. Wenn ich ihnen dann erzähle, dass es eine Tätowierung ist, denken wiederum manche, ich lasse meinen Sohn mit einer Tätowiernadel auf mir herummalen. Wenn ich ihnen das Prinzip dann endgültig erklärt habe, finden es die meisten aber cool. Selbst die, die sonst nichts mit Tätowierungen anfangen können.

Aber eine Standardreaktion auf Tätowierungen ist doch „Und was ist, wenn Sie es eines Tages bereuen?“

Bei „normalen“ Tattoos sagen das die Leute oft. Aber ich höre das so gut wie nie. Ehrlich gesagt ist es mir auch egal, was die Leute darüber denken. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich freue mich, wenn mich Leute darauf ansprechen und ich rede gerne darüber. Aber was die Leute davon halten, hat für mich nicht die geringste Bedeutung.

Und was sagt Kais Mutter?

Sie fand das auch eine super Idee, alles cool. Wir sind voneinander getrennt. Aber Kai verbringt mit uns beiden viel Zeit. Wir sind eine tolle Patchworkfamilie.

Wie sehr müssen Sie Kai schon davon abhalten, sich selbst tätowieren zu lassen?

Er ist definitiv sehr fasziniert davon. Das liegt aber auch daran, dass in meiner Familie und meinem Freundeskreis viele Leute tätowiert sind. Er versteht aber auch, dass das eine Frage des Alters ist. In Kanada ist man ab achtzehn volljährig, dann kann er tun, was er will. Ich habe ihm aber erklärt, dass er selbst dann gut drüber nachdenken soll. Ein Tattoo soll eine Bedeutung haben und ist nichts, was man leichtfertig tut. Ich selbst war schon 26, als ich mir mein erstes Tattoo stechen ließ. Vorher war ich mir einfach nicht sicher.

Stimmt es, dass Kai bei einigen Ihrer Tattoos selbst zur Tätowiernadel gegriffen hat?

Ja, das ist richtig. Ein Freund von mir ist Tätowierer und bei den letzten drei Bildern durfte Kai mitkommen, sich die Latexhandschuhe anziehen und für jeweils fünfzehn bis zwanzig Sekunden die Nadel führen. Er kriegt einen totalen Kick dadurch und findet es großartig, auch auf diese Weise Teil des gesamten Projekts zu sein. Und mir macht es Freude, zu sehen, wie er immer geschickter wird. Wie er sich merkt, wie man die Nadel halten muss und wie die Maschine funktioniert.

Wie werden die Bilder denn auf Ihre Haut übertragen?

Der Tätowierer nimmt Kais Bild, scannt es ein und druckt es spiegelverkehrt auf einer Art Transferfolie aus. Die überträgt er dann als Vorlage auf den Arm und zeichnet die Umrisse nach. Die Fläche füllt er dann mit freier Hand aus, nachdem wir die Farben so angemischt haben, dass sie den Farben auf der Originalzeichnung möglichst nahekommen.

Viele Eltern hadern damit, wie viele von den Bildern ihrer Kinder sie aufbewahren sollten. Können Sie durch die Tattoos ohne schlechtes Gewissen Hunderte von Bildern wegwerfen, die Kai nach Hause bringt?

Nein, ich hebe auch sonst wahnsinnig viel von dem auf, was Kai macht. Die Bilder, die es nicht auf meinen Arm schaffen, wandern in Einklebebücher oder Schuhkartons. Aber er wird jetzt elf und ich merke, dass er ohnehin nicht mehr so viel malt wie früher. Das bedeutet, dass ich weniger aufbewahren muss, aber auch, dass ich weniger Auswahl habe, was die Tattoo-Motive betrifft.

Auf Ihrem rechten Bein sei noch Platz, haben Sie gesagt. Wie lange soll das Projekt weitergehen?

Ich bin mir sicher, dass sich Kais Interessen irgendwann verlagern werden. In ein paar Jahren begeistert er sich vielleicht mehr für Sport oder Musik als fürs Zeichnen. Vielleicht malt er dann noch ein Bild pro Jahr für die Tätowierung. Vielleicht hat er auch gar keine Lust mehr. Es ist unser gemeinsames Projekt, aber er ist der Künstler und ich bin nur die Leinwand. Wenn er keine Lust mehr hat, dann hören wir auf. Und falls er zwanzig Jahre später weitermachen will, machen wir weiter.

Im Internet sind die Fotos Ihren Tätowierungen zu einem viralen Phänomen geworden. Haben sich andere Väter bei Ihnen gemeldet, die etwas Ähnliches gemacht haben?

Nein. Ich habe ein paar Kommentare gelesen, dass, ähnlich wie mein Bruder, der ein oder andere ein einzelnes Kinderbild tätowiert hat. Aber meines Wissens gibt es kein anderes langfristiges Projekt.

Wurden Sie auch schon im „echten Leben“ als der tätowierte Vater erkannt?

Ja, aber erst einmal. Ich helfe jeden Freitagnachmittag ehrenamtlich in unserem örtlichen Krankenhaus. Eine andere Helferin, die zum ersten Mal dort war, guckte mich eine Weile an und sagte dann: „Du bist doch der Typ aus dem Internet, der sich die Bilder seines Sohnes tätowieren lässt.“ In der eigenen Heimatstadt mit gerade mal 80 000 Einwohnern erkannt zu werden als „der Typ aus dem Internet“ – das war schon seltsam.

Keith Anderson, 43, arbeitet im kanadischen Peterborough mit Behinderten. Bekannt wurde er, als die Fotos seiner Tätowierungen im Internet die Runde machten.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: Nido 4/2015
Fotos: Chance Faulkner

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About the Author

About the Author: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, GEO, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Digitale Balance" & "Was, wäre wenn ...?") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs, bei Mastodon @christophkoch@masto.ai .

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