„Er schrieb: ›Ich wette, du bist total eng‹.“

Geschrieben von am 11/07/2016 in Neon mit 0 Kommentare

Die 24-jährige Künstlerin Anna Gensler wurde auf Onlinedating-Plattformen sexuell belästigt und wehrte sich mit Karikaturen ihrer Peiniger. Dann bekam sie Morddrohungen.

?: Wann haben Sie zum ersten Mal Onlinedating ausprobiert?

!: Ich habe vor einem Jahr mein altes Klapphandy gegen ein Smartphone eingetauscht und mir dann Tinder runtergeladen, weil alle meine Freunde meinten, dass das eine tolle App sei, um Leute kennenzulernen. Ich habe mich also angemeldet. So ist es halt: Wenn alle deine Freunde auf eine Party gehen, willst du nicht fehlen. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, auf der populären Plattform mit derart vielen ekelhaften Anmachsprüchen konfrontiert zu werden.

?: Zum Beispiel?

!: »Ich hab hier einen Pferdeschwanz für dich.« Oder: »Ich wette, du bist total eng.« Oder: »Ich will dir meinen Schwanz in den Hals stopfen.« Ich krieg das nicht in meinen Kopf. Das war jeweils der erste Satz, den diese Männer mir geschickt haben. Am schlimmsten fand ich gar nicht, dass einzelne Anmachsprüche so extrem waren, sondern einfach ihre schiere Menge.

?: Wie war das Verhältnis von solchen gruseligen Anmachen zu normalen Nachrichten?

!: Ich würde sagen, bei etwa dreißig Prozent ging es schon im ersten Satz knallhart um Sex. Das ist zwar nicht die Mehrheit der Nutzer, aber es sind eben auch mehr als nur ein paar einzelne Spinner. Anfangs habe ich versucht, die sexuellen Belästigungen zu ignorieren. Aber die Worte haben mich getroffen. Also habe ich nach einem Weg gesucht, den Männern zu verdeutlichen, wie es sich für mich und vermutlich auch jede andere Frau anfühlt, so behandelt zu werden.

Screenshot 2016-07-08 11.42.07

?: Wie kamen Sie darauf, das Projekt »instagranniepants« zu starten und sich mit Karikaturen zu rächen?

!: Ich dachte, wenn ich ihnen empört zurückschreibe, löschen sie die Nachricht oder lachen sich einfach kaputt. Womöglich, dachte ich, finden sie das sogar auf eine kranke Art und Weise geil. Ich habe mir stattdessen ihre Profilbilder angesehen und sie dann nachgezeichnet. Die Bilder sind keine 1:1-Porträts, sondern zeigen die Männer vielleicht ein bisschen dicker, als sie in Wirklichkeit sind. Und sie haben alle einen kleinen Penis unter ihrem dicken, traurigen Bauch.

?: Denken Sie wirklich, dass die Typen einen kleinen Penis haben?

!: Na ja, wenn ich sie mit einer stattlichen Erektion darstellen würde, würden sie sich vermutlich über das gute Marketing freuen. Ich zeichne sie ja auch nicht superfett, sondern eher wie Durchschnittstypen, die vor ihren Smartphones sitzen. Ich möchte, dass sie denken: So sehe ich für diese Frau, der ich gerade diese unflätigen Sachen geschrieben habe, also aus. Der Grundgedanke ist, dass ich diese Männer auf eine Weise benutze, die mir eigentlich nicht zusteht. Ich mache also genau dasselbe, was sie mit ihren Sprüchen mit mir und anderen Frauen tun. Sie benutzen mich auf eine Weise, die ihnen nicht zusteht.

?: Warum, glauben Sie, verhalten sich Männer auf Onlinedating-Plattformen so?

!: Ich bin mir sicher, dass das nicht alles schlechte Menschen sind. Dafür sind es ja auch einfach zu viele. In einer Bar würden sie bestimmt nicht zu einer Frau gehen und sagen: »I want to tongue-punch you in the fart box!« Aber im Internet fühlen sie sich offenbar anonym und sicher.

?: Man kann einwenden, dass Apps wie Tinder oder Grindr nicht nur dafür genutzt werden, den Seelenverwandten zu finden, sondern auch, um Sexkontakte zu vermitteln. Muss man als erwachsener Nutzer heute leider damit rechnen, dass man sexuell belästigt wird, wenn man sich bei solchen Diensten anmeldet?

!: Ich habe das natürlich auch zu hören bekommen. Aber im Grunde bedeutet dieses Argument doch nur, dass eine Frau, die Lust auf unkomplizierten Sex hat, keinen Respekt verdient. Und damit will ich mich nicht abfinden. Ich habe außerdem nach einer Weile auch die Datingplattform Okcupid ausprobiert, auf der es ganz sicher nicht um schnellen Sex geht, sondern um langfristige Beziehungen. Auch dort bekam ich fast so viele obszöne Nachrichten wie auf Tinder. Ich will keine Studie darüber verfassen, auf welcher Plattform die höchste Wahrscheinlichkeit besteht, sexuell belästigt zu werden, sondern auf ein Problem hinweisen: Mir wurden mittlerweile von vielen Frauen Screenshots der unflätigen Anmachsprüche geschickt, die in ihrem Posteingang landeten. So etwas passiert auf allen Dahingleiten.


?: Wie ist das Feedback auf das Projekt?

!: Überwiegend positiv. Als ich anfing, hatte ich zwanzig Follower auf Instagram. Inzwischen sehen dort über 41 000 Menschen meine Bilder. Es melden sich viele Frauen bei mir, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und bedanken sich für die Bilder. Wenn meine Zeichnungen diesen Frauen ein wenig Kraft und Würde zurückgeben, freut mich das natürlich sehr. Aber ich habe auch Lob von Männern bekommen, die sich von fiesen Anmachen im Netz distanzieren.

?: Die abgebildeten Männer sind wahrscheinlich nicht besonders begeistert, wenn Sie ihnen die Zeichnungen schicken?

!: Es gibt mehrere Gruppen. Die einen blocken mich sofort. Ich kann also nichts über ihre Reaktion sagen, aber ich ahne, dass sie nicht begeistert sind. Andere sind überrascht und werden sehr aggressiv. Es ist, als würde bei ihnen ein Schalter umgelegt. Erst schreiben sie mir, wie sexy sie mich finden, dann, was sie alles mit mir machen wollen, und wenn ich mich mit den Bildern wehre, bezeichnen sie mich als hässliche, verklemmte Tussi. Eine dritte Gruppe versucht mir zu erklären, warum es vollkommen normal ist, was sie tun. Das sei nun mal die Natur des Mannes, die Evolution wolle es so und so weiter. Die vierte Gruppe beschwert sich ganz konkret über die Zeichnungen: »Mein Penis ist aber größer«, schrieb einer. Oder: »Warum bin ich der Dickste von allen?« Einer hat sich beklagt, ich hätte seine Brustwarzen nicht gut getroffen.

?: Hat man sich bei Ihnen entschuldigt?

!: Ein Mann schrieb mir tatsächlich, dass es ihm leid tue. Das Bild sei ihm zwar sehr peinlich, aber die Bloßstellung hätte er wohl verdient. Er versprach, in Zukunft besser darüber nachzudenken, wie er sich im Internet verhält. Ein Typ zeigte eine richtig kuriose Reaktion: Er hatte mich direkt gefragt, ob ich ihm einen blasen wolle. Nachdem ich ihm seine Karikatur geschickt hatte, schrieben wir eine Weile hin und her und er wirkte eigentlich so, als habe er verstanden, warum ich mich mit diesen Bildern gegen derartige Anmachen wehre. Am Ende schrieb er dann tatsächlich: »Aber jetzt mal im Ernst: Willst du mir einen blasen?«

?: Gab es auch Drohungen?

!: Ich habe nach dem Start von »instagranniepants« lange so getan, als sei alles in Ordnung, weil ich keine Schwäche zeigen wollte. In Wahrheit bekam ich aber nur wenig später Morddrohungen von einem der Männer, die ich gezeichnet hatte. Er drohte mir per Mail, auf meinem Blog und auf Instagram: »Ich werde rausfinden, wo du wohnst, und dich umbringen!«, »Diese brotlose Künstlerin wird bald eine tote Künstlerin sein!«, »Ich werde dich erschießen, Anna Gensler.«

?: Haben Sie die Polizei angerufen?

!: Natürlich. Aber die Polizei unternimmt in solchen Fällen nie was. Man sagte mir, an solchen Drohungen sei meist nichts dran, ich solle die Mails einfach löschen. Ich habe den Beamten dann die Drohungen, die IP-Adresse des Mannes und weitere Informationen übergeben. Trotzdem ist nichts passiert. Dabei bedrohte in diesem Moment jemand mein Leben!

?: Wie geht es jetzt weiter?

!: Keine Ahnung. Die Polizei könnte dem Typen ja zumindest mal einen Besuch abstatten. Ich habe inzwischen solche Angst, dass die Person, die mich bedroht, meine Adresse rausfindet, dass ich zu Freunden gezogen bin.

Cute, educated and ignorer of sarcasm. 💁

Ein von @annageeze (@instagranniepants) gepostetes Foto am

?: Geht es bei den Drohungen um ein konkretes Bild?

!: Ja, der Mann sagt, er würde mich töten, wenn ich nicht ein ganz bestimmtes Bild von meiner Seite nehme. Ich kann natürlich nicht beweisen, dass die Drohungen von dem Mann kommen, der auf dem Bild zu sehen ist, aber die IP-Adresse und alle Indizien deuten doch stark darauf hin.

?: Und haben Sie das Bild gelöscht?

!: Ich habe mich lange geweigert, weil ich mir von so einer Person nicht vorschreiben lassen wollte, was ich zu tun habe. Aber nun habe ich das Bild von der Seite gelöscht. Ich muss mich schützen. Die Polizei hat mir sogar geraten, mein Projekt komplett einzustellen.

?: Und werden Sie das tun?

!: Nein. Ich finde es heuchlerisch, wenn ich höre, dass es doch meine eigene Schuld sei, wenn ich bedroht werde. Ich habe mich nur dagegen gewehrt, dass ich im Netz permanent auf ekelhafte Art und Weise angemacht werde. Aber ich habe die Leute weder bedroht noch ihren vollen Namen ins Netz gestellt. Ich habe sie nur mit dickem Bauch und kleinem Penis gezeichnet: eine kleine, harmlose Kritzelei. Und trotzdem gibt es Aufruhr und Drohungen. Ich glaube, das liegt daran, dass manche Männer es einfach nicht ertragen, wenn Frauen nicht alles passiv hinnehmen und sich zur Wehr setzen.

Anna Gensler lebt in Washington, D.C. Mehr von ihren Bildern kann man auf granniepants.com oder ihrem Instagram-Account »instagranniepants« sehen.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: NEON 3/15

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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