Das Einkaufsnetz

Geschrieben von am 08/02/2016 in Nido mit 0 Kommentare

Seit Jahren kann man fast grenzenlos im Internet einkaufen. Selbst für Butter, Brot und Eier muss niemand mehr das Haus verlassen. Doch funktionieren Onlinesupermärkte auch wirklich? Wir haben ein paar von ihnen ausprobiert.

Samstagvormittag in der Kassenschlange eines Supermarkts. Zäh geht es voran. Storno an Kasse vier. Kinder quengeln, Eltern schwitzen. Einkaufswagen werden in Achillessehnen gerammt – und wenn eine neue Kasse öffnet, beginnt eine Stampede, als hätte in der ausgedörrten Steppe das letzte Wasserloch Happy Hour.

Der wöchentliche Großeinkauf ist alles andere als ein Vergnügen. Trotzdem scheuen sich die Deutschen nach wie vor, ihre Lebensmittel dort zu kaufen, wo sie sonst bereits fast alles erwerben: im Internet. Gerade mal 0,3 Prozent des Gesamtumsatzes im Bereich Nahrungsmittel werden online gemacht. Und die entfallen noch vorwiegend auf Spezialitäten, Süßwaren und Wein, die Kunden per Computer bestellen und sich liefern lassen. Kartoffeln, Milch und Äpfel schleppt der Deutsche immer noch am liebsten selbst nach Hause. Oder fährt sie parkplatzsuchend immer wieder um den Block.

Doch das soll sich jetzt ändern. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young wird der Marktanteil von online eingekauften Lebensmitteln von derzeit 0,3 Prozent auf 10 Prozent im Jahr 2020 steigen. Vor allem Familien zeigen am Bestellen Interesse: 64 Prozent von ihnen gaben in einer Umfrage an, in spätestens fünf Jahren Lebensmittel im Internet ordern zu wollen – in der Gesamtbevölkerung sagten dies immerhin 36 Prozent.

Kein Wunder also, dass von etablierten Ketten wie Rewe oder Edeka über Onlineshopping-Giganten wie Amazon bis zu Startups wie Shopwings immer mehr Anbieter Gemüse, Wurst und Tütensuppen per Klick verkaufen wollen. Doch klappt das im Alltag auch tatsächlich? Kommen die richtigen Sachen pünktlich und unvergammelt an? Spart man wirklich Zeit und Nerven? Oder ärgert man sich statt an der Supermarktkasse nur vor dem heimischen Computer – oder beim Auspacken? Wir haben sechs der großen Anbieter getestet und für jeweils 40 Euro eine bunte Warenmischung bestellt – wenn es möglich war, inklusive frischer Zutaten, Tiefkühlkost, Getränken und empfindlichem Obst. Ort des Tests war Berlin, leider bieten nicht alle Onlinehändler ihren Service im ganzen Bundesgebiet an. Erstes Gesamtfazit: Alles kam unbeschadet, in gutem Zustand und zur versprochenen Zeit an. Im Detail unterschieden sich die verschiedenen Dienste jedoch erheblich. Während man bei manchen nie wieder bestellen will, sind andere schon sehr gut geeignet, Kunden vom samstäglichen Supermarkthorror zu befreien. In den kleinen tollen Laden an der Ecke, in dem die Kinder immer mit dem niedlichen Hund des Olivenstandbesitzers spielen, kann man am Samstag ja trotzdem noch gehen. Aber dann halt deutlich weniger gestresst.

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EDEKA 24

Erste Enttäuschung: Die Rubrik „Frisches“ umfasst ganze acht Artikel – und besteht nur aus verschiedenen Sorten Zwiebeln, Kartoffeln und eingeschweißter Roter Bete. Dass es weder frisches Gemüse noch Tiefkühlware gibt, liegt daran, dass die Edeka-Ware per DHL rund zwei Tage unterwegs ist. Dafür umfasst das Angebot zahlreiche Konserven, Tütensuppen und auffällig viel und preisgünstigen Alkohol. Wer seine Hausbar auffüllen will, ist hier also besser beraten als jemand, der gerne mit frischen Zutaten kocht. Immerhin gibt es aber auch ein paar Bio- und Demeter-Produkte, vor allem Babynahrung.

Lieferung

Per Paket. Kann deswegen auch nicht genau terminiert werden. Im schlimmsten Fall ist man nicht zu Hause und muss das Paket am nächsten Tag vom Postamt abholen. Also lieber keine dringend benötigten Zutaten für den Geburtstagskuchen bestellen.

Zahlung

Paypal, Sofortüberweisung, Kreditkarte, Vorkasse, Nachnahme.

Kosten

Preise etwas teurer als im Edeka-Supermarkt. 3,95 Euro Versandkosten (entfallen ab 75 Euro Bestellwert).

Fazit

Richtig Spaß macht das Einkaufen nicht. Aufgrund des eingeschränkten Sortiments auch eher geeignet, um lang haltbare Vorräte aufzufüllen.


 

Shopwings

Interessantes Konzept: Nach Eingabe der Postleitzahl werden verschiedene Supermärkte angezeigt, in denen fleißige Shopwings-Helferlein für einen einkaufen können. In meinem Fall bei Lidl, bei Edeka und in einem Alnatura-Markt. Die Auswahl in Letzterem ist groß, man findet auch frisches Obst und Gemüse. Die Shopwings-Webseite ist die modernste von allen getesteten. Am meisten erstaunt bin ich aber über die Geschwindigkeit: Als ich morgens um 9 Uhr bestelle, wird mir 11 Uhr als erster möglicher Liefertermin vorgeschlagen. Jetzt will ich’s wissen. Etwa eine Stunde später kommt ein Anruf aus dem Biomarkt, weil zwei Produkte ausverkauft sind. Ich habe die Möglichkeit, Ersatz zu benennen oder die beiden Sachen zu stornieren.

Lieferung

Pünktlich um 11 Uhr steht die freundliche Einkäuferin mit einer großen Papiertüte in der Tür. Da es so schnell geht, ist keine große Kühlverpackung notwendig – gut für die Umwelt.

Zahlung

Kreditkarte und Paypal.

Kosten

Preise etwas teurer als im jeweils ausgewählten Supermarkt. Erste Lieferung kostenlos, danach pauschal 4,90 Euro bei einem Mindestbestellwert von 20 Euro.

Fazit

Unfassbar schnell und dadurch, dass man aus mehreren Supermärkten wählen kann, extrem flexibel, was das Sortiment betrifft.

Update 2016: Shopwings hat inzwischen seinen Dienst in Deutschland eingestellt. Ein ähnliches Angebot bietet bonativo.de, das ich aber nicht getestet habe. 


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REWE

Die Webseite ist übersichtlich und man findet ausführliche Informationen zu den einzelnen Produkten, oft sogar Nährwertangaben und Zutatenlisten. Das Sortiment ist groß und entspricht dem eines „Offline“-Rewe-Markts, inklusive Sonderaktionen und -angeboten. Sogar mit etwas ausgefalleneren Wünschen für ein Ottolenghi-Rezept (Limabohnen, Koriander etc.) kommt die Webseite klar. Nur beim Obst sind die Mengenangaben nicht eindeutig und ich bestelle aus Versehen statt drei Zitronen drei Netze voll. Geliefert wird durch eigene Mitarbeiter und man kann bequem aus verschiedenen Zwei-Stunden-Zeitfenstern auswählen, wann man die Ware entgegennehmen möchte. Mit zwei Papier- und einer Plastiktüte fiel vergleichsweise wenig Verpackungsmüll an.

Lieferung

Pünktlich per eigenem Fahrer. Der rief vorher sogar kurz an, um zu fragen, ob es jetzt passt oder ob er lieber später kommen soll.

Zahlung

Lastschrift, Paypal, Kreditkarte, Rechnung.

Kosten

Preise wie im Rewe-Markt. Keine Liefergebühr für die ersten drei Bestellungen und ab 100 Euro Bestellwert, sonst 3 bis 5 Euro (je nach Lieferzeitpunkt).

Fazit

Angenehm unkompliziert. Gute Idee: Falls etwas nicht verfügbar ist, wird ein Ersatzprodukt geliefert, das man nehmen kann, aber nicht muss.


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Denn’s

Die Biomarktkette Denn’s arbeitet mit externen Lieferdiensten. Bei mir ist es ein freundlicher Mann, der aus dem Biomarkt sogar anruft, um zu fragen, ob der Espresso gemahlen sein soll und mir Mangos für 2,69 Euro das Stück zu teuer seien. Sehr umsichtig – andererseits bei anderen Anbietern nicht nötig, weil man dort selbst in den digitalen Warenkorb legt, was man möchte. Hier bestellt man per Anruf, Mail oder Fax. Da die Auswahl das komplette Sortiment der Biokette Denn’s umfasst, ist sie sehr groß. Allerdings weiß man nie, was gerade ausverkauft ist, wenn der Einkäufer für einen im Laden steht.

Lieferung

Lässt sich auf eine halbe Stunde eingrenzen, allerdings muss man den Termin mit dem Lieferanten und dessen Tour abstimmen. Das verhindert wiederum unnötigen Spritverbrauch – und das ist ebenso gut für die Umwelt wie die müllfreie Lieferung im Einkaufskorb, den der Einkäufer wieder mitnimmt.

Zahlung

Nur bar beim Lieferanten.

Kosten

Wie im Denn‘s + 5,95 Euro Liefergebühr.

Fazit

Mangels Onlinewarenkorb nicht so standardisiert wie die anderen, aber dafür menschelt’s in der Welt des Onlineshoppings mal ein bisschen.


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Mytime

Von den getesteten Anbietern der unerfreulichste. Die Auswahl ist zwar in Ordnung, aber die Seite ist extrem unübersichtlich. Dazu kommt, dass Mytime zwar auch per Paket versendet, aber dennoch frische und gekühlte Waren anbietet. Das führt zu dem sehr komplexen „Frischeaufschlag“: Gekühlte Lebensmittel kosten extra. Wenn man viele von ihnen bestellt, jedoch irgendwann nicht mehr. Verwirrend? Stimmt. Das Paket mit den Kühlboxen voller Trockeneis und Lebensmittel steht dann schließlich auch so groß wie eine Kommode im Flur. Immerhin kann man den Berg an Verpackungsmüll zurücksenden, angeblich wird er dann wiederverwendet. Allerdings bestimmt nicht in einer Bestellung von mir. Denn im Vergleich zum umständlichen Mytime erscheint selber einzukaufen total unkompliziert.

Lieferung

Per DPD express, was trotzdem nur ein sehr großes Lieferfenster von 7 bis 12 Uhr erlaubt. Nach Feierabend liefern lassen, kostet zu den schon hohen Lieferkosten noch mal extra.

Zahlung

Paypal, Kreditkarte, Sofortüberweisung.

Kosten

Preise ähnlich wie in Famila-Supermärkten, die wie mytime zur Unternehmensgruppe Bünting gehören. 4,99 Euro Versandkosten (entfallen ab 65 Euro Bestellwert) plus bis zu 4,99 Euro Frischeaufschlag plus 5 Euro Kühlboxpfand.

Fazit

Flop. Die ideale Seite, wenn der Partner unbedingt mal testweise Lebensmittel im Netz bestellen will, man selber aber dagegen ist. Nach dem ersten Testlauf hat man zuverlässlich Ruhe.


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Amazon

Dank der vielen „Marketplace“-Drittanbieter, die auf der Plattform verkaufen, hat wohl niemand ein so riesiges Angebot wie Amazon. Das macht es kompliziert: Wenn man nicht aufpasst, bekommt man seine Waren von fünf verschiedenen Firmen in fünf verschiedenen Paketen geliefert. Bestellt man nur von Amazon direkt, ist die Auswahl immer noch ansehnlich, allerdings gibt es auch hier nur Dosentomaten und kein frisches Obst oder Gemüse. Dafür findet man auch ausgefallene Zutaten wie Wakame-Algen oder Shitake-Pilze. Interessant: das „Spar-Abo“ für regelmäßig benötigte Sachen. Wer sich monatlich etwa Windeln liefern lässt, bekommt in der Regel fünf Prozent Rabatt. Und muss im Alltag an eine Sache weniger denken.

Lieferung

Per Dhl-Paket, daher ähnliche Probleme wie bei Edeka 24. Sehr, sehr viel Verpackungsmüll.

Zahlung

Kreditkarte oder Lastschrift.

Kosten

Durch Großpackungen oder Abos manchmal günstiger als offline. 3 Euro Versand kosten, ab 29 Euro Bestellwert und für Amazon-Prime-Mitglieder versandkostenfrei.

Fazit

Wer bei Amazon schon bestellt hat, kennt sich aus und muss sich nicht neu registrieren. Durch die Drittanbieter fast schon zu viel Auswahl.


 

Text und Screenshots: Christoph Koch
Erschienen in: Nido

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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