„30 Sekunden und das war’s“ – Metronomy im Interview

Geschrieben von am 25/08/2015 in Neon mit 0 Kommentare

Viele halten den Metronomy-Sound für die perfekte Popmischung aus Glätte und Komplexität. Wie findet man diese Mischung?

Ich wollte ursprünglich ein Doppelalbum machen. Ganz große Kunst! Und ich warnte mein gesamtes Umfeld: »Ich will niemanden sagen hören, dass man aus diesem Doppelalbum ein ganz tolles Einzelalbum machen könnte. Niemanden!« Nachdem wir 25 Songs aufgenommen hatten, war ich selbst derjenige, der das sagte. Pop bedeutet Konzentration aufs Wesentliche. Unser Album hat jetzt 45 Minuten, und es ist alles drauf, was ich mir für das opulente Doppelalbum gewünscht hatte. Nur, dass die Leute es sich auch anhören werden.

Kann Pop nicht auch zu reduziert & glatt sein?

Klar, aber ich glaube, es gibt gerade einen Trend in die andere Richtung: Popmusik ist momentan oft sehr düster und rau. Leute wie Frank Ocean oder Justin Timberlake, die für perfekte Dreiminutensongs stehen, tun so, als wären sie psychedelische Progrockmusiker, und nehmen Singles auf, die sieben Minuten oder länger sind. Ich würde den Versuch, perfekten Pop zu machen, nie gefährden, nur um besonders originell oder avantgardistisch zu klingen. Glamouröser Pop braucht glamouröse Themen.

Auf dem letzten Album »The English Riviera« ging es um deine Heimat, die Südküste Englands. Wovon erzählt das neue?

Vom Unterwegssein. Ich will mich wirklich nicht beklagen, aber ich bin die ganze Zeit auf Reisen: im Tourbus, in Hotelzimmern, auf Flughäfen. Deswegen handelt das Album vor allem davon, von Menschen getrennt zu sein, sie zu vermissen und Sachen zu verpassen. Meine Freunde werden gerade alle dreißig, und ich bekomme dauernd Einladungen zu ihren Partys – zu denen ich nicht gehen kann.

Im neuen Video zu »I’m Aquarius« bist du auch unterwegs, als Astronaut. Es ist wieder sehr aufwendig gemacht. Dabei heißt es doch längst, das Musikvideo sei tot.

Ich mochte schon immer Bands, die gute Videos haben, und fand das stets eine tolle Kunstform, eine visuelle Erweiterung des Popgedankens. Wir hatten Glück, dass unsere allerersten Videos gleich sehr gut ankamen und vielleicht ein wenig künstlerischer waren als der Durchschnitt. Somit hatten wir schnell den Ruf einer Band, der gute Videos wichtig sind – und immer mehr extrem gute Regisseure meldeten sich bei uns und wollten etwas mit uns machen. Das Video zur zweiten Single haben wir gerade mit Michel Gondry gedreht.

Fantastisch! 

Trotzdem spielt das Video keine so große Rolle mehr.

Nein?

Früher habe ich mir denselben Videoclip Dutzende Male auf VHS angeschaut. Heute leitet man sich gegenseitig schnell einen Youtube- Link weiter, der andere schaut dreißig Sekunden rein, und das war’s.

Aber es gibt Projekte wie Pharrell Williams‘ 24-Stunden- Video zu »Happy«, das interaktive Onlinevideo zu »Like A Rolling Stone« von Bob Dylan, Beyoncés Videoalbum …

Ich stehe solchen Webvideos etwas zwiespältig gegenüber. Es sind tolle Projekte, aber sie sind nur finanzierbar, wenn wie bei Pharrell ein riesiger Animationsfilm wie »Despicable Me« und ein Kopfhörerhersteller als Sponsor dahinterstehen. Albumverkäufe allein finanzieren so etwas nicht mehr. Selbst wir mussten uns für unser Video mit Gondry einen Sponsor suchen. Ein Autohersteller hat uns geholfen. Ich finde das nicht verwerflich, aber früher, im Zeitalter der Musikvideos, wäre so etwas nicht möglich gewesen. Und nicht nötig.

 

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Süddeutsche, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "Die Vermessung meiner Welt" & "Your Home Is My Castle") sowie Moderator und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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