Die Selbstverwirklichungsfalle

Geschrieben von am 18/08/2015 in Neon mit 2 Kommentare
Unser Beruf soll uns längst nicht mehr nur ernähren, sondern gefälligst auch glücklich machen. Mit diesem Anspruch machen wir es uns unnötig schwer.

Meine Großmutter wusste viel. Aber dieses Wort sagte ihr überhaupt nichts: »Selbstverwirklichung? Was soll das sein?«, fragte sie mich einmal. Als ich merkte, dass das keine rhetorische Frage, sondern aufrichtige Ratlosigkeit war, versuchte ich zu erklären. Heutzutage, so fing ich an, dient der Beruf nicht mehr allein dem Broterwerb. Er ist vielmehr eine Art Krönung einer langen Selbstverwirklichungslaufbahn, die man im Studium oder in der Ausbildung beginnt. Man sucht sich das, was man am liebsten macht oder am besten kann oder von dem einem Lehrer, Eltern und andere erwachsene Menschen sagen, dass man es am besten könne. Irgendwann fängt man an, damit Geld zu verdienen. Man wird besser, spezialisiert sich, steigt auf – aber natürlich nicht auf die seelenlose Karrieristenart! Denn der Job ist erst ein guter Job, wenn er die Persönlichkeit voll zu ihrer Entfaltung kommen lässt. Die »Generation Y«, so erklären es uns alle vom »Manager Magazin« bis zum »Spiegel«, legt nicht mehr Wert auf hohe Gehaltsschecks und durchgeflieste Eigenheime.

Sondern auf Work-Life-Balance und ebenjene Selbstverwirklichung, die sich neuerdings in den dazugehörigen Umfragen auf Platz eins und zwei der wichtigsten beruflichen Ziele abwechseln. »Aha«, sagte meine Großmutter. »Und das klappt?« Nun geriet ich ins Stocken. Denn in Wirklichkeit überkommt ja fast jeden früher oder später – oft schon in den ersten Berufsjahren – die große innere Krise: Der Arbeitsalltag nervt. Der Erfolg, der einen anfangs noch gekickt hat, fühlt sich plötzlich unspektakulär an. Die Branche ist gar nicht so glamourös, und die abendlichen Veranstaltungen, für die man sich früher ein bis zwei Hände abgehackt hätte, sind wie das morgendliche Aufstehen mit einem Mal eine Mühle geworden.

Und das ist noch nicht mal das Schlimmste.

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Das Schlimmste ist, dass die Ernüchterung in dem Beruf eintritt, den wir immer wollten. Der uns liegt, für den wir gemacht zu sein schienen. Klar, unsere Eltern und Großeltern waren abends auch oft kaputt und genervt, wenn sie aus der Bank oder vom Acker nach Hause kamen. Aber das war normal, es schien ihnen kaum etwas auszumachen. Sie schienen zu sagen: »Arbeit nervt. Na und?« Sie hatten sie sich ja oft nicht einmal selbst ausgesucht.

Sense-Out statt Burn-Out

Heute erwarten wir von unserem Beruf, dass er uns nicht nur satt macht, sondern auch mit Glück und Sinn erfüllt. Aber muss er das wirklich? Der Philosoph Alain de Botton schreibt in seinem Buch »Freuden und Mühen der Arbeit«, es sei »unglaublich grausam«, von uns selbst zu verlangen, dass uns unsere Arbeit glücklich mache. Nicht, dass es nicht möglich sei. Es sei nur – ebenso wie die erfüllte Paarbeziehung, in der es trotz Kindern und stressigem Familienalltag noch romantisch knistert – alles andere als einfach und schon gar nicht selbstverständlich.

Im gleichen Maße, in dem unsere Grundbedürfnisse gesichert sind und traditionell sinnstiftende Institutionen wie Religion oder Familie unwichtiger werden, steigt der Druck, das entstehende Sinnvakuum durch unseren Beruf zu füllen. Das Problem unserer Überflussgesellschaft ist, so formulierte es der verstorbene Neurologe und Therapeut Viktor Frankl, dass die meisten Menschen genug haben, wovon sie leben können – aber dass sie gleichzeitig nicht wissen wofür. »Sense-out« nennen Arbeitsforscher das Phänomen des verlorenen Sinns. Dieses Problem hat auch damit zu tun, dass die Arbeitswelt immer kleinteiliger und abstrakter wird.

Facebook-Kampagner fürs Mehrkornbrötchen

In Kinderbüchern sind die Menschen Bäcker oder Feuerwehrmann und wissen genau, wozu sie da sind. In der Realität betreuen sie die Facebook-Kampagne des neuen Mehrkornbrötchens, das eine Backshopkette zur WM auf den Markt bringt. Oder sie sind dafür zuständig, dass die Verschmelzung eines französischen und eines deutschen Feuerlöscherherstellers steuerlich optimal läuft. Beides sind anspruchsvolle Jobs, die Stress und Verantwortung bedeuten können, Hingabe und Talente erfordern – aber nicht unbedingt das Gefühl von Zufriedenheit und tieferem Sinn erzeugen.

In Augenblicken, in denen wir uns besonders unverwirklicht fühlen und unseren Job als sinnlos empfinden, kommt häufig die Sehnsucht nach der Einfachheit: Jetzt als Museumswärter oder Nachtportier in einem Kleinstadthotel Schicht schieben! Jetzt bloß am Fließband stehen und auf den Feierabend warten – ohne irgendeinen Druck, dass Arbeit und Persönlichkeit eins werden! Der Schriftsteller Douglas Coupland prägte in seinem Buch »Generation X« (als Vorläufer quasi der Namensgeber der heutigen »Generation Y«) den Begriff »McJob«: einfache Tätigkeiten ohne besondere Verantwortung, ohne gute Bezahlung und ohne eine Möglichkeit der Identifikation.

Startup Stock Photos

Müssen wir uns davon verabschieden, dass der Beruf uns glücklich macht? Zum Teil schon, meint die Berliner Berufsberaterin und Autorin Uta Glaubitz. Sie hilft seit siebzehn Jahren Menschen dabei, einen Job zu finden, der zu ihnen passt. Glaubitz sagt, man müsse sich damit abfinden, dass der Beruf einen nicht jede Minute glücklich machen könne. »Man muss sich klarmachen, dass Arbeit immer mit der harten Realität und mit Vollidioten zu tun hat«, sagt sie. »Und dass ich abends kaputt nach Hause komme, egal von welchem Job. Wichtig ist nur, ob ich mit dem, was ich gemacht habe, einverstanden und zufrieden bin – und ob ich weiß, warum ich das gemacht habe.« Von allzu ausgeprägter Sinnsuche rät sie ihren Klienten ab: »Da herrschen oft zu idealistische Vorstellungen von einer schlummernden Berufung, die viele Leute in sich vermuten«, sagt sie. »Diese Berufung wird als allumfassende Einheit gesehen. Dann wollen die Leute Yogalehrer oder Goldschmiedin werden und denken: ›Dann bin ich ganz bestimmt endlich glücklich.‹« Aber das sei allein schon deswegen nicht so simpel, weil jeder Mensch auch Bedürfnisse habe, die einander widersprechen. Und die muss man erst einmal kennenlernen.

Der McJob ist auch keine Lösung

Patrick Wiederhake, Wirtschaftspsychologe und Coach in Hamburg, erklärt: »Viele Menschen sind unglücklich in dem Beruf, den sie sich gewünscht haben, weil sie ihre eigentliche Motivation nicht erkannt haben.« »Oft kann es helfen, sich klarzumachen, was man konkret vor Augen hat, wenn man über den Beruf nachdenkt: die Tätigkeit selbst, das Ergebnis oder die Ergebnisfolgen?« Geht es einem Arzt beispielsweise um die konkrete Arbeit an einem Patienten, also die eigentliche Arbeitshandlung? Oder eher um das Ergebnis dieser Handlung, also das schöne Gefühl, jemanden gesund gemacht zu haben? Oder sind es vor allem die Ergebnisfolgen, die den Reiz ausmachen – also beispielsweise das Prestige eines erfolgreichen Arztes? »Wenn jemand zum Beispiel erkennt, dass es ihm vor allem um das Prestige seines Berufs geht, dann wird er eine Zeit lang ertragen können, dass er im Moment der Tätigkeit selbst keine besonders tollen Flow-Erlebnisse hat und dass er kaum darin aufgeht«, sagt Patrick Wiederhake. »In einem anderen Fall kommt er jedoch vielleicht später zu dem Ergebnis, dass seine wirklichen Bedürfnisse in seinem momentanen Beruf gar nicht befriedigt werden können – auch wenn er sein halbes Leben lang dachte, er wolle unbedingt in der Modebranche arbeiten, da diese mit einem attraktiven Image verbunden ist.« Außerdem rät Wiederhake, den Job stets als einen Prozess zu begreifen. »Zufriedenheit stellt sich nicht automatisch ein, nur weil man ein bestimmtes Berufsziel erreicht hat«, erklärt er. »Wichtiger ist es, ein Richtungsziel zu haben. Möchte ich mehr Freiheit oder mehr Verantwortung? Wenn der Kompass richtig ausgerichtet ist, wird der Weg zum Ziel.« Wir können uns im Beruf also nicht dauernd voll und ganz verwirklichen. Aber immerhin manchmal und zum Teil.

Was auf keinen Fall funktioniert, da sind sich alle befragten Experten einig, ist die Flucht in die Gegenrichtung, in irgendeinen Egaljob, der wenig zu tun hat mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten – den McJob. »Wer denkt, er könne sich einfach irgendwo ans Fließband stellen und dann eben in der Freizeit das tun, wofür er wirklich brennt, der macht sich selbst unglücklich«, sagt Uta Glaubitz. »Egal, wen er mit dieser Trotzreaktion bestrafen will, den doofen Chef oder die fiese Branche – am Ende trifft er nur sich selbst.« Und der Mann, der den Begriff populär gemacht hat, Douglas Coupland, meint: Einen McJob sehnen sich nur Menschen herbei, die nie einen hatten. Wenn man weiß, was man gern tut, sollte man auch Startschwierigkeiten und Alltagsfrust in Kauf nehmen. Denn der Rückweg sei schnell versperrt, wie er an früheren Kommilitonen an der Kunsthochschule beobachtet hat: »Meine Klasse war ein guter Jahrgang mit extrem talentierten Leuten«, erzählt er. Viele von ihnen hätten sich von der Kunst abgewandt und andere Jobs angenommen. »Das Problem ist, dass man hinterher nie wieder zu dem zurückkehrt, was man eigentlich tun wollte.« Meine Großmutter hätte immer gerne im Hotelgewerbe gearbeitet, erzählte sie mir vor ihrem Tod. Mit Reisenden aus aller Welt zu tun haben, das hätte sie gereizt, sagte sie, und ihre Augen leuchteten noch über sechzig Jahre später.

Doch damals hatte sie nur die Wahl, entweder die elterliche Gärtnerei zu übernehmen oder zu heiraten und Kinder großzuziehen. Ich gebe zu, ich bin froh über ihre Entscheidung gegen die Gärtnerei, schließlich existiere ich deswegen. Trotzdem: Auch wenn der Drang nach Selbstverwirklichung eine Falle sein kann – nach den vorgefertigten Berufswegen von früher zurücksehnen müssen wir uns wirklich nicht.

Text: Christoph Koch
Fotos: pexels.com

Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (brand eins, NEON, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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2 Leserkommentare

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  1. Maria sagt:

    Das Wichtigte ist doch, dass jeder Mensch herausfindet, was ihn als einzigartiges Wesen glücklich macht, erfüllt und seine Augen zum Strahlen und sein Herz zum Tanzen bringt.
    Dies war allerdings nicht vorgesehen in Deutschland,
    doch dieser Teil des MENSch-SEINs
    bahnt sich seinen Weg,
    mehr und mehr
    und das ist
    gut so :).

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