Gabriel Yoran: Mein Medien-Menü (Folge 64)

Geschrieben von am 02/12/2013 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-,  Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü – diese Woche mit Startup-Gründer Gabriel Yoran.

 

Gabriel Yoran

 

Morgens als erstes, abends als letztes: Deutschlandfunk. Dass sich hier über Jahre praktisch nichts verändert, macht den DLF zu einer Konstante meiner Mediennutzung, obwohl ich ihn mittlerweile über ein Internetradio höre und nicht mehr auf UKW. Der DLF muss sich mit niemandem messen und das merkt man auch an den spröden Titeln der Sendungen („Informationen am Morgen“, „Informationen am Mittag“ etc.). Der immer gleiche DLF ist das kalte Glas Wasser der Medienangebote.

Kurz nach dem Aufstehen lese ich (noch auf dem iPhone) den Twitter-Stream der letzten Nacht nach. Twitter ist die Gump’sche Schachtel Pralinen: Man weiß nicht, was kommt. Manche Tweets sind die reine Freude, aber selbst schlechte sind immerhin noch wie Pralinen – man hat sie schnell weg.

E-Mails sind meist schwerer verdaulich. Die guten Sachen kommen nämlich nicht per Mail, sondern per iMessage, Twitter oder werden persönlich überbracht. Die unangenehmen kommen per E-Mail. Daher lese ich Mails nicht auf leeren Magen und meist erst, wenn ich ins Büro komme. E-Mails sind wie Tapas. Meistens geht es gut, aber manche liegen schrecklich schwer im Magen und man hat noch Tage später mit ihnen zu tun. Oder so: Du bist vielleicht fertig mit der E-Mail, aber die E-Mail ist nicht fertig mit dir.

Dann gibt es natürlich die vernünftige Vollwertkost, das Slow-Food, für das man sich Zeit nimmt: Wenn ich auf Twitter oder Facebook Links auf Artikel entdecke, die zu lange zum sofortigen Lesen sind, schicke sie über „Push to Kindle“ auf eben dieses Lesegerät. Dort lese ich diese Texte dann in Ruhe, manchmal Wochen nachdem ich sie entdeckt habe.

Ich kann bis heute lange Texte nicht am Computer und auch nicht auf dem iPad lesen. Das hat weniger mit dem leuchtenden Bildschirm zu tun als mit dem Ablenkungsangebot. Push-Nachrichten oder die Möglichkeit Filme zu sehen konkurrieren mit dem geschriebenen Text um meine Aufmerksamkeit. Auf dem alten Kindle ist das nicht der Fall. Man merkt fast nicht, dass man ein am Internet hängendes elektrisches Gerät vor sich hat. Seine Beschränkung auf das Lesen ist seine Stärke. Lesen auf dem Kindle ist die Buchweizengrütze unter den »Lesarten«: Es geht langsam voran, hat aber Substanz.

Auf dem Kindle lese ich dann oft Artikel aus der FAZ (jedoch nicht den Politikteil) und The Atlantic, aber auch unternehmerische Texte aus Inc., Business Insider, Techniktexte von ars technica oder The Verge und einzelne Artikel aus Blogs. Es gibt außer dem Blog von Michael Seemann (mspro) aber kaum ein Blog, das ich wirklich regelmäßig lese.

Von all den neuen Lesediensten finde ich Medium am besten: Das ist ein Dienst, den ich selber gerne erfunden hätte. Eigentlich nur eine gehostete Blogging-Plattform, aber nicht von WordPress-Fricklern für WordPress-Frickler, sondern mit schöner Typografie, ganz einfacher Bedienung und einer sehr sympathischen und respektvollen Community. Medium ist das Abendessen mit guten Freunden, die interessante und gut angezogene Leute mitgebracht haben.

Mein Fernsehverhalten steure ich durch die Senderprogrammierung: Außer Servus TV habe ich keine Privatsender eingespeichert. Ein Limo-Hersteller produziert das für mich angenehmste deutsche Privatfernsehprogramm (Snowboarder stürzen sich in HD aus Helikoptern herab und Feinschmeckerköche braten und vakuumieren Fleisch auch in HD)! Fernsehserien schaue ich wie vermutlich viele per Download und mal auf dem Fernseher, mal auf dem iPad. Menschen mit Astra-Anbindung möchte ich NHK World ans Herz legen. Das japanische Staatsfernsehen für Ausländer ist gleichzeitig betulich und vollkommen absurd. Es ist in fast jedem Fall gute Unterhaltung.

Musik höre ich fast durchweg mit Spotify, das entweder per Kopfhörer (dem anderen Wort für Verschleißteil) an meinem Kopf oder per AirPlay an der Stereoanlage hängt. Den Zugriff auf fast alle Musik der Welt bezahlt man mit dem Verlust der eigenen, wohlgewählten Musiksammlung (da ja jetzt jeder alles hat). Aber da mich der Musikjournalismus, der die Hörer erst zum Distinktionsgewinn qua Plattensammlung getrieben hat, auch nicht interessiert, ist mir das egal.

Ein sehr schöner, aber leider noch ziemlich unbekannter Dienst ist Timehop, das anzeigt, was man vor Jahren am gleichen Tag gepostet hat. Das ist meist desillusionierend, weil sich alles wiederholt, selbst meine Witze auf Twitter. Aber damit ist Timehop gleichzeitig eine Mahnung, etwas Neues zu machen.

Zuletzt: In dem Burritoladen in der Rosa-Luxemburg-Straße liegt die BRAVO aus und das ist für mich Grund genug, da reinzuschauen. Und nirgendwo ist die Medien-Menü-Metapher näher  an ihrem Gegenstand: Die BRAVO ist der Burrito unter den Magazinen. Ein eigentlich unerträglicher Mampfknatsch, aber sehr bunt und hinterher geht’s einem auch nicht schlechter als vorher.

Gabriel Yoran gründete mit 17 Jahren die Sicherheitssoftwarefirma Steganos und später während des Studiums an der UdK das mobile Social Network aka-aki. Er versucht, die gleichen Fehler nicht zwei Mal zu machen, sondern andere. Seine Erfahrung teilt er mit jungen Gründern am Founder Institute und der Berlin Startup Academy. Er hält Vorträge zu den Themen Unternehmertum, Schutz der Privatsphäre, Marketing und Produktdesign. Der „Wittgenstein der Startup-Szene“ (wie ihn Christoph Raethke leider nicht ganz ernst gemeint nannte) versucht sich gerade an seiner Dissertation an der European Graduate School (EGS) und erfolglos an einer Low-Carb-Diät. Er lebt in Berlin.

Text: Gabriel Yoran
Foto: privat

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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