Wolfgang Farkas: Mein Medien-Menü (Folge 63)

Geschrieben von am 04/11/2013 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-,  Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü – diese Woche mit Verleger und Autor Wolfgang Farkas.

Wolfgang Farkas by Kay A. Itting Kopie

Die erste Stunde am Morgen ist medienfrei, reden oder schweigen, nachdenken oder rauchen, laufen oder schreiben. Aber keine Presse, kein Radio, kein Handy, keine Online-Dienste. Die erste Info des Tages findet sich vielleicht auf einem Konzertplakat, ist auf eine Wand gesprüht, klebt als Zettel oder Flyer an einer Laternenstange oder steht einem Frühaufsteher oder einer Spätausgeherin, die gerade vorbeikommt, ins Gesicht geschrieben. Tatsächlich kann die Straße eine Bühne, ein Portal, ein Zeichensystem, ein Sender, eine Quelle sein – und ist oft ergiebiger als der jüngste Metropolenreport im Spiegel.

Das große Frühstückszeitungslesen ist aus vielen Gründen von gestern und kommt nur noch selten vor, wird auf keinen Fall durch Tablet-Lektüre ersetzt (erst ab der zweiten Tageshälfte), kann dann aber wohldosiert und unverhofft auch gleich wieder viel mehr Spaß machen als etwa die routinemäßige Durchsicht des Perlentaucher. Wie auch das sporadische Archivieren von Zeitungsartikeln, für die momentan keine Zeit ist, zu der Erkenntnis führt: Nichts ist so aufregend wie die Zeitung von gestern. Ein früher Tobias Rüther über Popliteratur von 2002, muss ich unbedingt (wieder) lesen! Ein Jörg-Sundermeier-Rückblick in der taz von 2004 auf die einstigen Porno-Strategien des März Verlags, her damit! Oder, das gerade älteste Fundstück: ein SZ-Wochenendaufmacher, 1986, von Matthias Greffrath zum achtzigsten Geburtstag von Samuel Beckett, immer noch nicht gelesen. Aber der Tag wird kommen …

Regelmäßig lese oder kaufe ich eigentlich so gut wie gar nichts mehr. Es sind Phasen. Es gibt die Brand-Eins-, Monocle-, Wired-Phase, die Spex-, debug-, Rolling-Stone-Phase, und in den Blumenbar-Jahren auch die vom Schwung möglicher internationaler Entdeckungen beflügelte magazine-litteraire-, Review-of-Books-, El-Pais-Phase.

Zeitungen und Magazine werfen die Frage auf: Lohnt es sich, sie zu besitzen? Lohnt es sich, ein Pfund Papier zu erwerben, um kurz darauf ein Pfund Papier zu entsorgen? Ideal erscheint das Sharing-Modell Wiener Kaffeehaus: für den Gegenwert einer Melange über eine Auswahl von zehn und mehr Zeitungen verfügen und lustvoll abschweifen.

Und jetzt? Medial gesehen passiert alles gleichzeitig. Ein Zustand permanenter Über- und Uninformiertheit, durch neue und klassische Medien.

Es spielt deshalb für mich immer weniger eine Rolle, ob ich am heutigen Tag alle im allgemeinen für relevant gehaltenen Informationen mitbekommen habe. Ich beschäftige mich stattdessen aus professionellen oder persönlichen Gründen mit einem bestimmten Thema – oder Lebensthema – und will mich darauf konzentrieren.

Dann lese ich beispielsweise lieber von Thomas Palzer den Essay „Das kommende Buch“ oder ein paar Seiten in Oswald Wieners „Die Verbesserung von Mitteleuropa“ als eine Titelgeschichte über Treue, die Fleischindustrie oder die Koalitionsverhandlungen. Oder ich schaue mich bei deutsch- und englischsprachigen innovative Digitalverlagen und -projekten wie www.mikrotext.de, www.waahr.de, www.60pages.com, www.frischand.co, www.atavist.com um.

Wenn alles gleichzeitig stattfindet und sich selbst aufhebt, bekommt Literatur eine neue Bedeutung, ob gedruckt oder elektronisch. Sie ermöglicht einen radikal subjektiven Blick auf die Welt. Die Stimme eines anderen ist das einzige, was mich wirklich interessiert.

Wolfgang Farkas ist Autor und Verleger. Der von ihm gegründete Blumenbar Verlag, hervorgegangen aus einem Wohnzimmerclub, entwickelte sich im Lauf seines zehnjährigen Bestehens zu einem der profiliertesten unabhängigen Buchverlage; das Label Blumenbar wurde 2012 an die Aufbau Verlagsgruppe verkauft. Zuletzt erschien der von ihm mitherausgegebene Band „Nachtleben Berlin 1974 bis heute“. Seit Frühjahr 2013 gehört er zum Gründungsteam der Verlagsplattform Shelff, die am 1. Dezember startet. 

 

Text: Wolfgang Farkas
Foto: Kay A. Itting

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Offenlegung: Mit einigen der Menschen, die hier ihre Mediengewohnheiten vorstellen, bin ich befreundet. Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links. Das bedeutet, ich bekomme im Fall eines Kaufs eine kleine Provision (natürlich ohne zusätzliche Kosten für den Käufer).

 

 

 

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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