Patrick Wiederhake: Mein Medien-Menü (Folge 58)

Geschrieben von am 16/09/2013 in Was ich lese mit 2 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü. Diese Woche: Der Psychologe und Personalberater Patrick Wiederhake

patrick wiederhake

Warum informierst Du Dich überhaupt?

Eine Frage, die mir in den Sinn kam, als ich den Rest dieser Fragen hier beantwortet habe: Ich bin überzeugt, dass Wissen und das moderne Äquivalent up-to-date zu sein genauso mit einem nach außen gerichteten Antrieb zu tun hat wie Musizieren oder Komiker sein. Der erste Anstoß kam immer durch den Wunsch nach Anerkennung, Aufmerksamkeit, Akzeptanz oder ähnlichem – die Glücklichen finden dann Freude am Tun und können das Begehrte mit dem Bereichernden verbinden.

So konnte ich feststellen, dass mein Wunsch, mich zu informieren – genauer: mich besonders cool zu informieren – mit der Übersendung dieses Fragenkatalogs deutlich zugenommen hat. Wissen zu erwerben hatte bei mir immer schon selbstverliebte Gründe – gepaart mit Neugierde und der sich hieraus ergebenden Möglichkeit, Arbeit aufzuschieben. Neu ist nun, dass ich neben den eher tradierten Methoden wie Buch und Abo endlich den Anstoß zu einer Entdeckungsreise in die Welt von Twitter, Blogs und RSS-Feeds unternommen habe. Sich hier abzuschauen, was andere so machen und das dann auch für sich zu reklamieren, lief also genauso für mich wie damals das Skateboard fahren: Am Ende wirst Du nie so cool wie das Role-Model – aber unterwegs gibts eine Menge zu entdecken und übrig bleibt schließlich auch noch was. Nur muss der Schluss auch gefunden werden…

Sich zu informieren ist für mich immer Status, Abenteuer, Zugehörigkeit, Spannung und Ritus zugleich – und genau deshalb auch ein wichtiger Teil meines Lebens.

Wie informierst du dich morgens als erstes?

In der Woche wache ich meist in einem Hotel auf. Mein erster Blick geht auf die Mails und in politisch turbulenten Phasen auf die Seiten von Spiegel und Süddeutsche. Neu hinzu kommt jetzt noch Twitter – gepaart mit dem nun endgültig unüberhörbaren Verlangen, endlich das neue Blackberry mit großem Bildschirm nutzen zu können. Ich frühstücke dann meist allein und scrolle währenddessen fünf bis zehn Minuten auf meinem Telefon durch die wichtigsten Nachrichten.

Bin ich zu Hause, findet der Block aus Mail/Schlagzeile in der Regel noch im Bett statt. Danach informiere ich mich dann am Frühstückstisch über die Gedanken meiner Freundin Wiebke und bisweilen auch der unserer Untermieterin Almut – diese Morgenvariante ist dann ähnlich informativ, aber ungleich gehaltvoller.

Welche Zeitungen / Magazine hast du im Abo oder liest du regelmäßig?

 

Was liest du auf Reisen?

Mein Beruf beinhaltet das Reisen – da habe pflege ich die unten beschriebenen Rituale.

Bei Urlaubsreisen ist es so: Ich habe immer viele ungelesene Bücher im Schrank, darunter ein zwei, deren Buchrücken ich schon länger gut kenne und häufig begutachte, die ich aber noch nicht angetastet habe. Hier nehme ich mir immer einen Joker mit auf die  Reise – häufig das Lese-Highlight im Urlaub. Der Rest besteht aus einer Reihe von Artikeln, die den Reiserucksack zu einem Drittel füllen und ein-drei Bücher zu einem bestimmten Thema. Zwei Romane nehme ich mir auch noch mit. Nun ja. Grundsätzlich überschätze ich immer auf beinahe lächerliche Art, wie viel ich auf Reisen lesen werde (reisen muss man ja schließlich auch noch). Hierdurch habe ich glücklicherweise stets die Wahl zwischen mehreren Büchern und zudem ein kostenloses Workout.

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Dir wichtig?
Welche Blogs liest du?

Als ich vor einiger Zeit zum ersten Mal diese Rubrik hier gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ich Blogs als Informations- oder Inspirationsquelle tatsächlich noch gar nicht für mich entdeckt hatte. Seitdem habe ich MindHacks, PsyBlog, Project Syndicate schon fest im Repertoire und einige andere noch in der Art von Browser-Fenster geöffnet, die den Computer langsamer werden lässt, nicht aktiv genutzt wird, aber allzu verlockend aussieht, um es sofort wieder zu schließen – davon gibt es bei mir immer so zwölf.

Was ist wichtige berufliche Lektüre für dich?

80 Prozent von dem, was ich überhaupt in Augenschein nehme, hat mittelbaren oder unmittelbaren beruflichen Bezug – die Grenzen sind da fließend. Meine berufliche Lektüre teilt sich in zwei Bereiche: Einmal informiere ich mich über das aktuelle Wirtschaftsgeschehen und die Human Recources-Praktiken in Unternehmen. Daneben lese ich – meist noch etwas motivierter – viel zu psychologischen oder soziologischen Themen aus unterschiedlichsten Bereichen. In meinem Job kann ich das gebrauchen, um inhaltlichen Modelle für unsere Arbeit weiter zu entwickeln, Artikel zu schreiben oder in Trainings schlau zu wirken.

Welche Art von Büchern liest du am liebsten (Sachbücher, Fiction, Biografien)?

Ich glaube mittlerweile, mich motivieren Ideen stärker als Geschichten. Ich ärgere mich oft darüber, dass ich wenig Romane lese – denn häufig habe ich in ihnen die schönsten Ideen entdeckt. Aber auch für Christophs hervorragenden Tipp “Red Plenty” habe ich mehrere Monate benötigt. Mir fehlt einfach ein funktionierendes Roman-Ritual.

Welches Buch hat dich in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

“Red Plenty” als Roman und die beiden Bücher von Carol Dweck (“Mindset” und “Self-Theories“) auf der Fachseite.

Welche Apps/Tools/Programme helfen dir, informiert zu bleiben?

Mein Telefon kann keine Apps, also interpretiere ich die Frage mal so: welche Tools helfen Dir nicht nur, Dich zu informieren, sondern welche Tools sorgen Du dafür, dass die Information auch bei Dir bleibt (und im Bestfall zu Wissen wird)?

Mein neuer Gefährte hierzu ist Evernote (noch mal Danke für den Tipp, Christoph) – hier kann ich Messie-mäßig abspeichern, taggen, zuordnen, ohne dass es viel Mühe kostet oder den Schreibtisch zumüllt. Verlinken einzelner Notizen und Artikel untereinander geht leider nicht so gut. Die Mischung aus hierarchischem einsortieren und taggen ist noch nicht das Optimum, da die Assoziation fehlt.

Was ich suche, ist immer noch der perfekte Zettelkasten. Lange habe ich selber so einen gebaut, ähnlich wie der Niklas Luhmann den in Hardware hatte. Im Studium hatte ich in der einen Hand die Frage, wie ich meinem Wunsch nach assoziativem Denken und Arbeiten auch in der Art nachkommen kann, Information zu speichern – und in der anderen Hand einen Artikel, in dem Luhmann Einblick gibt in sein genial einfaches System, das offenbar begonnen hat, mit ihm zu kommunizieren. Das wollte ich auch und so habe ich angefangen, leere HTML-Seiten über den IE in Word zu bearbeiten und untereinander zu verlinken. Begonnen habe ich damit am 5.1.2002 – und bis 2005 hatte ich ca.. 2000 Seiten erstellt. Meine Diplomarbeit hat dadurch vielleicht ein klitzekleinesbisschen mehr Zeit benötigt, als ursprünglich geplant – aber sie wurde sicher auch besser und auch darüber hinaus konnte ich ab einem gewissen Punkt feststellen: Er spricht in der Tat.
Ärgerlich an meinem System war immer, dass die Verlinkung sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat und komplett händisch vonstatten ging. Leider war ich technisch nicht so auf dem Laufenden und von Wikis wusste damals ja nicht nur ich nicht so viel. Ist erst mal viel in ein System investiert, fällt dann der Wechsel nicht so leicht. Wenn jemand also ein gutes, überdauerndes und einfaches System kennt, um Information zu  speichern und auch zu verlinken: her damit. Wenn sich die Mühe lohnt, alles zu übertragen, finde ich einen Praktikanten, der noch eine Bachelorarbeit und ein wenig Taschengeld gebrauchen kann. So lange nutze ich Evernote und sag dem Zettelkasten ab und an mal guten Tag.

Wie viel liest du auf dem Smartphone, Tablet, o.ä.?

  • Nachrichten zu 80% auf dem Smartphone (welches allerdings wie gesagt ein noch wenig smartes Blackberry ist (#Vertragsverlängerung…))
  • Artikel drucke ich zu 60% aus, den Rest lese ich auf dem Rechner.
  • Bücher zu 100% in gedruckter Form.

Welche Rolle spielen Leseempfehlungen/Links durch Soziale Netzwerke?

Eine prokrastinierende, unvermeidliche.

Gibt es tägliche oder wöchentliche Leserituale?

Es gibt qualitativ zwei völlig unterschiedliche Leserituale, die ich pflege. Zum Einen ist Lesen für mich Lückenfüller. Immer, wenn ich Wartezeiten habe, in der U-Bahn stehe und insbesondere auch, wenn ich Arbeit aufschieben möchte, lese ich das Verfügbare – also meist Nachrichten auf dem Telefon. Das ist dann wie Sand, der in die Lücken rieselt. Ich schnappe die Dinge hier eher unterschwellig auf (im Bestfall), oder zappe einfach herum. In letzter Zeit entscheide ich mich immer öfter, in Zwischenzeiten bewusst nichts zu machen oder über etwas nachzudenken (ich weiß nicht, ob es am Geschlecht liegt, aber in der Tat denke ich meist nur dann über etwas nach, wenn ich es mir vornehme). Fühlt sich in der Regel besser an.

Ein ganz anderes Ritual besteht im bewussten Lesen. Hier habe ich eine Lese-Insel entdeckt, über die ich mich sehr freue: die Bahn. Ich fahre im Schnitt ca. 10 Stunden in der Woche Zug, das meiste davon IC/ICE. Früher habe ich hier immer wie selbstverständlich meinen Laptop eingeschaltet und gearbeitet. Seit einigen Monaten reserviere ich mir diese Zeit aber nun fürs Lesen – Ausnahmen sind Dringlichkeitsfälle, oder – wie jetzt gerade – die Beantwortung lange unbeantworteter privater Mails.

Inhaltlich habe ich schon immer sehr breit gestreut gelesen – früher dabei noch viel stärker als heute sehr oberflächlich und schnell ablenkbar. Dadurch hat sich über die Jahre ein breites Halbwissen aufgebaut, aber nie ein klarer thematischer Fokus. Die Stärke dieser Art zu lesen war immer, dass es mir prima gelungen ist, Themen mit einander in Verbindung zu bringen und Inhalte eines Bereichs als Impuls für einen anderen zu nehmen. Irgendwann habe zudem begonnen, den oben beschriebenen Zettelkasten zu nutzen, um das assoziative Netzwerk noch weiter zu stärken. Diese Art zu Lesen und zu arbeiten hat meine Neugierde und Stimulanzorientierung befriedigt und zudem dabei geholfen, inhaltliche Festlegungen zu vermeiden. Das war dann aber gleichzeitig auch der negative Effekt: ich habe wenig Substanz geschaffen und Dinge nicht zu Ende gebracht. Seit einigen Jahren lese ich nun stärker themenbezogen und verarbeite die Inhalte dann meist in einem Artikel, Foliensatz oder Konzeptpapier. Das ist für mich letztlich befriedigender und die Dinge bleiben mir zudem länger im aktiven Gedächtnis. Freiheit entsteht durch Einschränkung.

Wer sind deine Lieblingsautoren (Buch, Zeitung, Magazin)?

Alle schlauen, verzückten, verrückten, die mir so über den Weg kommen. Mit Lieblingen hab ichs im Geistigen nicht so (einige Ausnahmen wurden genannt).

Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die du möglichst nie verpasst?
Hast du einen Lieblings-Podcast?

Das philosophische Radio höre ich wirklich gern. Das Tempo der Diskussion ist in der Regel angenehm langsam – so bleibt Zeit mitzudenken. Früher habe ich die Sendungen gern beim Sport im Fitnessstudio gehört. Ob die Folge interessant war, konnte ich dann immer prima daran merken, dass ich weniger Übungen gemacht habe. Jetzt esse ich lieber mehr Spaghetti und höre beim Sport wieder Metal.

Wie haben sich deine Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Früher habe ich Bücher vor allem aus narzisstischen Motiven gekauft. Das erste dieser Art war Marcuses “Der eindimensionale Mensch“, mit dem ich immer S-Bahn gefahren bin. Leider kannten das die wenigsten Frauen, so dass ich dass Buch nie weglegen konnte. Bis es durchgelesen war, hat dann dennoch eine Weile gedauert.
Mich hat immer der Gedanke geleitet, dass der Besitz vieler Bücher auf Wissen und Intelligenz hinweist. Das Lesen selbst fand zwar auch  statt, war aber lange weniger motiviert. In der Folge stieg der Anteil der nicht gelesenen Bücher in meinen Regalen zunehmend und bis auf 70%. Das japanische Wort für dieses Verhalten ist übrigens “tsundoku”, wie ich neulich hier erfahren durfte.
In den letzten Jahren bin ich immer verträglicher mit mir geworden, und habe andere Mittel der Selbstbestätigung gefunden – eine selbstwerterhöhende Partnerin habe ich zudem auch ergattert. In der Konsequenz fällt es mir jetzt leichter, mich auch wirklich mit den Inhalten der Bücher auseinanderzusetzen. Ich lese bewusster, gezielter, nachhaltiger. Dass der gute Herr Menden und seine Kolleginnen bei stories! in Hamburg auf sehr kundenorientierte Art meinen Namen auswendig wissen, lässt mich aber immer noch nicht kalt.

Irgendetwas, das ich vergesse habe, du aber trotzdem gerne liest / siehst / hörst?

Mein Beruf besteht zu einem großen Teil darin, dass Verhalten von Menschen zu lesen – andauernde Spannung, Rätsel und Quelle vieler der für mich wichtigsten Lektionen.

Und dennoch:

Am allerliebsten lese ich Wellen.

 

Text: Patrick Wiederhake / Foto: privat

Patrick Wiederhake ist Psychologe und Berater für Führungskräfteauswahl und -entwicklung. Sein Weg führt ihn in zahlreiche große und kleine Unternehmen der Republik. Patrick ist in Essen aufgewachsen und lebt seit 2010 in Hamburg.

 

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerneschreiben.

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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2 Leserkommentare

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  1. Marco sagt:

    Kann den Newsletter nicht bestellen, da kommt immer eine Fehlermeldung…

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