Matthias Streitz: Mein Medien-Menü (Folge 52)

Geschrieben von am 27/05/2013 in Was ich lese mit 11 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü. Diese Woche: Der CvD von Spiegel Online, Matthias Streitz.

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Wie informierst du dich morgens als erstes?

Noch im Dämmerzustand nach dem Aufstehen schaue ich auf Dienst- und Privathandy, welche Eilmeldungen und Pushs über Nacht aufgelaufen sind. Und dann im Moment noch: klassisch über Zeitungen. Ins Haus kommen die “Süddeutsche”, das “Hamburger Abendblatt” und mein Favorit, die “International Herald Tribune”. Meine Zeit reicht aber nur für den Themen- und “Wer dreht was wie?”-Scan (Titelseiten, Ressortaufmacher, “SZ”-Medienteil, Hamburg-Lokalteil, hat David Pogue ein neues Gadget getestet?). Wirklich durchlesen kann ich nur zwei, drei mittellange Texte, denn meist muss ich morgens auch meine Söhne bändigen, die sind 4 und 2. Bin ich mal allein daheim, höre ich gern auch Radio via iPad-App – Deutschlandfunk, BBC oder National Public Radio.

 

Welche Zeitungen / Magazine hast du im Abo oder liest du regelmäßig?

Von der Morgenzeitungslektüre abgesehen: den “Economist”. Seit ich mich im Studium über einen hymnischen Nixon-Nachruf ereifert habe, komme ich nicht los von diesem Blatt. Mit der “Zeit” führe ich eine On-and-off-Relationship, mal kaufe ich sie jede Woche (dann digital für den Kindle), mal über Monate gar nicht. Den SPIEGEL wirft jeden Samstag ein Bote in den Briefkasten, aber auch den lese ich meist digital. “Reportagen” aus Bern  ist ein tolles Projekt – gerade, weil die Normaltextlänge überhaupt nicht zum Zeitbudget einer SPON-CvD-Mittagspause passt. Ein paar Mal im Jahr: “Foreign Affairs”. Im Moment habe ich noch zwei russische Wochenmagazine im Abo, “Wlast” und “Russkij Reporter”, damit mein mittelprächtiges Russisch nicht noch mehr verkümmert.

Was liest du auf Reisen?

Wenn’s ein Land ist, in das ich zum ersten Mal fahre, oft Romanciers aus der Region oder passende Geschichtsbücher.  Bei einem Vier-Tage-Trip unlängst zum Beispiel die “Gebrauchsanweisung für Istanbul” von “SZ”-Kollege Kai Strittmatter (sehr kurzweilig und komisch) und “Istanbul” von Orhan Pamuk (toll melancholisch). Falls ich die Sprache verstehe, kaufe ich gerne regionale Zeitungen. Deutsche Nachrichten und Medien versuche ich auf Reisen auszublenden, das ist bewusster Suchtentzug.

 

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Dir wichtig?

Bei der Arbeit habe ich zwecks Konkurrenzvergleich und Themenfindung im Chrome immer 25 Tabs mit deutschen und internationalen Nachrichtenseiten offen, eine eher idiosynkratische Sammlung. Am häufigsten, also etliche Male pro Tag, schaue ich bei sueddeutsche.de, bild.de, BBC News und der “New York Times” vorbei. Außerdem im Kanon: “Zeit”, “Tagesschau”, die NDR-Info-Nachrichten, “Welt”, “FAZ”, “Handelsblatt”, Heise, “Focus”, “HuffPost”, “Wall Street Journal”, Bloomberg, “Guardian”, “Financial Times”, “BuzzFeed”, “Daily Beast”, “Gawker”, alJazeera.com, die “South China Morning Post” – und dann noch Ria Novosti, Gazeta.ru und Lenta.ru. Die Mischung ändert sich regelmäßig in Nuancen, jüngst rausgeflogen sind “China Daily” (laaangweilig!) und ftd.de (schade drum).

 

Welche Blogs liest du?

Eigentlich keine, wenn’s darum geht, welche ich direkt ansteuere. Selbst beim Niggemeier komme ich seltener vorbei als früher. Ich folge via Twitter aber vielen Journalisten und Bloggern und gelange so zu ihren Seiten. Weil “Ausland” nun mal eines meiner Lieblingsressorts ist, sind viele Stimmen zur US-Politik, aus China, Russland und (im Moment) Syrien darunter. Darüber hinaus folge ich 230 (!) Blogs bei Tumblr, die fallen aber eher in die Rubriken Zeitvertreib und Hobby – wilde Mischung aus Journalismus, Architektur-, Großstadt- und Reisefotos, Kindererziehung, Kochen, Kram.

 

Welche Art von Büchern liest du am liebsten (Sachbücher, Fiction, Biografien)?

Zum Runterkommen: Romane. Lem, Murakami, noch mehr Pamuk, DeLillo. Weil ich Literatur gern zum Polieren von Sprachkenntnissen benutze, ist wieder Russisches dabei: gerne Kurkow, Babel, Ilf und Petrow, auch Fantasy – Lukjanenko, Gluchowski, die Strugazki-Brüder.

 

Welches Buch hat dich in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Eindeutig: “Kongo” von David van Reybrouck. Ich kann mich nicht erinnern, ein stilistisch ähnlich exzellentes, spannendes Geschichtsbuch gelesen zu haben. Und dabei habe ich a) Geschichte studiert und b) mich vorher nie für den Kongo interessiert.

 

Welche Apps/Tools/Programme helfen dir, informiert zu bleiben?

Apps wie Flipboard und Currents habe ich zwar installiert, sie sehen auch schick aus, aber ich vermisse doch die Ordnung eines Blattmachers. Disparatheit und Durcheinander habe ich ja im Nachrichtenagenturprogramm und den Sozialen Netzwerken schon genug. RSS habe ich über Jahre benutzt, aber das ist abgestorben. Immer mal wieder gucke ich tatsächlich die Tagesschau auf dem iPad (aber fast nie um 20 Uhr im TV), um die quasi amtliche Relevanzsortierung der Themen des Tages mit meiner eigenen zu vergleichen.

 

Wie viel liest du auf dem Smartphone, Tablet, o.ä.?

Auf dem Smartphone lese ich vor allem Mails und Tweets, immer mal wieder in den  ansonsten unproduktiven Minuten zwischendurch. Außer SPON vor allem die “New York Times”, zum Beispiel in der U-Bahn auf dem Weg zur Redaktion und zurück. Magazine gerne digital auf dem Nexus 7, meinem Zweit-Tablet (klarer Fall von Gadget-Manie). Am meisten lese ich auf dem Kindle, damit auch das Gros meiner Bücher. Praktisch vor allem: die “Leseproben”-Funktion. Zum Thema x gratis zehn Buchanfänge saugen, alle prüfen, dann das Beste bestellen. Wenn mir ein E-Buch außerordentlich gefällt (siehe “Kongo” und “Istanbul” oder jüngst “Sand” von Herrndorf), kaufe ich oft noch eine Papierausgabe hinterher. Das hat Amazon wirklich fein hingekriegt.

 

Wie haben sich deine Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Ich schaffe weniger Bücher als früher, aber das liegt primär am Vater-Werden. Und die Wohnung, in der wir seit 2010 leben, ist die erste, in der wir bisher keine Regale nachkaufen mussten – das Gros meiner Lektüre landet ja auf dem E-Reader. Insgesamt bin näher dran an der Papierlosigkeit, als ich selbst vor ein paar Jahren erwartet hätte. Mein ganzes Verhältnis zur Materialität von Büchern und Medien ist ein neues. Früher habe ich selbst schrabbelige Gebrauchstaschenbücher gehortet wie Reliquien, heute werfe ich sie nach Lektüre ungerührt in die Tonne. Nur ein paar antiquarische Klassiker und Hardcover-Favoriten hüte ich mit ähnlicher Liebe wie damals. Ich hätte auch nichts dagegen, meine drei Morgenzeitungen digital zu lesen, bloß meine Kinder hindern mich daran: Print ist ihnen relativ egal, aber sobald ich ein Tablet raushole, wollen sie mir die Gerätschaft sofort abspenstig machen.

Matthias Streitz ist CvD und damit einer der Blattmacher von spiegel.de. Er hat dort vorher als Wirtschaftsressortleiter (2004-2008) und Wirtschaftsredakteur (2001-2004) gearbeitet. Bei Twitter ist er unter @StreitzM zu finden.

Foto: Oliver Schmitt

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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