Sebastian Esser: Mein Medien-Menü (Folge 46)

Geschrieben von am 15/04/2013 in Was ich lese mit 7 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü. Diese Woche: Krautreport-Gründer Sebastian Esser.

Sebastian Esser krautreporter

Wie informierst du dich morgens als erstes?

Falls die Kinder lang genug schlafen, lese ich im Bett auf dem Telefon Spiegel Online und speichere Twitter-Links und Google-Reader-Texte mit Hilfe von Pocket für die U-Bahn. iPad-Lesen in der Öffentlichkeit sieht immer noch ein bisschen uncool aus. Trotzdem lese ich auf dem Weg zur Arbeit die unhandliche App der Süddeutschen oder längere Texte von überallher via Pocket.

 

Welche Zeitungen / Magazine hast du im Abo oder liest du regelmäßig?

Das letzte verbliebene Print-Abo ist der Economist, das ich seit 1997 habe und auch nicht mehr hergebe. SZ, Zeit, Spiegel, New Yorker und Vanity Fair lese ich auf dem iPad als Digital-Schmarotzer: Ich beteilige mich bei analog ausgerichteten Freunden und Kollegen an den Kosten eines Abos und nutze dann den Digitalzugang. Das ist wesentlich günstiger, als der reguläre Digital-Preis und damit genau so viel, wie ich auszugeben bereit bin. Wobei ich nur von SZ und Spiegel wirklich jede Ausgabe lese. Ein Marketing-Dings, das bei mir gerade funktioniert hat: Print-Wochenend-Abo der Süddeutschen kombiniert mit Digitalabo. Die FAS kaufe ich nur noch ab und zu, um mich über den Politikteil aufzuregen.

 

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Dir wichtig?

Wichtig sind sie mir alle nicht. Anders als Tageszeitungen und Magazine eignen sich Online-Nachrichtenportale nicht zur Identifikation, sie sind keine Freunde. (Okay, die Prenzlauer Berg Nachrichten sind sympathisch.) Ich lese Spiegel Online, Zeit Online, Bild.de, New York Times, Meedia, DWDL, Gawker, Techcrunch, GigaOM, The Verge. Was für eine Mischung.

 

Highlights aus deinem RSS-Reader?

Ich pflege diszipliniert den Google-Reader. Das bedeutet vor allem: immer wieder Feeds löschen. Das aktuelle Substrat umfasst 164 Quellen. Darunter empfehlenswert: Richard Turley, Der Umblätterer, Klatschkritik, Marco.org, Sprengsatz, MG Siegler, USA erklärt,  Strangemaps, Coverjunkie, Ploechinger, Jason Kottke, Design Tagebuch, A bright wall in a dark room, Information is beautiful, Old Jews telling jokes, theselby. Um mich auf die Reader-Abschaltung im Juli hinzugewöhnen, übe ich Feedly und Flipboard. Beides so lala.

 

Ähnlich wie ein RSS-Reader nur für die Sinne: Tumblr. Dort folge ich aktuell 119 Leuten und gucke mir ihre Bilder-, gif- und Video-Sammlungen an, zum Beispiel thesockcovers.tumblr.com, allthingseurope.tumblr.com, mr-gif.com, fuckyournoguchicoffeetable.tumblr.com, iloveoldmagazines.tumblr.com, eyeonspringfield.tumblr.com.

 

Wirklich wichtig sind mir inzwischen Seiten, die lange journalistische Stücke empfehlen, genannt #longreads. The Browser, Longreads.com, Mother Jones Longreads, Reportagen.fm. Ein guter Einstieg ist diese Liste der Texte des Jahres 2012. Das funktioniert nur in Kombination mit Pocket, der bereits erwähnten App, die Texte lesbarer formatiert und für später speichert. Hat mein Leben verändert.


Gut klappt Scoopinion, ein Chrome-Plugin, das das Leseverhalten trackt und auf dieser Grundlage Texte empfiehlt. Das hat manchmal merkwürdige Auswirkungen. Zum Beispiel begegnen mir in letzter Zeit viele tolle Texte über Leute, die in der Wildnis stranden – ein Thema, von dem ich nicht wusste, dass es mich interessiert:



Welche Art von Büchern liest du am liebsten?

Ich lese Bücher gerade nur beruflich oder Kindern vor. Darum empfehle ich hier das wichtigste Kochbuch der Welt und die klassischen französischen Rezepte von Julia Child. Es gab auch schon ausgedehnte Ottolenghi-Phasen. Mark Bittman weiß für jedes kulinarische Problem eine Lösung (How to cook everything, auch als App).


Wer sind deine Lieblingsautoren?

Max Küng und seine Sprache fand ich eine Weile super und besitze darum die ersten beiden Bände seines weiter wuchernden Gesamtwerks. Das “Buch No.2” hat 1000 Seiten, den dritten habe ich dann ausgelassen.

David (nicht zu verwechseln mit Nick) Carr ist ein beeindruckender Typ und als Medienjournalist ein Vorbild, zu besichtigen in dieser Dokumentation über die New York Times. Hier (Video) faltet er ein paar Vice-Hipster zusammen.

Terry Gross ist in allen Hinsichten ein Vorbild (mehr weiter unten).


Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die du möglichst nie verpasst?

Mich nervt der deutsche Dünkel dem Medium Fernsehen gegenüber. Daumenregel: Je aggressiver die Kritik, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Kritiker heimlich Lanz schaut. Prototypische Beispiele sind diese arroganten Fernsehtexte eines Herrn Kissler bei Cicero und das meiste, was Die Zeit über das Thema schreibt.


Ich liebe also das Fernsehen, nur leider gucke ich seit ein paar Jahren keines mehr. Yakari könnte ich empfehlen, und den Kleinen Maulwurf. Phasenweise schaue ich die schnell süchtig machende Daily Show mit Jon Stewart online, “Arrêt sur images”, eine medienkritische Sendung mit Daniel Schneidermann (französisch, kostenpflichtig), oder die Talkshow “Between Two Ferns” bei Funny or Die, in der Zach Galifianakis sich bemüht, möglichst viel Peinlichkeit zwischen sich und Hollywoodstars zu erzeugen (hier die Folge mit Natalie Portman). Die wichtigen Serien habe ich auch gesehen, gerade Girls, jetzt wieder Game of Thrones, Don Draper und so weiter.

In Berlin haben wir das Glück, dass auf 104,1 NPR ausgestrahlt wird, sowas wie das amerikanische Pendant zum Deutschlandfunk. Da ist fast jede Sendung toll. “This American Life” mit Ira Glass – jede Woche eine Stunde magische Journalismus-Unterhaltung, auch beim Sport konsumierbar. Ich habe bald alle Folgen seit 1995 durch (hier die praktische App zur Sendung).


Und “Fresh Air”, eine Interview-Sendung mit Terry Gross, in der ständig Gäste aus Politik und Kultur zu Gast sind, die wir hier einfach nicht abbekommen. Filmstars, Nobelpreisträger, Autoren, die immer etwas Grundsätzliches zu sagen haben, weil sie so gut befragt werden. Christoph Niemann war von Terry Gross’s Interview mit dem (inzwischen verstorbenen) Maurice Sendak (“Wo die wilden Kerle wohnen”) so gerührt, dass er für die New York Times ein illustriertes Video daraus gemacht hat. Unbedingt anschauen. (Überhaupt, Christoph Niemann: Wenn Ihr Kinder kennt, schenkt ihnen seine App “Petting Zoo”).

 

Welche Apps/Tools/Programme helfen dir, informiert zu bleiben?

Ich finde die Nachrichtenapp Circa interessant, so etwas wird uns bald häufiger begegenen. Hinweisen möchte ich auf Matter, ein Magazin zweier englischer Kollegen, die jeden Monat eine superausführliche wissenschaftsjournalistische Geschichte herausbringen und für 99 Cent verkaufen. Das ganze Projekt haben sie per Crowdfunding finanziert, 140.000 Dollar eingesammelt und auf diese Weise journalistisch mehr erreicht als alle Innovations-Abteilungen der deutscher Verlage.

Magazin-Apps haben mich nach großer Euphorie am Anfang als Leser und Macher bitter enttäuscht. 800 Megabyte Download bevor man zu lesen anfangen kann? Das funktioniert alles, aber ich glaube einfach nicht mehr daran.

Stattdessen wird die Zukunft journalistischer Apps, die Geld kosten, so ähnlich aussehen wie The Magazine von Marco Amend.

In diesem Zusammenhang: Ich habe einen Plan. Eine tägliche Mikro-Zeitung als App. Wenige, exklusive Texte, auf Mobilgeräten, im Abo. Ich meine das ernst, ruft mich an.

 

Sebastian Esser, Journalist und Entwickler, ist der Erfinder des Medienmagazins V.i.S.d.P. und von Krautreporter, einer neuen Crowdfunding-Platform für Journalismus.

***

Wer auch zukünftige Folgen von “Mein Medien-Menü” nicht verpassen will, sollte den RSS-Feed abonnieren oder mir auf Twitter folgen.

Wer das Medien-Menü regelmäßig gerne und mit Gewinn liest und sich dafür bedanken möchte, findet hier einen Amazon-Wunschzettel voll von Dingen, mit denen man mir eine Freude machen kann.

Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Offenlegung: Mit einigen der Menschen, die hier ihre Mediengewohnheiten vorstellen, bin ich befreundet. Links zu Amazon sind sogenannte Affiliate-Links. Das bedeutet, ich bekomme im Fall eines Kaufs eine kleine Provision (natürlich ohne zusätzliche Kosten für den Käufer).

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

Abonnieren

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, lassen Sie sich über ähnliche informieren.

RSS-Feed abonnieren Fotos auf Instagram Bei Google Plus

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Top