Jäger und Sammler: Crowdfunding wird erwachsen

Geschrieben von am 21/02/2013 in Neon mit 0 Kommentare

Kickstarter und andere Crowdfunding-Plattformen sind längst keine Nischen für Liebhaber obskurer Projekte mehr. Heute werden Millionen umgesetzt – von Musikern und Filmern, Erfindern und Weltrettern.

Die Veranstaltung wirkt weniger wie ein Konzert, eher wie eine Gartenparty unter Freunden. Amanda Palmer steht zwischen großen blauen Containern in einem Berliner Hinterhof, kümmert sich darum, dass jeder ein Bier hat, plaudert hier, lässt sich dort fotografieren. Doch die Musikerin ist nicht hier, weil sie so ein großes Herz hat. Oder weil eine Plattenfirma sie dazu gezwungen hat. Sie ist hier, weil sie mit den Fans, die hier zwischen den Containern grillen und sie anschmachten, einen Vertrag geschlossen hat: Ihr finanziert mein neues Album, ich sorge dafür, dass ihr etwas von eurem Star bekommt, das man sonst nicht kriegt. Fast 25 000 Unterstützer haben dafür etwas in den digitalen Hut geworfen – wenn man jedoch von Spenden spricht, wird Amanda Palmer fuchsig: »Es hat mit Wohltätigkeit nicht das Geringste zu tun«, sagt sie im Interview einen Tag nach der Hinterhofparty. »Die Fans bekommen ja etwas dafür – es ist eine Vorbestellung und keine Spende.« Für 25 Dollar konnte man sich bei Kickstarter die Option auf eine CD mit Booklet und Dankeskarte sichern, für 100 Dollar einen signierten Amanda-Palmer-Bildband mit Kunstwerken, Fotos, Songtexten und Interviews, für 500 Dollar malte Palmer Filzstiftporträts von Fans (bitte Foto als Vorlage einsenden), für 1000 Dollar konnte man mit ihr Donuts essen (Donuts selbst mitbringen, Konzertbesuch inklusive), und ein privates Solokonzert kostete 5000 Dollar. Am billigsten gab es bei Palmers Kickstarter- Aktion die Musik: Der digitale Download des Albums kostete einen Dollar. 1 192 793 Dollar hat Palmer am Ende auf der Crowdfunding- Plattform Kickstarter von ihren Fans gesammelt – binnen eines Monats. Das Album erscheint Mitte September. Crowdfunding – also die Idee, den Onlineschwarm dazu zu nutzen, etwas gemeinschaftlich zu finanzieren – gibt es schon eine Weile. Der Platzhirsch der Branche, Kickstarter, wurde 2008 in New York gegründet. Der Twitter- Gründer Jack Dorsey ist einer der Financiers. Doch in diesem Jahr scheint Crowdfunding endgültig erwachsen zu werden: Immer mehr machen mit – auf Sammler- wie auf Geberseite.

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Immer höher werden die eingesammelten Beträge, immer größer die finanzierten Projekte. »Dieses Jahr ist Kickstarter in der realen Welt angekommen«, zitiert die »New York Times« Perry Chen, einen der Kickstarter-Gründer. »Auf dem Tribeca-Filmfestival sind ein Dutzend Filme im Rennen, die mit Kickstarter finanziert wurden – und das Restaurant, in dem wir unser Firmenjubiläum gefeiert haben, ist ebenfalls mit Geld von Kickstarter gegründet worden.« Wer Geld für ein Projekt sammeln möchte – sei es für einen Film, ein Restaurant oder etwas ganz anderes -, legt zunächst auf Kickstarter (oder vergleichbaren Plattformen wie Indiegogo oder Funda-Geek) eine Seite an. Dort erklärt er mit Text und Video möglichst kurz, aber leidenschaftlich, was er vorhat, wie viel Gesamtkapital er für die Realisierung benötigt – und was die Unterstützer für ihr Geld bekommen. Nicht alle Geldsammler sind dabei so kreativ wie Amanda Palmer, aber fast immer gibt es zahlreiche Abstufungen: Für ein paar Dollar bekommt man ein Lied als MP3 oder ein Buch als PDF, für einen größeren Betrag sieht man den eigenen Namen in einem Filmabspann oder auf einer in einem Armenviertel installierten Kinderschaukel. Insgesamt wurden bisher rund 64 000 Projekte gestartet und 242 Millionen Dollar gesammelt*.

Die Plattform behält bei erfolgreicher Finanzierung fünf Prozent des Geldes; Amazon, über deren Bezahlsystem die Transaktionen abgewickelt werden, noch einmal drei bis fünf Prozent. Die bislang* erfolgreichste Finanzierung war »Pebble«: eine Armbanduhr, deren Bildschirm Informationen vom Smartphone anzeigt (neue SMS, neue E-Mail) und die man als Fahrradcomputer und GPS-Gerät nutzen kann. Dem 26-jährigen Eric Migicovsky gelang es im Mai 2012, mehr als zehn Millionen Dollar für die Entwicklung von Pebble einzusammeln. Der Uniabsolvent hatte zuvor versucht, traditionelle Geldgeber um Unterstützung zu bitten, aber oft nicht mal einen Termin bekommen. Die Internetnutzer hingegen erkannten das Potenzial von Migicovskys Idee, Tausende von ihnen reservierten sich für jeweils rund 100 Dollar eine Uhr. 44 Prozent aller vorgestellten Projekte werden erfolgreich finanziert. Nur wenn die vorher angepeilte Gesamtsumme zusammenkommt, wird das Geld von den Unterstützern tatsächlich abgebucht.

Amanda Palmer hatte kein Problem, ihr selbst gesetztes Ziel zu erreichen. Sie kletterte bis auf Rang 7 der erfolgreichsten Kickstarter-Projekte*. Es zahlte sich aus, dass sie seit Jahren intensiven Kontakt zu ihren Fans in aller Welt hält, sei es per Twitter, wo sie auf über eine halbe Million Follower kommt, sei es durch ihr Blog oder dadurch, »dass ich jahrelang nach Konzerten jedem Fan meine private Mailadresse in die Hand gedrückt habe.« Einen anderen Tipp für potenzielle Geldsammler haben die Modemacher von »Ministry of Supply«, die mit ihren Herrenhemden aus knitterfreiem, NASA-getestetem Funktionsmaterial über 300 000 Dollar sammelten: Sie betonen in einem Interview mit dem Onlinemagazin »Techcrunch«, wie wichtig es sei, während des Sammelns regelmäßige Updates auf der Plattform zu veröffentlichen – das hole die Leute immer wieder auf die Seite zurück, halte das Interesse aufrecht und erhöhe damit die Chance auf Weiterempfehlungen. Eine dritte Lektion erklärt der Pebble-Erfinder Eric Migicovsky: Gefragt, was das Geheimnis hinter seinem Einnahmerekord von zehn Millionen Dollar sei, erklärte er, man dürfe sich keinesfalls auf eine Kernzielgruppe konzentrieren, sondern müsse seine Produkte so entwickeln, dass sie die breite Masse ansprechen. Er habe deswegen seine Mutter als Testperson für seinen Uhren-Pitch eingesetzt.

Wie groß die Umwälzung durch Plattformen wie Kickstarter ist, wird klar, wenn man sich ansieht, dass Migicovsky nicht der Erste war, der die Idee zu einer »Smartwatch« hatte. Der Megakonzern Microsoft, mit hunderten Forschern, Ingenieuren und Marktanalysten hatte sich bereits ebenfalls daran versucht – und war gescheitert. Der Vorteil bei jedem Crowdfunding- Projekt: Die Marktforschung ist bereits eingebaut. Als das Brettspiel »Endlich wieder Single« nicht genug Unterstützer fand, war offenbar die Zeit für diese Idee noch nicht gekommen – und das Romankonzept »Jesus Christus rettet die Menschheit vor Zombies« wohl noch nicht ausgereift. In solchen Fällen kann man sich die Herstellung eines Produkts sparen, das tausendfach in einer Lagerhalle verstauben würde. Oder, noch smarter, man beteiligt die potenziellen Kunden an der Entwicklung des Produkts.

Vorteil eins: Der Käufer fühlt sich nicht nur als Käufer, sondern als mündiger Konsument, der mitreden darf. Er identifiziert sich mit dem Projekt. Vorteil zwei: Kunden vor der Produktion zu fragen, erhöht logischerweise die Wahrscheinlichkeit, dass es ihnen nachher gefällt. Unterstützer des Computerspiels »Double Fine Adventure« (Gesamteinnahmen: 3,3 Millionen Dollar) bekamen zum Beispiel die Möglichkeit, die Spielentwicklung in einer geschlossenen Onlinecommunity mitzuverfolgen, über manche der Entscheidungen abzustimmen und exklusiv eine Vorabversion des Spiels zu testen.

Bei »The Canyons«, einem Filmprojekt des Schriftstellers Bret Easton Ellis (»American Psycho«), waren die Unterstützer eingeladen, per Onlinecasting mitzuentscheiden, wie welche Rolle besetzt würde. Kickstarter ist also eine Finanzierungs- und Marktforschungsplattform, die hilft, die Wünsche des Publikums zu verstehen. Und dieses Publikum will immer seltener abgepackte, mit Kopierschutz versehene Einheitsware. Es will individuelle Belohnungen, unkopierbare Erlebnisse. Wie zum Beispiel die Hinterhofparty mit Amanda Palmer: Marius Bühler, 26, hat das Ticket von seinem älteren Bruder Jonas geschenkt bekommen. Die beiden sind aufgeregt und etwas beschwipst, auch von der ungewohnten Nähe zum Star. »Sie ist nahbar und authentisch, nicht so wie die ganzen Popstars«, sagt Jonas über die Sängerin. Er und sein Bruder sind schon lange Fans und erst durch Palmer auf das Prinzip Crowdfunding aufmerksam geworden. »Ist doch toll, dass man da als Fan so ein Event geboten bekommt«, sagt Marius. »Und noch dazu: Eintritt zu diesem exklusiven Konzert plus ein normales Konzert übermorgen plus den Bildband plus das Album – das ist schon etwas Besonderes.« Dann holen sie eine Ukulele aus dem Rucksack und bringen Amanda Palmer ein Ständchen.

Als Deutscher kann man bei Kickstarter bisher nur Geld geben, aber noch keines sammeln. Deutsche Crowdfunding-Seiten wie der Marktführer »Startnext« sind im Vergleich noch eher klein – bis Kickstarter oder andere internationale Plattformen auch deutsche Projekte zulassen, kann es jedoch nur eine Frage der Zeit sein. Dann wird sich auch hier die Rolle des Künstlers wandeln. Statt im stillen Kämmerlein zu komponieren, zu malen oder zu schreiben (oder sich in den Feuilletons über die böse »Gratismentalität« im Internet zu beklagen), ist plötzlich mehr gefragt. Es muss rund um die Uhr interagiert, getwittert, die Werbetrommel in eigener Sache gerührt werden. »Ich verbringe deutlich mehr Zeit an der Computertastatur als am Klavier«, sagt Amanda Palmer. »Doch das finde ich nicht schlimm. Kein Musiker gibt es zu – aber Songs zu schreiben, ist wirklich langweilig und anstrengend. Mails zu beantworten und zu twittern, ist dagegen das reinste Vergnügen.« Gleichzeitig ist es nötig, wenn man als Künstler sein eigener Herr sein will. Und das ist für Amanda Palmer das Wichtigste. Vor zwei Jahren verließ sie ihre damalige Plattenfirma Roadrunner Records nach einem jahrelangen Rechtsstreit.

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Sie sei dort nur gegen Wände gelaufen, sagt sie: »Sie haben mich für meinen Enthusiasmus und meine Ideen bestraft. Jeder Einfall, den ich hatte, war für die nur zusätzliche Arbeit auf ihrem Schreibtisch.« Also suchte sie lieber den direkten Kontakt zu ihrem Publikum. Und damit sind jene knapp 1,2 Millionen Dollar, die Amanda Palmer innerhalb eines Monats sammelte, nicht nur ein Rekord auf der Kickstarter-Seite, sondern ein Signal dafür, wie sehr sich die Kulturindustrie ändert: Gerade als Palmer bewies, dass die Menschen auch in Zeiten des Internets sehr wohl bereit sind, für Musik zu zahlen, hat ihre alte Plattenfirma Roadrunner Records zahlreiche Mitarbeiter entlassen und die Büros in Deutschland, England, Kanada und Australien geschlossen.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

* Stand Juli 2012

 

Update: Der Artikel ist schon etwas älter – inzwischen hat sich im Bereich Crowdfunding viel getan. Jüngste Entwicklung: Die Webseite krautreporter.de bietet Crowdfunding für Journalismus und sei an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen. 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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