Guido Corleone: Mein Medien-Menü (Folge 33)

Geschrieben von am 03/12/2012 in Was ich lese mit 0 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü. Diese Woche: der frühere Fanzinemacher und heutige Stadtblogger Guido Corleone. 

Wie informierst du dich morgens als erstes?

Auf dem Smartphone. Beginnend mit Emails, die über Nacht reinrappeln, hauptsächlich automatisierte Benachrichtigungen aller möglichen Dienste. Als nächstes geht es mit einem halben Auge ab zu Twitter, schauen, ob die Welt noch steht. Die ersten klassischen Infos der alten Schule kommen aus der MDR-Nachrichten-App, dort lese ich die Hörfunknachrichten. (Falls Verantwortliche hier mitlesen: Die alte Version war deutlich nutzerfreundlicher, weil aufs Nötige reduziert.) Die Wettervorschau kommt aus der Wetter-App, weil sich so die Vorhersage auf den Ort eingrenzen lässt, an dem ich mich tatsächlich befinde.
Das alles passiert meist noch irgendwie im Halbschlaf auf der Bettkante.

Den restlichen Morgen läuft WLAN-Radio, nicht nebenher, sondern laut, mit klassischen Nachrichten zur vollen und halben Stunde. Der Sender wechselt je nach Tageslaune, denn insbesondere was Musik angeht, bin ich morgens wenig kompromissbereit. Wenn Zeit für ein längeres Frühstück bleibt, laufen meist Fernsehserien oder ich lese Instapaper mit dem Kindle, stöbere in RSS-Abos oder bei Twitter. Überhaupt: Twitter. Läuft den ganzen Tag nebenher. An den Wochentagen geht die Informationsaufnahme während des Frühstücks oft mit dem Schreiben für mein Lokalblog Heldenstadt.de einher.

Und dann beginnt der Tag.

 

Welche Zeitungen / Magazine hast du im Abo oder liest du regelmäßig?

Für Zeitungen auf Papier gebe ich kein Geld mehr aus, seit Jahren nicht mehr. Die Angebote der klassischen Tageszeitungen verfolge ich ausschliesslich online.

Im Gegensatz zu Zeitungen hat sich die Menge der Zeitschriften kaum geändert.
Im Abo kommt nur noch der Fluter, weil man sonst so schlecht rankommt. Am Kiosk immer die TV Spielfilm (Gewohnheit), Dummy (super) und das Stadtmagazin Kreuzer (Support). Ab und zu die C’t (wenn das Cover neue Skills verspricht). Neuerdings Wired und erst gestern wieder die Spex, testweise. Letztere hatte ich übrigens bis zum grossen Redaktionsexit 2007 abonniert. Intro, Vice und den Player (ein lokales Kinomagazin) stecke ich ein, wenn sie irgendwo herumliegen.
Wenn mir Das Magazin aus Berlin und ein Mosaik-Heft in die Hände fallen, müssen sie auch mit. Irgendwie spielt hier noch dieses Haben-Will-Ding aus der DDR-Zeit mit rein. An beide war nicht so leicht heranzukommen. Jedenfalls fällt es mir bis heute schwer, sie einfach im Laden liegen zu lassen. Könnten ja die letzten Exemplare gewesen sein! Von diesem Spleen mal abgesehen sind Magazin und Mosaik lesens- und liebenswerter als je zuvor.

Ansonsten lese ich, was in Cafés und Wartezimmern ausliegt.

Was liest du auf Reisen?

Alles, was das Smartphone und die Internetverbindung hergeben. Liegengebliebene Instapaper-Ausgaben oder Bücher auf dem Kindle. Manchmal auch das Magazin, hier macht sich das Pocketformat praktisch.
Früher auf kurzen Reisen die taz.

An Reisezielen lese ich gerne die jeweiligen Stadtmagazine (außer Prinz), wenn es denn welche gibt. Im fremdsprachigen Ausland das, was am verrücktesten aussieht. Wobei auf Grund rudimentärer Sprachkenntnisse oft nicht mehr von Lesen die Rede sein kann.

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Dir wichtig?

Twitter und Rivva, als Aggregatoren und Filterhilfen. Tagesschau, Zeit, SpOn, taz, Freitag, Süddeutsche, Standard, LVZ, und zwar alle mit dem Google-Reader. Ein funktionierender Feedreader, der zuverlässig auf allen Geräten synct, ist schon sehr wichtig.

Welche Blogs liest du?

Im Google-Reader schmoren rund 400 Feeds. Neben den Standards (Bildblog, Spreeblick, Netzpolizik, Wirres etc.) versuche ich zumindest die aus Leipzig stammenden Blogs vollständig zu scannen, um interessante Postings auf Heldenstadt.de verwursten zu können. Seltsamerweise verfolge ich kaum Musikblogs, obwohl mich Musik sehr interessiert.

Highlights aus deinem RSS-Reader?

Da wäre zuerst einmal meine komplette Blogroll empfehlenswert, bestehend aus Freunden, Bekannten und Bewunderten.
Das FAZ-Comicblog von Andreas Platthaus ist hervorragend geschrieben. Neues aus der Comicwelt bei Welt am Draht. Mit dem Vintagekram auf Retronaut geht Zeit schneller rum.

Welche Apps/Tools/Programme helfen dir, informiert zu bleiben?

Seit ich ein riesiges Galaxy Note besitze, spielt sich ausserhalb des Arbeitsalltags fast alles darauf ab. Twitter nimmt einen grossen Teil ein. Da tagsüber wenig Zeit zum Lesen bleibt, gehen längere Texte direkt weiter zu Instapaper. Artikel mit vielen Links und Grafiken landen bei Evernote. RSS-Feeds laufen über Google-Reader, Feedly und Netvibes. Von den Mobilseiten der deutschen Tagespresse sind Lesezeichen angelegt. Die Wikipedia-App hilft ab und zu dabei, Halbwissen in Smalltalks zu vermeiden. Zum Verwalten meiner eigenen Blogs nutze ich unterwegs die WordPress-App. Für die Orientierung auf Reisen die Klassiker Google-Maps, Öffi, Qype und Foursquare. Mailclient ist K-9, der beste für Android.
Im Job hilft mir Outlook dabei, informiert zu bleiben.

Wie viel liest du auf dem Smartphone, Tablet, o.ä.?

Wenn Du auf das Verhältnis Papier zu Screen anspielst: 95 Prozent Screen.

Welches Buch hat dich in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Die Welt von gestern„, wegen der lebendigen Beschreibung des europäischen Lebensgefühls vor hundert Jahren, während des „goldenen Zeitalters der Sicherheit“, wie Stefan Zweig es bezeichnet. Doch dann – Peng – erster Weltkrieg.
Deutschboden„, Moritz von Uslar. Ich bin in der Gegend gross geworden und muss sagen: so sieht’s aus. Noch dazu lehrt das Buch alles über American Nails. Zumindest alles, was man wissen will.
Habibi“ von Craig Thompson. Allein physisch ein sehr beeindruckendes Werk. Wer diesen Comic aus Versehen an den Kopf bekommt, ist tot.

Wie haben sich deine Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Früher blieb zumindest noch der Hauch einer Illusion, mit dem Lesen irgendwann hinterher zu kommen. Bis vor ein paar Jahren las ich mehr Comics. Auch mehr Bücher. Früher war generell mehr Papier. Die durchschnittliche Länge der Texte, die ich lese, ist kürzer geworden. Und Fanzines! Sehr viele handkopierte Fanzines. Das Internet hat die Fanzines vaporisiert.

Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die du möglichst nie verpasst?

Viele Serien. Keine Torrents, sondern immer schön artig im TV oder auf DVD. Momentan laufen Justified, Walking Dead, Torchwood, Skins, True Blood und Little Dorrit. Lindenstrasse jeden Sonntag. Neo Paradise, Willkommen Österreich ab und zu. Und hiermit oute ich mich als Fan von Christian Rach.
Im Radio treffen der Soundgarden mit Maurice Gajda und der Nighflight mit Betty Ford meine Musik. Die FM4-Charts schleichen sich so langsam aus. Trackback als Podcast.
Ich vermisse „Digitales Leben“ auf Radio Eins. Dass die Sendung einfach so durch Fussball ersetzt wurde, war für mich als bekennenden Fussballverächter ein harter Schlag. Auf meine freundliche Beschwerdemail kam bis heute keine Antwort. Ich prangere das an!

Text & Foto: Guico Corleone

Guido Corleone lebt in Leipzig. Er hat das Stadtblog Heldenstadt.de erfunden, das Fanzine Jackpot Baby! herausgegeben und besitzt das Abzeichen für gutes Wissen in Silber.

 

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Offenlegung: Mit einigen der Menschen, die hier in “Was ich lese” ihre Mediengewohnheiten vorstellen, bin ich befreundet.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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