Kennen Sie den? Typologie der Urlaubserzähler

Geschrieben von am 28/11/2012 in SZ-Magazin mit 0 Kommentare

Wellness im Luxushotel, Strandurlaub oder Städtereise – nicht wo man Urlaub macht, verrät den wahren Charakter. Sondern wie man davon erzählt. Eine Typologie

 

Die Kulturverständige

Sie ist »hochinteressiert« an »fremden Kulturen und den Lebensverhältnissen der einfachen Menschen« – sieht man einmal von den Bewohnern ihres kleinen Heimatdorfs ab, vor deren »Borniertheit und Primitivität« sie schon vor Jahren in die Großstadt geflüchtet ist. Dort streitet sie sich wegen Kleinigkeiten mit ihren Mehrparteienmietshaus-Nachbarn, geht bei Manufactum einkaufen und lädt nach ihren Urlauben »fernab der üblichen Touristenpfade« zu Berichten in ihre »bitte nur ohne Schuhe« zu betretende Wohnung ein. Egal ob für den aggressiven marokkanischen Händler in Marrakesch (»Auf den wirken wir im Gegenzug langweilig«), den seine Frau schikanierenden Kambodschaner (»Das liegt an der schrecklichen Vergangenheit dieses geschundenen Landes«) oder die randalierende englische Jugend (»Die Auswüchse der Thatcher-Jahre«), sie hat für jedes noch so fragwürdige Verhalten Verständnis. Und während die Zuschauer schon ungeduldig werden, verwechselt sie in ihren »kulturhistorischen« Ausführungen die Einwohnerzahl von Johannesburg mit der Anzahl der Minenarbeiter in Bolivien oder schaut noch einmal schnell bei Wikipedia das Bruttoinlandsprodukt von Simbabwe nach. Dass dabei der Maniok langsam im Ofen verkokelt? Für sie »ein Kollateralschaden«, genau wie die Zuhörer, die irgendwann einnicken und anfangen zu schnarchen.

Das bringt sie aus dem Urlaub mit: Am Meer gesammelte Steine mit Loch, befestigt an einem Lederband – »Die Natur macht immer noch den schönsten Schmuck«.

Ihr nächstes Reiseziel: Griechenland – »Nach der Hetzkampagne gegen die Erfinder der Demokratie müssen wir denen unsere Solidarität zeigen«.

 

Der Vorbereitete

Schon früher, als die Welt noch eine analoge war, verbreitete der Vorbereitete eine seltsame Mischung aus Furcht und Belustigung. Seine Waffe damals: der ratternde Diaprojektor. Stundenlang wurden Freunde und Verwandte im abgedunkelten Wohnzimmer mit Vorträgen berieselt: »Klack! Und da stehen wir vor der Akropolis. Klack! Und hier sieht man unseren Busfahrer bei der Zigarettenpause …« Heute setzt der Vorbereitete längst ganz andere Hilfsmittel ein: Gern lässt er zum Beispiel aufwendig gestaltete Fotobücher herumgehen (»Das geht kinderleicht!«) und referiert dazu über die vergangene Reise. Doch wehe dem, der die Bilder zu schnell durchsieht! »Da musst du noch mal kurz zurückblättern, hier, das Bild meine ich.« Die noch modernere Subspezies des Vorbereiteten drückt ihrem Opfer gleich ein iPad oder ein Notebook in die Hand. Auf dessen Bildschirm schwebt dann eine Diashow mit dem Titel »Norderney mit den Hornungs 2011« am Auge des Betrachters vorbei. Selbstverständlich ist das Schauspiel mit passender Folkloremusik aus der Urlaubsregion versehen, was zur Stimmung beitragen soll – in Wirklichkeit aber nur dafür sorgt, dass man nicht vorspulen kann, ohne dass der stolze Fotograf es merkt.

Das bringt er aus dem Urlaub mit: Ein gepolstertes kleines Etui mit Speicherkarten voller Digitalfotos.

Sein nächstes Reiseziel: Nordnorwegen – »Ich will dem Polarlicht mal mit meinem neuen Weitwinkelobjektiv zu Leibe rücken«.

Die Sozialspannerin

Kultururlaub in Italien? Badeurlaub auf Langeoog? Ayurveda-Kur auf Sri Lanka? Egal, Hauptsache, nicht allein. Denn ihre Urlaube dienen nicht der Entspannung oder der Horizonterweiterung, sondern fungieren als Kulissen für soziale Dramen, die sie notfalls selber initiiert (»Ich bin extra zu spät zum Flughafen gekommen, denn ich wollte mal wissen: Wie reagiert Schatzi eigentlich, wenn mal nicht alles glattläuft?«). Berichtet sie später über ihre Reise, dann finden die Gespräche meist in konspirativer Atmosphäre in schwer einsehbaren Cafés statt und bilden den eigentlichen Höhepunkt der Reise. »Wetter sonnig, Strand schön, Essen gut«, lautet stets die genervt vorgetragene Kurzzusammenfassung ihres Urlaubs, bevor sie die Stimme senkt und sagt: »Das, was ich dir gleich sage, das bleibt aber unter uns.« Anschließend beginnt sie, das (Interaktions-)Verhalten aller Mitreisenden bis auf Mikroebene zu analysieren: »Der Mann von der S. hat manchmal nicht laut mitgelacht – in deren Ehe läuft wohl nicht mehr alles glatt.« Oder: »Der Sohn vom W. wirkt in Badehose gehemmt. Ich sage dir: Da muss mal was vorgefallen sein.« Der Zuhörer tut gut daran, ab jetzt seinen Mund zu halten. Denn wagt er es noch, beispielsweise eine sachliche Frage zum Hotel zu stellen, wird es ungemütlich, und er muss sich anhören: »Das ist ja hochinteressant, dass du genau an dieser Stelle unterbrichst.«

Das bringt sie aus dem Urlaub mit: Eine Voodoo-Puppe.

Ihr nächstes Reiseziel: Lanzarote – »Mit den Müllers. Du weißt schon, er hat den künstlichen Darmausgang und sie diese schlimme Schuppenflechte«.

 

Der Preisfetischist

Weil sich in seinem Leben als Beamter Leistung nicht auf die Bezahlung auswirkt und er heute schon weiß, welche Bezüge er im Jahr 2027 bekommt (»Wenn ich den Sprung auf A15 noch schaffe«), fasziniert ihn das Thema Geld umso mehr. Monatelang vergleicht er deshalb vor Urlaubsantritt auf Internet-Urlaubsportalen die Preisentwicklung für die Hoteldoppelzimmer, und er weiß stets, wie viel im Ausland ein Big Mac bei »McDonald’s« kostet – »der ultimative Gradmesser für das Preisniveau«, wie er einmal vor zig Jahren in Focus Money gelesen haben will. Ungefragt müssen sich seine Freunde nach seiner Rückkehr Preisvergleiche anhören. Dabei benutzt er noch immer den Langweilersatz: »Das muss man sich mal in D-Mark umrechnen« und glotzt seine Zuhörer erwartungsgeil an, wenn er erregt – als sei es eine Weltneuheit – über die »unglaublichen« Preise für eine Tasse Kaffee in der Schweiz referiert. Ob die Leute nett waren? Oder die Landschaft schön? Spielt keine große Rolle. Wichtiger ist, dass sie ihre Urlaubsroute durch Frankreich extra so gelegt haben, dass sie in einem »Gourmet-Tempel« in der Nähe von Lille speisen konnten. Dort gab es für sie die »sauteuren« Vorspeisen um 50 Prozent günstiger – dank eines extra vor dem Urlaub im Internet »geschossenen« Groupon-Gutscheins.

Das bringt er aus dem Urlaub mit: Haribo-Goldbären – »Die gab’s im Lidl in Umbrien zehn Cent günstiger als in Bonn – und da befindet sich immerhin direkt das Haribo-Werk«.

Sein nächstes Reiseziel: Island – »Die hat die Wirtschaftskrise ja preislich endlich mal aus dem Wolkenkuckucksheim geholt«.

 

Der Minutiöse

Schon die Schilderung der Anreise (»Ursprünglich wollten wir die Fähre nehmen, aber deren Online- Buchungssystem nimmt nur Kreditkarten …«) dauert bei ihm beinahe eine Stunde. Auch vom Urlaub selbst – von den Armaturen im Hotelbadezimmer, der architektonischen Strenge des Busbahnhofs und der exakten Temperaturentwicklung im Lauf jedes einzelnen Tages – berichtet er derart detailreich, dass die Zuhörer den Eindruck haben, die Reise in Echtzeit mitzuerleben. Nur leider nicht in der Sonne von Hawaii mit einem Drink in der Hand, sondern auf der Couch des Minutiösen mit einer Kaffeetasse vor sich. Die ist schon seit dem viertelstündigen Bericht vom Hotel-Check-in leer. Doch der Minutiöse in seinem Erzählrausch hat zwar schlechte Sensoren für seine Mitmenschen, verfügt dafür aber über ein Elefantengedächtnis, das er sich auch nicht scheut zu demonstrieren: »Am Vormittag des vierten Tages stand eigentlich ein Ausflug ins Hinterland auf dem Programm. Aber das haben wir ganz spontan geändert, weil uns doch Sergio, der freundliche Kellner in der Bar, von dem ich vorhin erzählt habe, diesen Tipp gegeben hatte …«

Das bringt er aus dem Urlaub mit: Ein hölzernes Salatbesteck – »Zu dem Markt, auf dem ich das gekauft habe, gibt es noch folgende witzige Geschichte. Dafür muss ich aber etwas ausholen …«

Sein nächstes Reiseziel: »Es gibt da diese kleine Klosterinsel vor Korfu, die ich mir aus folgenden Gründen gern einmal ansehen würde. Erstens … hallo? Bist du noch wach?«

 

Der Maulfaule

Soll der Maulfaule von seiner letzten Reise künden, klingt er wie ein pubertierender Sohn, den man mittags fragt, wie es in der Schule war: »Wie immer.« Nur mühsam und mit größtem Einfühlungsvermögen kann man ihm ein wenig mehr entlocken: »Wetter war gut … Hotel ging so« ist für seine Verhältnisse geradezu ein Redeschwall. Wie der genaue Ort hieß, an dem er die letzten drei Wochen verbracht hat, hat er bereits ebenso vergessen wie das meiste, das er dort die ganze Zeit gemacht hat. »Eigentlich nur faul gewesen« fasst das Programm prägnant zusammen. Dass der Maulfaule so wenig von seinem Urlaub erzählt, bedeutet nicht, dass es ihm nicht gefallen hätte. Er kann sich nur nicht vorstellen, dass sich jemand länger als 30 Sekunden aufrichtig für die Urlaubsreise eines anderen interessiert. Und vermutlich ist er damit gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

Das bringt er aus dem Urlaub mit: Eine große Toblerone vom Flughafen und ein Handyfoto vom Blick aus dem Fenster seines Hotelzimmers.

Sein nächstes Reiseziel: »Mal schauen. Die Frau wird schon was buchen.«

 

Die Kulinarische

Wenn die Kulinarische von ihren Reisen erzählt, wähnt sich jeder Zuhörer im Nachmittagsprogramm des ZDF – denn es geht nur ums Essen und ums Kochen, um »knackfrisches« Gemüse und exotische Gewürze. Strände, Kirchen, Museen oder ähnlicher Firlefanz, für den andere Reisende sich begeistern können, lassen die Kulinarische kalt. Sie kundschaftet stattdessen schon vor der Anreise die besten Restaurants aus und reserviert jeden Abend woanders. Tagsüber werden abgelegene Märkte nach regionalen Spezialitäten durchforstet, die dann – mit Übergepäck im Flieger oder durchgebogenen Autoachsen – nach Hause verfrachtet werden. Dort müssen sich alle Daheimgebliebenen dann beispielsweise durch ein Dutzend verschiedene Käsesorten mit ebenso vielen Sorten Feigensenf probieren. Und dabei natürlich die höhnischen Kommentare der Kulinarischen ertragen: »Ist schon was anderes als so ein Babybel. Oder wie hieß dein Lieblingskäse doch gleich?«

Das bringt sie aus dem Urlaub mit: Olivenöl, das pro Milliliter ungefähr so viel kostet wie Parfum.

Ihr nächstes Reiseziel: Zur Trüffelernte in die Emilia-Romagna oder ins Languedoc.

 

Die Nörglerin

Wer der Nörglerin zuhört, wie sie über die »katastrophalen Zustände« und die »erbärmliche Unterbringung« schimpft, könnte annehmen, sie sei beruflich in einem Krisengebiet unterwegs gewesen. In Wirklichkeit berichtet sie von einem Urlaub auf Fuerteventura. Genauer gesagt berichtet sie weniger vom Urlaub als vielmehr vom Kampf mit dem Reiseveranstalter um Rückerstattung der Kosten. Auswendig rattert sie die Prozente herunter, die man sich für den fehlenden Meerblick oder den »eintönigen Speisezettel« erstatten lassen kann. Ihr natürlicher Feind sind dabei nicht nur der Reiseleiter, sondern auch die einheimischen Hotelkräfte, denen sie nicht nur eine gemeingefährliche Verschwörung gegen den Gast, sondern auch ein ordentliches Maß an Dummheit unterstellt. »Das kann doch nicht so schwer sein, uns destilliertes Wasser für das Reisebügeleisen zu bringen – aber gut, man weiß ja auch, wie es da unten um die Schulbildung bestellt ist.« Am besten lässt man sich von der Nörglerin ihren letzten Urlaub schildern, wenn man selbst gerade kein Geld oder keine Zeit zum Verreisen hat – denn nach ihren Ausführungen will man erst mal nur eins: nach Hause. Und möglichst lange dort bleiben.

Das bringt sie aus dem Urlaub mit: »Beweisfotos« und schlechte Laune.

Ihr nächstes Reiseziel: »Solange ich mein Geld nicht wiederhabe, setze ich keinen Fuß mehr vor die Tür.«

 

Das Paar

»Wie der Kellner immer gemacht hat, wenn wir abends in das Restaurant gekommen sind, das muss der Frank euch jetzt unbedingt erzählen, der kann das so lustig nachmachen. Los, Schatz, mach mal!« – »Also, das war wirklich irre. Immer wenn wir in das Restaurant kamen …« – »Man muss dazu sagen, es war kein richtiges Restaurant, eher so eine Art Bistro …« – »Schatz, soll ich erzählen oder willst du?« – »Du.« – »Also, der Kellner, der hieß Gianculo oder so …« – »Gianluca.« – »Danke, Schatz. Also Gianluca, der hat dann, sobald er uns gesehen hat, die Arme weit auseinandergerissen und ganz laut Buona notte gebrüllt. Das war so lustig, ich kann das jetzt nicht richtig nachmachen. Dann gab es einen Champagner, und er sagte …« – »Prosecco.« – »Was?« – »Ich habe nur gesagt: Es war kein Champagner, es war Prosecco.« – Nein, Schatz, es handelte sich um Champagner.« – »Es tut mir leid: Prosecco.« – »Champagner.« – »Prosecco.« – »Champagner! Meinst du eigentlich, ich bin zu doof, einen Champagner von einem Prosecco zu unterscheiden?« – »Jetzt schrei doch nicht gleich so, nur weil du einen Fehler gemacht hast.« – »Ich? Einen Fehler?« – »Genau das ist die Art an dir, die ich so hasse. Du schaffst es, auch jeden noch so schönen Urlaub irgendwann zu versauen.« – »Ich dachte, du hast den Urlaub genossen.« – »Genossen? Hörst du mir überhaupt zu? Aber vielleicht können wir das ja besprechen, wenn wir allein zu Hause sind. Oder möchtest du das wirklich hier vor all unseren Freunden ausdiskutieren?«

Das bringen sie aus dem Urlaub mit: Massageöl in einem muschelförmigen Flakon – das leider im Koffer ausläuft.

Ihr nächstes Reiseziel: »Nach Irland.« – »Denkst du!«

Text: Mathias Irle & Christoph Koch
Erschienen in: SZ-Magazin 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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