Kati Krause: Mein Medien-Menü (Folge 32)

Geschrieben von am 26/11/2012 in Was ich lese mit 2 Kommentare

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü. Diese Woche: Kati Krause, zuständig für Creative Communications bei Etsy Germany.

Meine erste Dosis Medien bekomme ich morgens um 7 Uhr, wenn der Wecker radioeins anwirft. Mit etwas Glück machen mich schon die Nachrichten so rasend, dass ich gleich wach werde. Dann greife ich zum iPhone und lese zwischen Aufstehen, Anziehen, Frühstücken und Zähneputzen, in dieser Reihenfolge: Twitter, Guardian, Facebook, Spiegel Online, tumblr, Twitter, New York Times, El País, wieder Twitter. In letzter Zeit funktioniert die Zeit Online App ja auch ab und zu, dann lese ich die statt Spiegel Online, um meine Gemütsruhe weniger zu stören. Mit der hochgelobten Tagesschau-App kann ich leider gar nichts anfangen, weil die Einleitungssätze nicht auf Smartphonelänge geschrieben sind. Da müsste ich ja überall draufklicken! Seit neuestem checke ich morgens auch meinen Etsy-Feed über die App auf neue Produkte, wegen Arbeit und zur Unterhaltung. Denn auch wenn ich selbst wenig kaufe: die schönen Dinge zu sehen, die die Leute sich so ausdenken, macht mich sehr glücklich.

Tagsüber bekomme ich alle meine Nachrichten über meinen Twitter-Feed. Längere Artikel (vor allem die, die über Longform-Feeds wie IfYouOnly, Longreads, Longform oder GuteTexte verbreitet werden) speichere ich in Instapaper ab, um sie abends auf dem Sofa oder im Bett zu lesen. Ich habe mir schon länger vorgenommen, von Instapaper auf Pocket umzusteigen, weil ich so viel Gutes höre, aber bisher bin ich noch zu träge. Im Übrigen lese ich alles auf meinem iPhone. Ein iPad habe ich nicht und mein Kindle habe ich meinem Freund gegeben, nachdem er sich auf seins draufgesetzt hatte. Ich finde auch, dass sich ein iPhone zum Lesen ausnehmend gut eignet und dass sich Medienunternehmen mehr mit Telefonen statt mit Tablets beschäftigen sollten.

 

Online-Magazine und Blogs habe ich zwar über Google Reader abonniert, aber den mache ich so gut wie nie auf. Stattdessen lese ich einzelne Beiträge, die über Twitter, tumblr oder Facebook angeschwemmt werden und die ich dann abspeichere. Ein Überblick über die Stammgäste: Nieman Journalism Lab, Rookie Mag, The Atlantic, Letters of Note, Dezeen, FT Media, Boing Boing, Brainpickings, It’s Nice That, Mother Jones, bldgblog und natürlich magCulture, ein grossartiger Blog über Magazine. Den meisten dieser Blogs folge ich übrigens auf mehreren Plattformen, auch auf Instagram. Seit ein paar Wochen gibt es auch Matter, eine Plattform für Investigativjournalismus, die ein Pay-per-Story oder ein Abo anbietet. Wenn ich es nicht sowieso auf Kickstarter unterstützt hätte, würde ich es jetzt abonnieren. Mein Lieblingsblog ein deutscher Sprache ist wahrscheinlich der des Autoren Malte Welding. (Ich sage übrigens “der” Blog und bin wohl schon zu alt, um es noch anders zu lernen. Es klingt in meinen Ohren auch besser so.)

 

Gedruckte Zeitungen lese ich nur noch manchmal am Wochenende im Café, und dann ist es die SZ (siehe Münchner Wurzeln). Ich tu es sehr gerne: man sieht sich ja eher alles an, was auf so einer riesigen Zeitungsseite steht, und liest daher auch Nachrichten, auf die man in einer digitalen Ausgabe oder in einem Feed eher nicht klicken würde.

 

Doch eigentlich bin ich ein grosser Fan von Print, besser gesagt von Print-Magazinen. Es gibt wenige, die ich regelmässig lese. Dazu gehören das SZ-Magazin, das Zeit Magazin, die brand eins, die Dummy, Wired (die britische oder amerikanische Ausgabe), Monocle und der New Yorker – also Zeitschriften, die ich wegen ihres guten Journalismus schätze. Ich mag Zeitschriften aber auch als Objekte. Das Format ist unheimlich wichtig, ebenso wie das Design, aber es gibt keine Regel, wie etwas auszusehen oder sich anzufühlen hat. Das ist irgendwie das Tolle daran. Das britische Port Magazine, ein Männer-Magazin des neuen Schlags – grossformatig, klassisch schick, mit schlichtem Design und hochwertiger Fotografie – ist genau so wunderbar und eindrucksvoll wie Fire & Knives, ein Magazin über Essen des britischen Kochs und Gastronomiejournalisten Tim Hayward, das klein ist und so gut wie keine Fotos hat, dafür immer komplett von einem Illustratoren gestaltet ist. (Bei Essensmagazinen empfehle ich übrigens wärmstens Lucky Peach, das von McSweeney’s zusammen mit dem New Yorker Koch David Chang herausgegeben wird.)

 

Ich schätze an Magazinen diese Ausgeglichenheit, wenn Inhalt und Gestaltung sich einig sind und an einem Strang ziehen. Alle oben genannten Zeitschriften haben das, aber auch die spanische Zeitschrift apartamento, mono.kultur, ebenso das Froh! Magazin, die Filmmagazine Little White Lies und Little Joe, das Kinfolk Magazin und natürlich meine Lieblingsmusikzeitschrift ‘SUP. Und ich mag Magazine, die ganz bewusst nicht als Werbeträger ins Leben gerufen wurden. Der Wedding zum Beispiel, das Interview-Magazin Dumbo Feather, Useful Photography, das satirisch-ehrliche Manzine oder Karen, in dem Karen Lubbock von dem alltäglichen Leben ihrer Nachbarn und Familie erzählt. Das sind Magazine, die kaum weniger mit dem, was man an Bahnhofskiosken sieht, zu tun haben könnten – und an denen man sieht, dass man so etwas auch einfach aus Liebe machen kann.

 

Bücher lese ich in letzter Zeit leider nur noch wenige. Früher habe ich die Dinger verschlungen, auch wenn ich eine sehr langsame Leserin bin. Aber bei den meisten Menschen wird Bücherlesen wohl irgendwann zum Luxus. Und dann muss man sich auch noch zwischen Romanen (Spass) und Sachbüchern (Arbeit) entscheiden. Vor kurzem habe ich mich nach einer anstrengenden Woche zuhause eingesperrt und an einem Wochenende “Empire of the Sun” von J.G. Ballard gelesen. Danach habe ich zwei Wochen lang davon geträumt.

 

Was ich fast noch genauso viel konsumiere wir früher sind Hörspiele, auch wenn sie heute Podcasts heissen. Ich höre mir lieber Geschichten an, als Fernsehen zu gucken. Ohne Podcasts würde ich auch niemals Wäsche falten, das Bad putzen oder kochen. Das wär mir viel zu langweilig. Meistens höre ich This American Life, Radiolab und Too Much Information. Auch alte Features aus Wired, Planet Money von NPR, Freakonomics und den Presseclub. Und manchmal höre ich mir die Titelstorys von The Economist an, die man über iTunes auch ohne Abo bekommt. Man kann sich übrigens den Economist und auch den New Yorker komplett vorlesen lassen, wenn man mal eben sieben Stunden nichts zu tun hat, was ich an sich schon toll finde. An deutsche Podcasts taste ich mich langsam ran, aber bisher sind sie mir oft zu institutionell (die öffentlich-rechtlichen) oder zu viel strukturloses Gerede ohne erkennbares Ziel, bei dem es mehr um die Sprecher als um die Sache geht (die unabhängigen).

 

Im Fernsehen schaue ich mir eigentlich nur den Tatort und die Tagesschau an, und die auch nur aus Nostalgie und auch dann meistens über die Mediathek, weil ich die Übertragung verpasst habe. Das meiste sehe ich über Netflix, sowohl Filme als auch die Serien, die alle sehen – Breaking Bad, Mad Men, Homeland, Boardwalk Empire. Und in den Pausen zwischen Staffeln kehre ich immer wieder zu The Wire zurück. Die habe ich schon fünf Mal durch und werde sie wohl noch weitere fünf Male schaffen. In der Zeit hätte ich wahrscheinlich auch das eine oder andere Buch lesen können.

 Text & Foto: Kati Krause
 
Kati Krause ist Creative Communications Manager bei Etsy Deutschland und organisiert unter dem Titel Tinta de la Casa Themenabende zu unabhängigen Magazinen. Als leitende Redakteurin beim Verlag Le Cool Publishing hat sie mehrere Bücher und Magazine produziert, unter anderem Ling, ein Indie-Magazin für die spanische Fluglinie Vueling. Ausserdem schreibt sie regelmässig für Publikationen wie Monocle, The Wall Street Journal Europe und Die Zeit Online, ebenso wie für unabhängige Magazine. Die gebürtige Münchnerin hat zehn Jahre in London und Barcelona gelebt, bevor sie 2011 nach Berlin zog. 
 

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Offenlegung: Mit einigen der Menschen, die hier in “Was ich lese” ihre Mediengewohnheiten vorstellen, bin ich befreundet.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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2 Leserkommentare

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  1. Uli sagt:

    “Das meiste sehe ich über Netflix”
    Was aus Deutschland normalerweise ja gar nicht geht, außer ich irre mich gerade sehr.

    Ich finde es befremdlich wie selbstverständlich viele angeben Serien oder Filme online zu kucken obwohl das legal oder ohne Verrenkungen meistens gar nicht möglich ist. Man sollte meiner Meinung nach viel mehr darauf hinweisen das hier noch viel Arbeit ansteht bevor man wirklich Serien “einfach so” online kucken kann.

  2. Kati sagt:

    Hallo Uli, ich habe ein VPN über hidemynet.com. Das ist nicht verboten und Netflix lässt die Bezahlung über ein Bankkonto, das nicht in den USA liegt, zu. Wäre natürlich schön, wenn es noch einfacher ginge, aber in diesem Fall sind dir Hürden wenigstens nicht nur für Experten überwindbar.

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