»Für mich«: Widmungen sind nur ein Weg des Autors, sich einzuschleimen

Geschrieben von am 21/11/2012 in Neon mit 0 Kommentare

Der letzte Satz ist der wichtigste. Sagen manche. Andere finden, das gelte für den ersten. Am unwichtigsten – kein Zweifel – sind Widmungen. Sie sind ein Werkzeug des Einschleimens. Auch wenn heute nicht mehr Mäzene oder Auftraggeber bedacht werden, sondern Privatmenschen: Das ewige »Für Papa« oder »Meiner lieben Frau Elsa « bleibt jedem nicht gemeinten Leser egal – der einen Person, die es betrifft, könnte es der Autor ja auch mit Kolbenfüller ins Exemplar malen. Und nur Leute, die die Grenze zwischen Fan und Stalker nicht mehr im Blick haben, interessiert, ob Philip Roth mit »Für J.C.« einen Collegefreund oder Jesus Christus meint.

Oft wirkt es, als habe sich der Autor mit der Widmung mehr gequält als mit dem Buch selbst. Es ist ja heikel: Egal, wen man so prominent platziert – alle anderen, die darauf gehofft haben, sind beleidigt.Außerdem hat Literatur eine längere Halbwertszeit als Beziehungen. Als Graham Greene »Der Weg nach Afrika« veröffentlichte, widmete er es noch »Meiner Frau: Wie einen Pass trage ich dich überall hin«. Nach der Trennung erschienen Folgeauflagen mit einem spröden »Für meine Cousine Barbara Strachwitz«.

Der Dank an die Leser ist nur scheinbar ein Ausweg: Diese Variante ist die größte Anbiederung von allen – wie Günter Grass (»Allen gewidmet, von denen ich lernte «) und die Verfasser des Single-Ratgebers »Er steht einfach nicht auf Dich« beweisen: »Dieses Buch ist den reizenden Frauen da draußen gewidmet …« Die ehrlichste Widmung der Geschichte ist die des Cartoonisten Al Jaffe: »Für mich, ohne dessen Mühen dieses Buch nicht möglich gewesen wäre.«

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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