Das ist nicht echt! Wie man seltener auf Webfakes reinfällt

Geschrieben von am 14/11/2012 in Neon mit 0 Kommentare

Gefälschte Videos, manipulierte Bilder, irre Gerüchte: Das Internet verlangt von uns, dass wir permanent zwischen echt und fake unterscheiden können. Fünf Tipps, wie man Netzschwindel erkennt.

»Doch noch aufgetaucht – das Todesfoto! « Mit dieser Betreffzeile leitet ein Freund das Bild vom toten Osama Bin Laden weiter. Eine Freundin postet auf Facebook ein Video von einem Mann, der mit Spezialschuhen übers Wasser rennt. Abends in der Warteschlange vor dem Club erzählt dir jemand diese unglaubliche Geschichte, die er »irgendwo gelesen« hat. Irgendwo im Internet.

Das Netz, vor allem die Schnipsel, die uns in sozialen Netzwerken begegnen, verlangen uns ab, permanent zwischen echt und fake zu unterscheiden. Denn wer will schon der gutgläubige Idiot sein, der nicht gesehen hat, dass der Neopren-Jesus im Video auf einer Vorrichtung übers Wasser spazierte, und den Film mit einem aufgeregten »Gebt euch das mal! Total krass!!!!« weiterleitet? Dabei ist es gar nicht so schwierig, genau solche Fälschungsfallen zu umgehen.

Woran erkenne ich manipulierte Fotos?

Fotomanipulationen sind natürlich keine neue Erfindung. Schon die alten Sowjets retuschierten vor über achtzig Jahren den in Ungnade gefallenen Leo Trotzki aus Parteifotos heraus. Aber durch immer bessere, billigere und einfacher zu bedienende Bildbearbeitungssoftware sind Fotomanipulationen zu einem Hobby und Massenphänomen geworden. Ein gutes Indiz für ein bearbeitetes Foto sind wiederkehrende Muster (zum Beispiel bei Wolken, Rauch oder Rasenflächen), die auf einen mehrfach kopierten Ausschnitt hinweisen. Ein beliebter Trick ist, Köpfe einer Menschenmenge zu duplizieren und so die Menge größer zu machen oder etwas anderes auf dem Bild durch die kopierten Köpfe zu verbergen.

Auch eine inkonsistente Beleuchtung innerhalb eines Fotos oder falsche beziehungsweise fehlende Schatten können auf eine Fälschung hinweisen. Eine zusätzliche Möglichkeit ist, das Bild bei der Google-Bildersuche hochzuladen (über die kleine Kamera in der Suchzeile) und nachzusehen, auf welchen Seiten es auftaucht und ob es eventuell ein Bild gibt, das sehr ähnlich aussieht. So ein ähnliches Foto könnte nämlich das unmanipulierte Original sein. Zusätzlich kann man das kostenlose Tool »Error Level Analysis« ausprobieren (fotoforensics.com), das – vereinfacht gesagt – prüft, ob unterschiedliche Teile eines Bildes unterschiedlich oft gespeichert wurden: denn das weist auf ein zusammengesetztes oder manipuliertes Bild hin.

Was verrät die Quelle eines Online-Schnipsels?

Manchmal kann es extrem hilfreich sein, die ursprüngliche Adresse des Artikels aufzusuchen, den jemand in einem Netzwerk geteilt hat. Seiten wie »Rentner-News« oder »Der Postillon« klingen zum Beispiel auf den ersten Blick halbwegs normal – manche von ihnen werden sogar bei Google-News neben seriösen Nachrichtenseiten gelistet -, sind aber Satireangebote oder mit Werbung zugepflasterte Privatseiten. Wenn bei einem Nachrichtenartikel also erst mal unklar ist, ob er seriös ist oder nicht, kann es sich lohnen, das womöglich unseriöse Umfeld zu checken, in dem er publiziert wurde. Man sollte auch immer überlegen: Wer steckt dahinter – wem könnte ein eventueller Schwindel nutzen? Im Fall der »Rentner-News«, die zum Beispiel immer wieder die Gerüchte über das wilde Vorleben von Bettina Wulff beschworen, ging es vor allem darum, Traffic für die unzähligen Werbebanner zu generieren, die auf der Seite beinahe mehr Platz einnehmen als die Artikel.

Wie sehe ich, ob ein Video gefälscht wurde?

Im Gegensatz zur Bildbearbeitung sind wirklich gute Videofälschungen derzeit noch ziemlich kompliziert. »Bei einem Video von einer Minute hat man es mit tausenden von Einzelbildern zu tun«, erklärt Hany Farid in einem Interview. Farid beschäftigt sich an der Universität Dartmouth mit Foto- und Videomanipulation. Grundsätzlich gilt also: Je kürzer ein Video, desto leichter ist es zu manipulieren. Es sei aber nur eine Frage der Zeit, bis sich die Technik auch in diesem Bereich weiterentwickle und Fälschungen einfacher würden. Ein Video von schlechter Qualität, zum Beispiel ein unscharfer Schwarz-Weiß-Film einer Überwachungskamera, ist leichter zu manipulieren als ein gestochen scharfer Farbfilm. Je schlechter das Material, desto mehr Vorsicht ist also geboten. Das Gleiche gilt für Fotos: Wenn von einem offiziellen Ereignis, bei dem Profifotografen anwesend waren, nur ein kleines, verwackeltes JPG in schlechter Auflösung im Netz kursiert, ist es vermutlich gefälscht.

Um Fälschungen bei Videos zu entlarven, empfiehlt es sich, auf Sprünge zu achten, sei es in der Farbgebung oder auf der Tonspur. So entlarvt man schnell, dass sich Ronaldinho natürlich nicht vom Strafraumrand mit perfekt platzierten Lattenknallern immer wieder den Ball selbst zuspielt. Wie bei so vielen dieser Sporttrickvideos steckt hier ein Sportartikelhersteller dahinter, der natürlich ein Interesse daran hat, dass sich der gefälschte Film verbreitet – weil darin sein Produkt vorkommt. Also ruhig zweimal überlegen, bevor man ein Video weiterleitet: Womöglich macht man Gratiswerbung für Unternehmen. Nicht immer muss ein Video allerdings manipuliert sein, um einen falschen Eindruck zu erwecken. Eine beliebte und ziemlich simple Methode bei spektakulären Sport- und Weitwurftricks: Die 5000 Versuche, bei denen der Basketball nicht vom Hausdach im Korb landet oder die durchs Zimmer geworfene CD das Laufwerk des Players verfehlt, werden einfach nicht gezeigt. Der eine Versuch, bei dem es geklappt hat, schon. Keine Fälschung, aber auch nicht ganz ehrlich.

Woran erkenne ich, ob ein Wikipedia-Eintrag manipuliert wurde?

Manipuliert, also verändert, werden Wikipedia- Einträge dauernd, das liegt im Wesen der offenen Enzyklopädie. Ob jedoch jemand einen Artikel mutwillig um falsche Fakten ergänzt hat, kann man auf zwei Arten prüfen:

  1. Man klickt oben auf der Artikelseite den Reiter »Diskussion« an. Im Diskussionsbereich werden kontroverse Fragen in Bezug auf einen Eintrag besprochen, zum Beispiel, ob ein Abschnitt zu werblich gehalten ist. Hier werden oft auch regelmäßige Manipulatoren geoutet.
  2. Man klickt auf den Reiter »Versionsgeschichte «. Dort kann man Schritt für Schritt die einzelnen Veränderungen des Artikels nachvollziehen und sehen, wer sie vorgenommen hat. Hier sieht man schnell, ob eine Person gezielt Falschinformationen einstreut.

Wen kann ich fragen, ob eine unglaublich kuriose Geschichte stimmt?

Die wahrscheinlich beste Anlaufstelle für Internetgerüchte aller Art ist snopes.com. Seit 1995 geht das kalifornische Ehepaar Barbara und David Mikkelson auf dieser Seite allen Arten von Mythen, Urban Legends und weitergeleiteten Fakes nach. Vom Foto einer angeblich mutierten Riesenkatze bis zu der alten Geschichte von brutalen Gangs, die Autofahrer töten, die sie mit der Lichthupe blenden – die Mikkelsons untersuchen diese Weblegenden und finden in den meisten Fällen sowohl die Wahrheit heraus als auch den Ursprung des Fakes. »Diese Geschichten sind oft Zeichen von kollektiven Ängsten«, sagt David Mikkelson in einem Interview. »Aber es ist gar nicht so leicht, ihnen auf den Grund zu gehen, und so wenden sich die Leute an uns.« Nach eigener Angabe können die Mikkelsons durch Werbeeinnahmen inzwischen sehr gut vom Aufdecken digitaler Fakes leben.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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