Max Scharnigg: Mein Medien-Menü (Folge 7)

Geschrieben von am 26/03/2012 in Was ich lese mit 1 Kommentar

In der Reihe “Mein Medien-Menü” stellen interessante Menschen ihre Lese-,  Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Jeden Montag also ein neues Medien-Menü – diese Woche mit Max Scharnigg, Hobbygärtner und Lichtgestalt des deutschen Lifestyle-Journalismus. 

Wie informierst du dich morgens als erstes?

Ich greife noch im Halbschlaf zum iPhone und habe dann meistens große Feinmotorik-Probleme wenn es darum geht, den Code richtig einzugeben. Dann als erstes Tagesschau-App, weil da das Hintergrund-Blau und die Schlagzeilen einfach sanfter sind als das Rot und die Katastrophen-Sucht der Spiegel-App, die erst danach kommt. Dann Mails, dann Twitter, um festzustellen, was in den Talkshows gestern abend so gelaufen ist – oder um mein Fußball-Halbwissen auf minimalster Flamme weiterköcheln zu lassen. In der Küche oder im Auto dann Radio, immer Bayern 5, bis ich den Viertelstunden-News-und-Hintergründe-Takt auswendig mitsprechen kann.

Welche Zeitungen/ Magazine hast du im Abo oder liest du regelmäßig?

Die SZ im Abo, ehrlich gesagt lese ich die aber überall anders öfter als auf Papier bei mir Zuhause. Da ich Mitglied der Royal Horicultural Society bin, bekomme ich auch deren hübsches Periodikum „The Garden“, das ich allerdings nie lese, sondern in dem ich nur Anzeigen für kunstvolle Gewächshäuser studiere. Als Resultat einer Fixkosten-Panikattacke vor zwei Jahren habe ich alle anderen Abos gekündigt, kaufe nur regelmäßig noch die deutsche AD und sonntags die FAS. Gelegentlich die Fachmagazine Esox und Lapis.

Was liest du auf Reisen?

Neue Hochglanzmagazine aus dem Bahnhofsbuchladen, die noch nicht kenne, die ich nach fünf Minuten langweilig finde und die es meistens nach zwei Ausgaben auch nicht mehr gibt, von mir aber jahrelang aufgehoben werden. Dazu Brand Eins. Und ein Taschenbuch, am liebsten ein altes rororo, das schon so weich ist, dass man es rollen, falten und bei Langeweile am Gate als Fernrohr benutzen kann.

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Dir wichtig?

Die üblichen.

Welche Blogs liest du?

Die üblichen: Niggemeier, Herrndorf, Heise. Dazu viele internationale Designblogs: Apartement Therapy, Remodelista, Design Sponge, Garance Doré, Emmas Designblog usw. Ganz gut gefällt mir zur Zeit außerdem das Men-Fashion-Blog Por Homme und die Foodbloggerei von Smitten Kitchen.

Was ist wichtige berufliche Lektüre für dich?

Eigentlich alles.

Welche Art von Büchern liest du am liebsten (Sachbücher, Fiction, Biografien)?

Tagebücher.

Welches Buch hat dich in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Der Russe ist einer der Birken liebt“, das Debüt von Olga Grjasnowa und die Raddatz-Tagebücher, weil der mal wirklich ein ambitioniertes Namedropping betreibt, wie es heute kaum einer mehr beherrscht. Von Klaus Mann bis Richard v. Weizsäcker – Raddatz hatte sie alle.

Welche Apps/Tools/Programme helfen dir, informiert zu bleiben?

Mein Google RSS-Reader funktioniert zwar nicht richtig, aber ich bin auch nicht in der Lage, den Haufen Blogs von dort irgendwo anders hinzuziehen. Eine Zeit lang habe ich wie ein Irrer mit X-Marks meine Bookmarks verwaltet, bis mir jemand gesagt hat, dass man das nicht mehr macht. Übersicht über interessante Produkte hole ich mir bei svpply, neue Musikvideos bei videos.antville.org, aber he, das sind ja keine Programme.

Wie viel liest du auf dem Smartphone, Tablet, o.ä.?

Nur Mails und die Tagesnachrichten.

Welche Rolle spielen Leseempfehlungen/Links durch Soziale Netzwerke?

Ach, des routinemäßig von zweihundert Kollegen getwitterten New-York-Times-Artikels über ein Zeitgeistphänomen bin ich mittlerweile etwas überdrüssig. Vom Facebook-Mob empfohlene Musikvideos schaute ich gerne, bis meine Flash-Applikation daselbst nicht mehr zeitgemäß war und ich den firmeninternen Servicedesk unter der Durchwahl Dingsbums anrufen müsste, damit er via Fernsteuerung mit dem Admin-Passwort meinen Flash-Player aktualisiert. Aber mir erscheint das Problem dann auch nicht dringlich genug, deswegen bleibt alles wie es ist. Ich mache mir aber tagsüber mit dem Bleistift Notizen, die ich abends am Stehpult in ein großes Buch übertrage, in dem alle Musikvideos aufgelistet sind, die ich dereinst schauen möchte.

Von wem oder was fühlst du dich dort besonders gut informiert?

Vom Geburtstagskalender.

Gibt es tägliche oder wöchentliche Leserituale?

Wenn ich nicht einschlafen kann, blättere ich gerne in Mercks Warenlexikon von 1919.

Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die du möglichst nie verpasst?

Samstagnachmittag stehe ich meistens in der Küche und mache das mise en place für den Abend, dabei höre ich sehr gerne die Fußball-Konferenzschaltung, weil das so ein archaisches und echtes Informationsrelikt ist, das durch nichts Digitales ersetzt werden kann. Ich mag die Spannung und das Durcheinander.

Hast du einen Lieblings-Podcast?

Podcast? Hab ich nie mitgemacht.

Wie haben sich deine Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Je mehr Bücher ich auf den Schreibtisch kriege, desto geringwertiger erscheinen sie mir, wegen der puren Zahl. Mit Platten ist es ähnlich. Ich versuche trotzdem noch jedes Buch zumindest neutral anzulesen, Minimum zwanzig Seiten, kriege aber immer weniger wirklich zu Ende.

Irgendetwas, das ich vergesse habe, du aber trotzdem gerne liest?

Ich lese überaus gerne die Leser-Kommentare auf SpiegelOnline, meistens verzichte ich sogar auf den dazugehörigen Artikel und springe gleich runter, am allerliebsten unter Auto-Tests. Es gibt nirgendswo sonst eine derart missgünstige, unleidliche, hausmeisterhafte Mischpoke und nirgends scheint mir das Volk gleichzeitig so sehr bei sich zu sein, wie in diesen Kommentarspalten. Darüber hinaus lese ich in der ZEIT gerne die Kontaktanzeigen und alles was Jochen Schmidt publiziert.

Max Scharnigg, Jahrgang 1980, arbeitet als Journalist und Autor in München. Er gehört zur Redaktion von jetzt.de, dem jungen Magazin der Süddeutschen Zeitung, und schreibt unter anderem für Architectural Digest und Beef. 2010 erschien sein Hauptsatz-Buch »Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden«. Sein Romandebüt »Die Besteigung der Eigernordwand unter
einer Treppe
« (2011) erhielt mehrere Auszeichnungen, u.a. den Mara-Cassens-Preis. Zuletzt erschien im März 2012 im Fischer Taschenbuch Verlag sein vergnügliches Sachbuch »Feldversuch. Unser Stück Land vor den Toren der Stadt«.

Foto: Harald Fronzeck

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Vielen Dank an “The Atlantic Wire” für das wundervolle Format (dort heißt es “What I Read”). Wer Vorschläge hat, wer in dieser wöchentlichen Rubrik auch einmal zu Wort kommen und seine Lieblingsmedien vorstellen und empfehlen sollte, kann mir gerne schreiben.

Disclosure: Mit vielen der Menschen, die hier in “Was ich lese” ihre Mediengewohnheiten vorstellen (werden), bin ich befreundet oder zumindest leidlich bekannt.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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