Sie nennen es Arbeit. Wie erträgt man unfähige Kollegen?

Geschrieben von am 02/03/2012 in Neon mit 0 Kommentare

Sie sind langsam, faul und wälzen ihre Arbeit auf uns ab. Jeder kennt unfähige Kollegen. Doch es gibt mehr als nur eine Art.

Datum / Uhrzeit : 9.12.2011 / 15:53
Betreff : ich bring ihn um!

»Oh Mann! Jetzt hat er das schon wieder gemacht! Du erinnerst dich doch an den Programmierer aus Frankreich, der vor kurzem bei uns angefangen hat? Ich habe ihm dreimal gesagt, dass wir die neue Funktion auf unserer Website erst freischalten können, wenn er und sein Team den Log-in-Vorgang überarbeitet haben. >Mais oui!<, sagt der Typ jedes Mal fröhlich – nur um dann heute zu erklären: >Wir haben erst uns mit anderen Dingen beschäftigt. Wir wussten ja nicht, dass le log-in so wichtig war, n`est ce pas?< Natürlich ist dem keiner böse. Dabei versteht der Typ einwandfrei deutsch, wenn er mit der Rezeptionistin flirtet. Der ist einfach unfähig!«

Viele von uns verbringen mehr Zeit mit ihren Kollegen als mit ihrem Partner. Den Partner können wir uns wenigstens aussuchen – im Gegensatz zu dieser Armada von Kretins, die unser Chef um uns herumheuert, während er gleichzeitig die Kompetenten feuert oder durch seine kauzige Art in die Kündigung treibt. Die Hölle, das sind immer die anderen. Das sind die, deren Schreibtisch zwischen unserem und dem Fenster steht. Die, auf deren Arbeit wir angewiesen sind, um unsere eigene machen zu können. Die aber von einer unsichtbaren Macht davon abgehalten werden, ihren eigenen Teil einigermaßen richtig und pünktlich abzuliefern. Da ist die obige Mail nur eine Einzelstimme aus dem gewaltigen Chor der Frustrierten. Nur eine Strophe aus dem langen Lied derjenigen, die als Einzige noch abends um halb zehn vor dem Bild- schirm sitzen, während sich alle Kollegen schon vor Stunden mit einem spöttischen »Aber mach nicht mehr so lange« verabschiedet haben. Morgen ist auch noch ein Tag, sagen sie. Ja, ja, schon klar. Ein Tag, an dem wir schon wieder doppelt so viel arbeiten wie sie – und, wenn uns unsere Ahnung nicht trügt, trotzdem weniger Gehalt dafür bekommen.

Schön, wenn man seinen Schreibtisch ausnahmsweise mit einem fähigen Kollegen teilen darf (Symbolfoto).

Datum / Uhrzeit : 9.12.2011 / 21:53
Betreff : tell me about it … 

»Ich weiß, was du meinst. Ich frage mich auch, warum ich noch hier sitze. Warum ich anscheinend der Einzige bin, den es stört, wenn noch nicht alles fertig ist. Die anderen lassen schön um kurz vor sechs den Stift fallen, die Windows-Herunterfahrmelodie ertönt aus allen Ecken des Großraumbüros – und eine Viertel- stunde später ist keiner mehr da außer dem verschüchterten Praktikanten, der sich nicht traut zu gehen und den ich dann auch nach Hause schicke.«

Neben dem klassisch unfähigen Kollegen, der nicht in der Lage ist, das zu tun, was sein Job ist, dem man alles dreimal sagen muss und es am Ende doch selbst macht, ist es vor allem der Faule, der vielen von uns zu schaffen macht. Der später kommt, früher geht, schon wieder in Urlaub fährt. Immer braun gebrannt und ein Liedchen auf den Lippen, sieht der Faulenzer gar nicht ein, »sich völlig kaputtzumachen«, und verweist auf »Kernarbeitszeit« und »Überstundenausgleich «. Worte, die für uns klingen wie herübergeschwemmt aus einer fernen Welt, in der es noch keine prekären Beschäftigungen auf Zeit gab, sondern unbefristete Festanstellung satt. In der alle pünktlich gegangen sind und der schöne Satz galt: »Freitag ab eins macht jeder seins.« Heute sieht es leider so aus, dass einmal im Jahr die Geschäftsführung die Devise ausgibt: »Wir müssen einfach aus weniger mehr machen.« Und Freitag um eins steht dann ein weiterer Typus des verhassten Kollegen vor unserem Schreibtisch: der Überforderte. Weder faul noch komplett verblödet, aber schnell überlastet. Das äußert sich dummerweise oft vor dem Wochenende, wenn diese Anfrage noch nicht rausgegangen ist, jene Präsentation noch nicht angefangen wurde und die Deadlines, die heranrauschen, schon das pfeifende Geräusch von Fliegerbomben kurz vor dem Einschlag machen. Und wer wären wir, dass wir einen Kollegen hängen lassen? Komm, gib her, das kriegen wir schon hin.

Der Überforderte war, bevor er zu uns kam, auch schon bei einem anderen Kollegen – doch leider hatte er dabei eine weitere Spezies des Bürohorrors erwischt: den Abwimmler. »Normalerweise gerne, aber ich muss unbedingt noch …« ist sein Lieblingshalbsatz. Ein anderer lautet: »Puh, das ist leider so gar nicht meine Baustelle. Aber ein Kollege, der sich wirklich gut mit so was auskennt, ist …« Der Abwimmler schafft es stets auf wundersame Weise, Unangenehmes, Dringendes, Schwieriges, Einfaches, Langfristiges – kurzum alles – von sich fernzuhalten. Wie Keanu Reeves im »Matrix«Kugelhagel duckt sich der Abwimmler unter herannahenden Aufgaben geschmeidig weg und entwickelt darin eine derartige Raffinesse, dass ihn nach einer Weile keiner mehr fragt.

Datum / Uhrzeit : 12.12.2011 / 11:43
Betreff: Warum immer ich?

»Keine Ahnung, wie die Tante das immer macht. Aber ganz egal, ob es darum geht, wer mit dem Stinker von der Rechtsabteilung zu dem öden Meeting nach Saarbrücken fahren oder wer die Schulklasse rumführen muss, die am Tag der offenen Tür hier durchs Haus geistert – sie schafft es jedes Mal, genau an diesem Tag schon einen anderen wichtigen Termin zu haben. Und schiebt den Mist dann genüsslich mir auf den Tisch.«

Wir lieben es, uns über unsere Kollegen zu beklagen. Und zwar bei allen Menschen: bei den anderen Kollegen (über die jeweils nicht anwesenden); bei unserem Partner zu Hause; bei biertrinkenden Freunden; bei entnervt flüchtenden Bekannten; mitunter auch bei entgeistert dreinschauenden Fremden in der U-Bahn. Und unser Potpourri an Idioten, deren Arbeit wir Tag für Tag miterledigen müssen, ist hier noch längst nicht vollständig aufgelistet worden. Da gibt es noch den Kommunikationsunfähigen, der nicht in Worte fassen kann, was er will. Die Verpeilte, die nach einem Jahr noch nicht kapiert hat, wie das Mailprogramm oder die Drehtür funktioniert. Die Ulknudel, die jede Kettenmail weiterschickt und vor lauter Witzeerzählen nicht zum Arbeiten kommt. Den Entscheidungsunfähigen, der achtmal fragt: »Oder wäre es nicht besser, wenn wir …?«, statt endlich irgendwas zu machen.

Der Grund, warum wir so unter den anstrengenden Kollegen leiden: Wir fühlen uns ungerecht behandelt und verarscht, haben aber eine große Hemmschwelle, etwas dagegen zu unternehmen. Denn ebenso wenig, wie man der genervte Nachbar sein will, der die Polizei ruft, wenn die WG im dritten Stock zu laut ist, will man derjenige sein, der zum Chef rennt und petzt, dass Kollege A nie da ist, B alle Arbeit auf andere abwälzt und C offensichtlich einer geschlossenen Anstalt entlaufen ist. Und so leiden wir und leiden – und bemitleiden uns immer mehr. Wir schreiben in Internetforen und holen uns dort Trost von anderen, die ebenfalls glauben, sie wären die einzigen normalen Menschen in ihrer Firma. Was wir dabei nicht merken: Die Leute, mit denen wir uns austauschen, sind eigentlich die gleichen, über die wir uns beschweren. Und diejenigen, über die sie sich wiederum beklagen – sind wir womöglich selbst.

Datum / Uhrzeit : 12.12.2011 / 17:49
Betreff : Spannendes rätsel

»Hey, ich hab doch vor ein paar Wochen in diesem Onlineforum diesen Typen kennen gelernt. Schreibt immer unter dem Nickname General_Custer und hat dermaßen lustige Schoten von seinen bekloppten Kollegen auf Lager, da schmeißt du dich weg. Der eine zum Beispiel, der dauernd seinem Kumpel mailt und deswegen kaum noch Zeit für die Arbeit hat. Der muss in einer ähnlichen Firma arbeiten wie ich, das klingt total vertraut …«

Vielleicht sind die schlimmen Kollegen also gar nicht so schlimm. Oder zumindest: nicht schlimmer als wir selbst. Vielleicht ist der Faule gar nicht faul? Sondern nur kein Selbstausbeuter, der eine unbezahlte Überstunde nach der anderen schieben will? Und vielleicht ist der Abwimmler gar nicht so hemmungslos egoistisch, wie wir ihm unterstellen – sondern einfach gut darin, Prioritäten zu setzen und sich nicht zu verzetteln, indem er sich ständig was auf den Schreibtisch schaufeln lässt?

Jedenfalls überschätzen wir uns, wenn wir glauben, dass wir die Fähigkeiten unserer Kollegen objektiv einschätzen können. Kann es nicht sein, dass der Entscheidungsunfähige genau deshalb eingestellt wurde, weil er noch ein zweites Mal nachdenkt, wo alle anderen schon losrennen? Ist es nicht die Verpeilte, die stets die besten Einfälle hat, wenn es um neue Konzepte und Ideen geht? Und war es nicht die Ulknudel, die sich als Erste darum gekümmert hat, dass die Kollegin, die den schlimmen Fahrradunfall hatte, regelmäßig Besuch im Krankenhaus erhielt? Oft sind die Schwächen, die wir bei unseren Kollegen feststellen, eher punktuell und werden durch viele andere Eigenschaften ausgeglichen, die wir für selbstverständlich halten – beziehungsweise gleich übersehen. Oder es sind untätige, illoyale, undisziplinierte, hirntote, egoistische, verkommene, inkompetente, verzogene, intrigante, überschätzte, verlogene, talentfreie, unzumutbare, hoffnungslose Idioten. Kann auch sein.

Text & Foto: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

Buchtipps:

Wie die lieben Kollegen ticken: 111 Fakten fürs Überleben im Haifischbecken

Kollegen sind die Pest: Das Lästerlexikon

Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr: Überlebenstraining fürs Büro

 

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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