Christoph Koch

Wollt grad sagen.

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Hammer Time: Was taugen Handwerkerplattformen wie MyHammer und Co?

09. February 2012 von christophkoch · Keine Kommentare · Wollt grad sagen

Waschbecken austauschen, Tür reparieren – oder endlich mal alle Fenster professionell putzen lassen. Was taugen Internetplattformen, die Handwerker vermitteln?

Das Leben ist manchmal wie eine Fernsehserie. Leider bin ich weder ein Filmstar aus “Entourage” noch ein stahlharter Anti-Terror-Kämpfer aus “24″. An den meisten Tagen ist meine Rolle eher die des trotteligen Phil Dunphy aus “Modern Family”. Der stolpert in jeder Folge über eine lose Treppenstufe und verspricht seiner Frau: “Kein Problem! Repariere ich am Wochenende!” Natürlich ohne dass es jemals passiert.

Phil Dunphys Treppenstufe ist meine Türschwelle. Seit Wochen ist sie lose, seit Wochen stolpere ich darüber, seit Wochen schwöre ich: ”Kein Problem! Repariere ich am Wochenende!” Aber Wochenenden sind wie Fernzüge, die durch einen kleinen Bahnhof rasen: Man sieht sie in der Ferne scheinbar gemächlich herannahen, doch dann ziehen sie mit einem lauten “Wuuusch!” in zwei Sekunden vorbei. Irgendwann müssen selbst ich und mein männlicher Stolz zugeben: Wir brauchen einen Handwerker. Einen Holzprofi.

Also durchsuche ich die Gelben Seiten nach Tischlereien und finde 363 Einträge. Alphabetisch, mit Telefonnummer, aber ohne jeden Hinweis auf Qualität, Erfahrung, Service. Als jemand, der von der Zahnpasta bis zum Flachbildfernseher nahezu alles im Internet bestellt, bin ich anderes gewohnt: Ich will Onlineprofile, Kundenbewertungen, Zufriedenheitssternchen. Zum Glück gibt es seit einiger Zeit Internetplattformen, die genau das bieten. Sie heißen My-Hammer, Blauarbeit, Work 5 oder Jobdoo. Das Prinzip ist überall ähnlich: Menschen wie ich, die eine handwerkliche Arbeit zu vergeben haben, inserieren diese kostenlos und bekommen Angebote von diversen Handwerkern, die den Job übernehmen würden. Ob man sich für den billigsten entscheidet oder für den mit den besten Referenzen, bleibt einem selbst überlassen – ebenso, ob man den Auftrag überhaupt vergeben will.

Doch vor der Wahl des Handwerkers steht die Wahl der Handwerkerplattform. Ich entscheide mich für my-hammer.de, Marktführer und erst kürzlich zum Testsieger bei einer Computerzeitschrift gekürt. Die Preise bei blauarbeit.de seien zwar etwas günstiger, dafür sei die Resonanz bei my-hammer.de auf die Arbeitsaufträge wesentlich größer. Work 5, Jobdoo und Undertool fielen im Test mehr oder minder durch: Mal kamen kaum Gebote (undertool. de) oder zu wenige von Profis (work5.de), mal wurde der Auftrag nach Ende der Auftragsfrist automatisch vergeben (jobdoo.de). die Registrierung bei My-Hammer ist unkompliziert. Schwieriger wird es, als ich meinen Arbeitsauftrag beschreiben soll. Der nötige Fachjargon fehlt mir natürlich. Wenn ich aber einfach nur schreibe “Türschwelle hält nicht, auch wenn ich sie festklebe” – oute ich mich dann nicht sofort als Akademiker ohne Durchblick? Zu vage darf die Beschreibung nicht ausfallen, warnt mich die Website, sonst sei späterer Ärger über Zusatzkosten vorprogrammiert (siehe “So geht`s” weiter unten).

Fast noch schwieriger: Ich soll meine Preisvorstellungen angeben. Woher soll ich denn wissen, was sowas kosten darf? Genau das sollte sich doch durch die Angebote klären. Normalerweise könnte ich mir ähnliche Aufträge ansehen und vergleichen, was dort verlangt wurde. Aber anscheinend bin ich der einzige Mensch auf der Welt, der seine Türschwelle nicht selbst befestigen kann. Sonst wird von Fensterputzen (50 Euro) bis Dachdeckerarbeiten (40 000 Euro) alles gesucht. Ich schlage ratlose 100 Euro vor (inklusive Steuer, Anfahrt und Material). Vermutlich lachen sich Berlins Handwerker tot – sind doch nur ein paar Schrauben und Holzleim. Aber was weiß ich schon.

Nun geht das Warten los. Die ersten drei Tage meldet sich niemand. Ich werde nervös. Am vierten Tag kommen die ersten Angebote. Am Ende sind es fünf Angebote zwischen 100 und 135 Euro. Praktisch: Schon während der Auftrag ausgeschrieben ist, kann ich die Klarnamen, Adressen und Qualifikationen der Handwerker einsehen. Rund 300 000 sind bei My-Hammer registriert. Die Plattform prüft nicht nur, ob die Kontaktdaten stimmen, sondern lässt sich auch Meisterbriefe faxen und checkt, ob ein Gewerbe angemeldet wurde. Schwarzarbeit oder andere Formen von Betrug sind so nur schwer möglich.

My-Hammer läst sich diesen Service bezahlen. Nicht von den Auftraggebern, sondern von den Handwerkern, die seit einiger Zeit neben zwei bis vier Prozent des gesamten Umsatzwertes auch einen festen Monatsbeitrag von 25 bis 60 Euro zahlen müssen – egal, ob sie später Aufträge generieren oder nicht. Etwa 70 Prozent aller Auftraggeber entscheiden sich bei der Vergabe nicht für den günstigsten Preis, so eine Umfrage von My-Hammer, sondern für die beste Qualifikation oder Bewertung. Auch bei mir ist es so: Nachdem die Ausschreibungsfrist abgelaufen ist, wähle ich das Angebot eines Tischlers aus dem Umland, der nur eine einzige negative Bewertung bekommen hat. Auf die Kritik, er habe keine ordentliche Arbeit abgeliefert, schießt er jedoch scharf zurück: ”Schlecht zahlendes, arrogantes Wessischwein”. Oha. Aber ich habe den Auftrag bereits per Mausklick vergeben.

“MyHammer? Sind das nicht die, wo der Handwerker dann nicht kommt?”

Der Tischler meldet sich am nächsten Tag. In einem angenehmen Gespräch bietet er von sich aus einen früheren Termin an – gleich morgen könne er kommen. Ich hatte eigentlich die folgende Woche vorgeschlagen. Prima, je eher die Sache über die Bühne geht, umso besser. Am Tag darauf die Ernüchterung: Eine Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit ruft er an und sagt, dass er es nicht schafft. Das hatte ich befürchtet. Egal, wen ich im Bekanntenkreis nach Erfahrungen mit Plattformen wie My-Hammer gefragt hatte, die Reaktion war fast immer ähnlich: “Sind das nicht die, wo der Handwerker nicht kommt?” Meiner ruft wenigstens an. Wir vertagen uns auf nächste Woche.

Dabei liegt das Terminproblem zum Teil im System der Handwerksplattformen selbst begründet, die ein Preisdumping zwar nicht offiziell fordern, aber doch implizit fördern: Wer seine Arbeit zu immer günstigeren Preisen anbietet, um Aufträge an Land zu ziehen, springt auch schneller ab, wenn sich plötzlich ein lukrativerer Job auftut. Rein rechtlich ist bei einem Vertrag über eine Internetplattform übrigens alles genau so, als hätte man den Handwerker über die Gelben Seiten gefunden: Kommt der Handwerker zum vereinbarten Termin nicht oder zu spät, hat man Anspruch auf einen Ersatztermin. Dasselbe gilt für den Handwerker – man darf also nicht sofort einen neuen beauftragen. Zu Zahlungen kommt es nur, wenn durch das Nichterscheinen des Handwerkers ein Schaden entsteht – er muss allerdings klar in Euro bezifferbar sein, etwa durch entgangene Mieteinnahmen einer Wohnung.

Auch beim Nachholtermin ist mein Tischler eine halbe Stunde zu spät. Der Verkehr, entschuldigt er sich. Die Arbeit selbst erledigt er professionell und zügig: Er schleift die Kleberreste ab, die angetrocknet unter der Schwelle hängen, fräst Löcher in die Schwelle, in denen die Schrauben verschwinden und die er anschließend mit kleinen Holzplättchen “ausproppt”, wie ich lerne. Am Ende hält die Schwelle, nichts knarrt oder wackelt – und die Tür schließt sogar besser als vorher. “Bloß nicht”, sagt er, als ich nach getaner Arbeit den Geldbeutel zücken will. ”Sie bekommen natürlich eine Rechnung. Ich würde Sie nur bitten, bei der Bewertung wegen der Unpünktlichkeit nachsichtig zu sein.” “Klar”, beruhige ich und frage nach den Erfahrungen mit My-Hammer.

“Leben kann man von den Aufträgen nicht”, sagt er. Vielleicht hat er recht: Von den 100 Euro für die Schwelle sind 19 Mehrwertsteuer, gut fünf Euro gehen an My-Hammer. ”Lukrativ sind Großaufträge, wo man 50 Fenster am Stück einbaut” – aber die seien selten und heiß begehrt. “Da gibt es immer einen, der es billiger macht – das ist Kapitalismus pur.”

Ich bin an sich zufrieden. Die Türschwelle ist endlich repariert, außer dem verpassten Termin lief alles unkompliziert und den Preis fand ich fair. Ich behalte meine Begeisterung aber für mich. Sonst heißt es wieder “arrogantes Wessischwein”.

*****

So geht`s

  1. Sorgfältig beschreiben: Was genau ist zu tun? Wo befindet sich das Objekt? Welche Materialien und Werkzeuge werden benötigt und wer bringt sie mit?
  2. Bildhaft machen: Fotos von Details oder Grundrisse der Räumlichkeiten können helfen, Missverständnisse und spätere Nachforderungen zu vermeiden. Bei grösseren Aufträgen unbedingt einen Besichtigungstermin vereinbaren.
  3. Clever planen: Den Ausführungstermin nicht unmittelbar nach Ende der Ausschreibungsfrist legen. So bleibt genug zeit für genaue Absprachen. Ein bis zwei Wochen sind ideal.
  4. Ordentlich aufräumen: Die Entsorgung von Bauschutt oder alten Elektrogeräten muss extra vereinbart werden.
  5. Offiziell abrechnen lassen: So lässt sich Schwarzarbeit verhindern. Ausserdem sind Handwerksleistungen bis zu 6000 Euro von der Steuer absetzbar.

 

Text: Christoph Koch
Erschienen in: Nido 

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