Vorsicht, Würstchenfalle! Warum ein Ultimatum im Job selten etwas bringt

Geschrieben von am 26/01/2012 in Neon mit 0 Kommentare

Wer seinem Chef das Messer auf die Brust setzt, bekommt manchmal sogar, was er verlangt. In vielen Fällen ist ein Ultimatum zu stellen aber das Dümmste, was man im Job – und im Alltagsleben – machen kann.

Das erste Mal konnte Charlie Sheen der Würstchenfalle noch entgehen. Sein Sender CBS hatte ihm im Jahr 2010 zunächst 48 Millionen Dollar für die nächsten zwei Staffeln der Erfolgsserie »Two And A Half Men« geboten – eine Million pro Folge. Doch der Schauspieler wollte mehr. »Ich war auf dem Weg zu einem Basketballspiel der L.A. Lakers«, erzählt Charlie Sheens Manager Mark Burg im US-Magazin »Vanity Fair« über den damaligen Deal. Das Angebot des Senders lag inzwischen bei 72 Millionen – 1,5 Millionen pro Folge. »Ich telefonierte mit Charlie, während ich ins Stadion ging, und er sagte: ,Vergiss es! Richte ihnen aus, ich will hundert Millionen oder ich mach es nicht.‘ Ich dachte mir nur: Hoffentlich weiß er, was er tut.« Die Absage wurde den Fernsehbossen mitgeteilt, während im Stadion die Nationalhymne lief – und noch bevor das Spiel angepfiffen wurde, erhöhten diese ihr Angebot auf hundert Millionen Dollar und machten damit den eigentlich überschaubar begabten Darsteller Charlie Sheen zum bestbezahlten Fernsehschauspieler der Geschichte.

Eine bizarre Geschichte von Nervenstärke und Kaltblütigkeit – trotzdem sollte sie nicht unbedingt als Ansporn dienen, morgen ins Büro des Chefs zu poltern und mit einem Cocktailglas in der Hand eine Gehaltserhöhung zu fordern. Und zwar verbunden mit der Drohung, dass der Chef sich andernfalls zum nächsten Ersten ja einen anderen Trottel suchen könne. Klar, es kann passieren, dass der Chef einem devot lächelnd zuprostet und noch einen Dienstwagen obendrein zusagt – man habe schließlich arg gerackert im letzten Jahr. Doch die Gefahr ist größer, dass einem der Chef stattdessen freundlich die Tür weist. Sei es, weil er nicht in der Lage ist, mehr Geld auf den Tisch zu legen. Oder sei es, weil er keine Lust hat, sich unter Druck setzen zu lassen.

Willkommen in der Würstchenfalle: Wer mit der Kündigung droht, falls er nicht bekommt, was er will, steht entweder ohne Job da. Oder er behält seinen Job und bleibt – und steht dann da wie ein Würstchen. »Dem Chef ein Ultimatum zu stellen, ist immer eine schlechte Idee – nur eine Drohung ist noch dümmer«, sagt George Kohlrieser, Dozent für Organisationspsychologie an der Privatuniversität IMD in Lausanne. »Denn die Sache mit Drohungen ist die: Sie funktionieren nie.« Kohlrieser hat als Polizeipsychologe jahrelang mit Geiselnehmern verhandelt. Viermal befand er sich selbst als Geisel in der Hand von bewaffneten Fremden. »In Geiselverhandlungen wird nie gedroht: ,Kommen Sie raus, sonst verhaften wir Ihre Familie und bombardieren Sie mit Tränengas!‘ So etwas bringt nichts. Und genauso wenig bringt es, Ihrem Chef mit einer Kündigung zu drohen.« Über die Gemeinsamkeiten von Geiselverhandlungen und geschäftlichen Deals hat Kohlrieser ein Buch geschrieben. Es heißt »Gefangen am runden Tisch« (Wiley Verlag), und einige der Mechanismen, die er darin beschreibt, können auch dabei helfen, nicht in der Würstchenfalle zu landen. »Ihren Chef unter Druck zu setzen, funktioniert allenfalls sehr kurzfristig, wenn er zum Beispiel gerade in einer akuten Notlage ist«, sagt Kohlrieser. »Besser ist es immer, Fragen zu stellen. Zu versuchen, die andere Person zu verstehen und ihren Fokus auf ein positives Ergebnis und ein gemeinsames Ziel zu lenken.« So soll der Geiselnehmer nicht darüber nachdenken, dass er für den Rest seines Lebens hinter Gitter muss, wenn er jetzt aufgibt.

Sondern dass er dadurch Leben rettet, wahrscheinlich auch sein eigenes. »Im Falle des Chefs kann es hilfreich sein, seinen Fokus weg von dem Geld zu lenken, das er mehr bezahlen soll, und stattdessen auf den guten Mitarbeiter, den er dadurch motivieren kann.« Natürlich muss es bei einem Ultimatum, das man seinem Chef stellt, nicht immer nur um mehr Geld gehen. Jede Art von Unzufriedenheit kann dazu führen, dass einem irgendwann der Kragen platzt und man ihn vor die Wahl stellt: Entweder ich bekomme ein Einzelbüro / eine Halbtagsstelle / mehr Anerkennung / diese eine Fortbildung / ein anderes Team – oder ich sehe mich gezwungen, mich woanders zu verwirklichen.

Doch selbst wenn man mit einem solchen Vorgehen Erfolg hat, kann dieser Erfolg zum Reinfall werden: »Auch falls der Chef Ihnen das gibt, was Sie haben wollen, weil er nicht auf Sie verzichten kann – er wird sich merken, dass Sie ihn so in die Enge getrieben haben. Er wird sich vorgeführt fühlen. Und das wird er so schnell nicht vergessen«, sagt Bruce Tulgan, amerikanischer Jobcoach und Autor der Bücher »Einer muss der Chef sein« und »It`s Okay to Manage Your Boss«. »Der zweite Grund, der gegen diese Methode spricht: Wer mit Druckmitteln erfolgreich ist, hat einen schwachen Chef. Und wer will sich schon an einen schwachen Chef binden?« Und nicht zuletzt, sagt Tulgan, sollte man auch an seinen eigenen Ruf denken: »Auch wenn Sie schon einen anderen Job in Aussicht haben – so ein Ultimatum hinterlässt nie einen guten Eindruck. Wenn Sie Pech haben, hängt Ihnen plötzlich in der ganzen Branche ein Ruf als maßloser Erpresser an, der nie zufrieden ist.« Nun können sich Karrierecoachs, die ja Freiberufler sind, nicht immer vorstellen, wie sehr ein Chef nerven kann. Wie sehr wir in unseren Jobs zuweilen unterschätzt, unterbezahlt oder unterfordert werden. Deshalb kommt es ja zu Situationen, in denen wir alle guten Ratschläge ignorieren – und uns mit pochender Halsschlagader mitten hinein in die Würstchenfalle begeben. Die Frage ist: Kann man der Falle dann irgendwie entkommen, gibt es einen Weg zurück? »Es fängt mit einer aufrichtigen Entschuldigung an – man muss um Verzeihung bitten«, sagt George Kohlrieser, der Verhandlungsexperte. »Wir reden in der Arbeitswelt nicht gerne von Verzeihung. Aber wenn sich eine Person in ihrem Vertrauen beleidigt fühlt – der Chef zum Beispiel, wenn Sie ihm drohen -, dann muss er Ihnen verzeihen, damit Sie wieder friedlich zusammenarbeiten können. Sie ich kündigen und Sie verklagen«, sagt Bruce Tulgan. Wie bei einem gewalttätigen Beziehungspartner ist es dann aber essenziell, diese Ankündigung im Ernstfall auch ohne zu zögern wahr zu machen.

Aus Sicht der Karriereberaterin Doris Brenner muss die Situation gar nicht eskalieren: »Wichtig ist, dass Sie es vorher in einem weniger bedrohlichen Ton versucht haben. Wenn Sie zum Beispiel tatsächlich nicht marktgerecht bezahlt sind, dies belegen können und der Chef Ihnen trotzdem kein Gehör schenkt. Sollte Ihnen dann ein besseres Angebot vorliegen, ist es ein Zeichen von Fairness, den Chef zumindest vorher zu informieren und ihm eine letzte Chance zu geben, bevor Sie klammheimlich abhauen.« Auch dabei sei es jedoch wichtig, sachlich statt emotional zu argumentieren und stets zu betonen, dass es nicht um Erpressung geht, sondern um Transparenz, und dass einem an der gemeinsamen Arbeit liegt. Auch Brenner setzt wie Kohlrieser auf die Macht der Fragen: »Besser als jedes Ultimatum ist es, Ihren Chef zu fragen, ob er mit Ihrer Arbeit zufrieden ist. Wenn er das nicht ist, sollten Sie sich sowieso nach einem neuen Job umsehen. In den meisten Fällen wird er es aber sein – dann erklären Sie ihm sachlich, womit Sie unzufrieden sind, und fragen ihn, was er selbst für Ideen hat. Wecken Sie seinen Ehrgeiz, selbst Lösungen zu finden.« Am Ende landete Charlie Sheen dann doch in der Würstchenfalle. Nicht nur forderte der Schauspieler noch mehr Geld, seine Arbeitgeber konnten auch seine Hasstiraden gegen Kollegen und Vorgesetzte nicht länger tolerieren.

Sheen, der immer darauf gebaut hatte, für den eher simpel gestrickten Quotenrenner »Two And A Half Men« unverzichtbar zu sein, stand plötzlich auf der Straße. Ein paar Web-TV-Shows, zwei verschlissene Pornogeliebte und eine gefloppte Livetournee später war von ihm bei einem Auftritt in der Radio City Music Hall in New York nur noch ein kleinlautes »Ich will meinen Job zurück« zu vernehmen. Doch die Falle ist zu. Die Serienschreiber lassen Sheens Charakter in der Show von der Pariser Metro überrollen.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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