Der Sechs-Dollar-Job: Mit Google-Anzeigen zur neuen Stelle

Geschrieben von am 11/05/2011 in Neon mit 0 Kommentare

Der Werbetexter Alec Brownstein suchte lange erfolglos nach einer neuen Anstellung. Eine brillante Idee verhalf ihm zu seinem Traumposten.

Alec, was hat mit deinem alten Posten nicht gepasst?

Ich arbeitete als kleiner Texter in einer großen Werbeagentur. Kein schlechter Job, aber viel Routine. Mich zog es zu einer kreativeren Agentur, die etwas mehr wagt. Ich hatte auch schon ein paar Bewerbungen verschickt, aber ich hatte das Gefühl, dass sich die Leute nicht mal die Mühe machten, sie wirklich anzusehen. In der Werbebranche geht es nicht so sehr um Lebensläufe und Zeugnisse: Du musst die Leute dazu kriegen, dass sie sich deine Arbeiten ansehen.

Wie hast du das schließlich geschafft?

Die Idee kam mir, als ich mich eines Tages mal wieder selbst googelte.

Wer tut das nicht?

Eben. Ich finde es auch sinnvoll, das zu tun – um zu sehen, welche Informationen über einen existieren. Mir fiel jedoch auf, dass es keine bezahlten Suchtreffer bei Google zu meinem Namen gab. Natürlich hatte niemand meinen Namen als Suchbegriff gebucht. Warum auch? Gleichzeitig wurde mir klar: Wenn ich das tue, googeln sicher auch die Menschen, für die ich arbeiten will, ihren eigenen Namen. Ich buchte also die Namen der fünf Kreativdirektoren, die ich am meisten bewundere, und sobald jemand einen dieser Namen in die Suchmaschine eingab, bekam er meine Anzeige zu sehen: »Hey lan Reichenthal«, stand dort zum Beispiel zu lesen. »Sich selbst googeln macht Spaß. Mir einen Job zu geben auch.« Darunter führte ein Link auf meine Website.

Was passierte?

Innerhalb eines Monats bekam ich von den fünf Personen vier Einladungen für Vorstellungsgespräche. Zwei von ihnen boten mir danach einen Job an. Alle waren sich jedoch einig, dass meine Google-Aktion zwar ihre Aufmerksamkeit geweckt hätte, wenn mein Portfolio aber nichts getaugt hätte, hätten sie mich nicht eingeladen. Es kommt also nicht nur auf eine verrückte Idee an, man muss am Ende auch etwas Handfestes zu bieten haben.

Wie viel haben dich die Anzeigen gekostet?

Da man ja nur bezahlt, wenn jemand tatsächlich draufklickt, habe ich insgesamt rund sechs Dollar für die ganze Aktion bezahlt.

Hast du schon von Leuten gehört, die deinen Trick nachgemacht haben?

Einer hat sich sogar mit diesem Trick bei mir um einen Job beworben. Ein anderer hat Facebook benutzt, da kann man Anzeigen ähnlich genau auf einzelne Personen zuschneiden.

Wie gefällt dir dein neuer Job?

Großartig! Im Moment bastle ich an Entertainmentformaten, die weggehen von herkömmlichen Werbespots – im Grunde genau der Job, den ich mir erträumt hatte.

Du bist ja Experte: Wie verändert das Internet die Art, wie Werbung funktioniert?

In unendlich vielen Bereichen! Eine spannende Möglichkeit: Man kann zum Beispiel durch Google Flu Trends vorhersagen, in welchen Gegenden Grippeepidemien ausbrechen werden. Was für eine Chance für Hersteller von Desinfektionsmitteln, dorthin zu gehen und Gratisproben zur Handdesinfektion zu verteilen! Das wäre Werbung, die den Menschen hilft, anstatt sie zu belästigen und bei dem zu stören, was sie eigentlich tun wollen.

Hattest du etwas Ähnliches wie deine individualisierten Jobanzeigen vorher schon versucht?

Von einer anderen Agentur, für die ich gerne gearbeitet hätte, kaufte ich einige Monate zuvor die Domain der Agentur mit der Endung .net – sie selbst hatten sich die .com-Domain gekauft. Ich baute deren Website eins zu eins auf meiner .net-Domain nach, in der Rubrik »Unser Team« bastelte ich mich selbst hinein, mit Foto und lustiger Kurzbiografie.

Hast du die Agentur dann auf deinen Fake hingewiesen?

Ich wollte sie selbst draufkommen lassen. Es ging auch relativ schnell, da meine Seite bei Google plötzlich sogar vor der richtigen Seite gelistet war. Es sprang aber kein Job dabei heraus – nur ein Anruf von deren Anwalt, ich solle die Seite bitte sofort offline nehmen.

ALEC BROWNSTEIN, 30, arbeitet bei der New Yorker Werbeagentur Young & Rubicam. Auf seiner Webseite brownste.in findet man auch private Projekte wie die iDrunky-App oder sein bizarres Blog »Jerks in Your Area«.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: NEON
Screenshot: brownste.in

 

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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