„Hauptsache Fleisch“ – Nora von Waldstätten im Interview

Geschrieben von am 09/03/2011 in Wollt grad sagen mit 0 Kommentare

Nora von Waldstätten, 28, ist die große Überraschung in dem fünfeinhalbstündigen Terroristen-Epos „Carlos“ über Ilich Ramirez Sanchez, der in den Siebziger Jahren die Welt mit seinen Anschlägen in Atem hielt. Die gebürtige Wienerin spielt Magdalena Kopp, die Geliebte und spätere Frau des „Schakals“, mitreißend und sexy – ein Gespräch über die Faszination von Macht und Gewalt.

Carlos schafft es – ganz ähnlich wie der deutsche Terrorist Andreas Baader – dass sich schöne, kluge und unabhängige Frauen ihm hörig zu Füßen werfen. Woran liegt das? Macht Gewalt, machen Waffen sexy?

Ich glaube eher, dass es mit Macht zu tun hat. Denn jemand wie Carlos lebte zwar im Untergrund, aber dennoch als sehr mächtiger Mann. Und ein mächtiger Mann ist immer sexy. Er war ein international gesuchter Superstar. Außerdem gehören ja immer zwei dazu – und Männer wie Carlos oder Baader suchen sich natürlich auch Frauen, bei denen sie mit dieser Mischung aus radikaler Ideologie und selbstverliebtem Machotum gut ankommen.

Was für eine Frau hat sich Carlos mit Ihnen als Magdalena Kopp denn gesucht?

Die Dreharbeiten waren magisch, aber auch sehr aufreibend und zehrend. Ein Mann wie Carlos teilt einer Frau ganz klar ihren Platz zu. Ich hatte zum Beispiel in meinem ganzen Leben noch nie so viele blaue Flecken wie in dieser Zeit – das war aber mit Édgar Ramírez, der Carlos spielt, so ausgemacht: Wir wollten uns nichts schenken, auch psychisch nicht.

Magdalena Kopp (Nora von Waldstätten) und Carlos (Edgar Ramirez)

 

Magdalena Kopp leidet im Film unter Carlos’ Untreue, der sich einfach Frauen nimmt, wenn ihm danach ist. Stimmt es, dass wer nicht eifersüchtig ist, nicht richtig liebt?

Ein bisschen ist mir das zu einfach gedacht. Ich finde es gibt eine Grenze zwischen charmanter Eifersucht, bei der ein Mann nervös wird, wenn seine Freundin einen kurzen Rock trägt – und einer krankhaften, bei der es nur noch um die eigene Unsicherheit geht. Man muss sehr aufpassen, diese Grenze nicht zu überschreiten.

Es wird oft gesagt, Sie würden ausschließlich „starke Frauen“ spielen – können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?

Ich suche bei meinen Rollen immer eher nach einem Bruch: Niemand ist nur stark, niemand ist nur böse. Ich suche mir schon eher starke Figuren aus – das ist aber oft auch eine sehr tragische Art von Stärke. Stärke kann ja auch durchhalten heißen: Weitermachen, eben nicht den Stecker ziehen, nicht so viel trinken, dass man nicht mehr nach Hause kommt. Auch Magdalena Kopp hat so eine tragische Stärke, die es ihr ermöglicht 14 Jahre im Untergrund zu leben, Carlos’ Affären zu ertragen, sein Kind zu bekommen und trotzdem noch weiterzukämpfen – von Budapest über Paris bis nach Damaskus und Amman.

 

Nora von Waldstätten, Edgar Ramirez und Jule Böwe (v.l.n.r.) in „Carlos“

Sie selbst sind sehr behütet als adlige Baronesse in Wien aufgewachsen. Gab es da wenigstens eine kleine Phase der Teenagerebellion mit Ladendiebstahl und Dosenbier?

Nicht so richtig (lacht). Meine einzige kleine Auflehnung war wohl, mir den Beruf der Schauspielerin auszusuchen. Denn in meiner Familie gehen zwar alle dauernd ins Theater und sind sehr kulturaffin – als Beruf hat man sich aber normalerweise etwas Seriöseres zu suchen. Meinen Eltern wäre es wohl lieber gewesen, ich wäre Diplomatin oder Anwältin geworden.

Haben die es inzwischen verkraftet, dass Sie statt dessen Schauspielerin geworden sind?

Absolut. Das Verrückte ist ja, dass mein Vater mir als Kind öfter von der Geiselnahme 1975 im OPEC-Hauptquartier in Wien erzählt hat, wenn wir im Auto dran vorbeigefahren sind. Und plötzlich drehe ich diesen Film über den Mann, der dafür verantwortlich war. Mein Vater wollte dann unbedingt eine Statistenrolle, vielleicht als Schaulustiger draußen auf der Straße, aber das hat dann leider zeitlich nicht geklappt.

Sie haben einmal gesagt, wenn es mit der Schauspielerei nicht klappen sollte, würden Sie ein Restaurant eröffnen. Es wird ja vermutlich nicht mehr nötig sein – aber was wäre das für ein Restaurant?

Ich liebe es zu kochen und nehme das auch sehr ernst: Ich kann stundenlang Rezeptbücher studieren, den Koch im Restaurant ausfragen oder mit dem Metzger über die einzelnen Cuts beim Fleisch diskutieren. Ich habe gemerkt, dass ich mich dabei wahnsinnig gut erholen und gleichzeitig kreativ sein kann. Daher kommt dieser Traum irgendwann mit Freunden so ein kleines Restaurant aufzumachen, in dem es das perfekte Wiener Schnitzel gibt. Und Steaks und Beef Tartare – Hauptsache Fleisch.

„Carlos – Der Schakal“ lief als 3-Stunden sowie als 5,5-Stunden Version in den Kinos und ist inzwischen auch auf DVD und BluRay erhältlich.

 

Interview: Christoph Koch
Fotos: Canal+
Erschienen in: GQ

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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