„Wer soll das überhaupt sein – ich selbst?“ Interview mit Christian Ulmen

Geschrieben von am 03/11/2010 in Wollt grad sagen mit 0 Kommentare

Schauspieler Christian Ulmen über alte Freunde, Schlafzimmerkredite und die unsinnige Vorstellung, man müsse immer „einfach man selbst“ sein.

In Ihrem Film „Hochzeitspolka“ spielen Sie Frieder, dem von einem alten Kumpel vorgeworfen wird: „Du hast dich ganz schön verändert.“ Horrorsatz, oder?

Total.

Frieder antwortet mit einem „Du dich aber auch.“ Woraufhin sein Kumpel stolz erwidert: „Nö.“ In welchem von beiden finden Sie sich eher wieder?

Ich bin eher glücklich, wenn ich höre, dass ich nicht mehr so bin wie mit 15. Nicht, dass ich mich damals nicht gemocht hätte. Sondern, weil etwas kolossal schiefgegangen sein muss, wenn all die Eindrücke und die Erlebnisse seitdem spurlos an einem vorbeigegangen sein sollen. Ich bin froh, dass ich mir die Haare an den Schläfen nicht mehr abrasieren und die Augen mit Kajal schminken muss, um ein Statement zu setzen – oder überhaupt Statements setzen zu müssen.

Oft fallen alte Freunde, die sich treffen, wieder in Rollen zurück, die sie längst abgelegt haben. Schlimm?

Nein, Freunde haben ja oft eine eigene gemeinsame Sprache, einen speziellen Humor. Ich kenne es auch gut innerhalb der Familie: Als meine Großeltern noch lebten, fand ich es immer lustig, wenn ich mit Mitte 20 wieder zum kleinen Enkel wurde, wenn ich dort zu Besuch war.

Je älter man wird, desto mehr unterschiedliche Rollen nimmt man im Leben ein: der Familienvater, der Geschäftspartner, der Sohn, der alte Handballkumpel – kann man sich im Kern überhaupt treu bleiben?


Jeder Mensch hat doch mehrere Kerne. Ich bin natürlich jemand völlig anderes, wenn ich mit meinen Eltern auf dem Sofa sitze oder wenn ich mit einem Geschäftspartner einen Wahnsinnsdeal einfädle. Wenn ich mit meinen alten Freunden spreche, bin ich anders, als wenn ich eine Frau kennenlerne.

Wann kam Ihnen diese Erkenntnis?

Als ich bei MTV war, hatte ich damit zu kämpfen, dass mir stets gesagt wurde: Sei vor der Kamera ganz du selbst. Aber wie zur Hölle sollte das denn gehen? Auf mich waren Scheinwerfer gerichtet, es war ein absolut künstlicher Moment – und wer sollte das denn überhaupt sein, ich selbst? Ich habe dann beobachtet, dass Moderatorenkollegen aus dieser Not heraus, um bloß keine Kluft entstehen zu lassen, im Privatleben dieselbe Rolle gespielt haben, die sie vor der Kamera einnahmen. Die waren dann auch privat immer laut und aufgedreht und crazy.

Wie haben Sie das Dilemma gelöst?

Ich habe irgendwann mitgekriegt: Du kannst vor der Kamera ruhig eine Riesenshow machen und hinterher einfach die Schnauze halten. Das ist überhaupt nicht schlimm oder unauthentisch. Aber vielleicht muss man erst etwas älter werden, um das zu begreifen.

Ist der Schlüssel zum richtigen Altern, sich selbst treu zu bleiben?

Ich finde diesen Anspruch „Bleibe dir treu“ extrem langweilig. Es ist doch viel angenehmer, an manchen Tagen aufwachen zu können und ein erzkonservativer Sack zu sein, der CDU wählt und mal mit dem ganzen Pack aufräumen will – und mich an anderen Tagen direkt wieder hinzulegen und bis fünf Uhr durchzuschlafen und zu sagen: Disziplin? Nix für mich.

Funktioniert das richtige Altern dann eher über Abgrenzung – zu sagen: So bitte auf keinen Fall?

Das schon eher. Das geht ja schon früh los: Leute, die 25 sind und plötzlich reden wie ihre Eltern, finde ich abstoßend. Die denken dann, wenn sie zum ersten Mal Geld verdienen, müssen sie das Papa-Vokabular aktivieren und die Gäste bitten, die Schuhe auszuziehen. Denn das gehört sich jetzt so als Erwachsener. Bei Sätzen wie „Wir haben jetzt einen Kredit aufgenommen, um das Schlafzimmer neu zu machen“, da denke ich mir: Wie konnte das passieren? Wir haben doch früher mal zusammen ganz gute Musik gehört, oder?

Und das andere Extrem? Wenn jemand mit Mitte 40 immer noch denkt, auf Ibiza den Bikini-Teens hinterherpfeifen zu müssen?

Ein paar Eigenarten kann man sich durchaus im Alter bewahren – aber es nervt, wenn’s zur Masche wird. Aber wenn zum Beispiel Frank Elstner sagt, er fühle sich noch nicht zu alt, um auf Ibiza noch mal auf den Putz zu hauen, dann ist das doch völlig in Ordnung.

Wie entgeht man dieser Angst vor dem Altern?

Keine Ahnung, ich war noch nie gut als Ratgeber. Vielleicht, indem man sich so wenig Gedanken darüber macht wie möglich. Und sich klarmacht, dass man immer die Chance hat, im Alter noch viel cooler zu werden, als man vorher je war. Schauen Sie sich nur Hugh Laurie an.

Der Hauptdarsteller von „Dr. House“ ist inzwischen 51.

Was für eine coole Sau. Wenn man sich die Sachen ansieht, die der mit Mitte 20, mit Mitte 30 gemacht hat – das ist ganz nett und clever, aber sicherlich nicht so sensationell wie das, was er als Gregory House abliefert. Eine der besten Figuren, die ich jemals in einer Serie gesehen habe. Diese reife, sarkastisch-resignierte Art kann man eben auch erst spielen, wenn man 40 oder älter ist. Und auch, wenn das schnell wie ein Mario-Barth-Witz klingt: Mich beruhigt es ungemein, wenn ich sehe, da gibt es jede Menge Frauen, die so einen alten Typen gut finden.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: GQ
Foto: X-Verleih

Neben seinen Kinofilmen dreht Christian Ulmen mit seiner Firma ulmen.tv auch eigene Web-Fernsehserien wie zuletzt „Die Snobs – Sie können auch ohne dich“.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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