Seid friedlich – warum sich Streiten nicht lohnt

Geschrieben von am 27/10/2010 in Neon mit 2 Kommentare

Das hatte ihn getroffen. Ich konnte es an seinem Gesichtsausdruck sehen. Doch leider war »das« keines meiner Argumente gewesen, sondern ein Speicheltropfen, der zusammen mit den Schimpftiraden über meine Lippen gekommen war. Und mitten in seinem Gesicht gelandet war, in dem sich nun kein Eingeständnis seiner Niederlage abzeichnete, nur schlichter Ekel. »Deswegen brauchst du mich nicht anzuspucken«, sagte er. Mit noch röterem Kopf als vorher zog ich mich in mein Zimmer zurück und knallte theatralisch die Tür hinter mir zu. Wir stritten damals oft, es war meine erste WG. Mal ging es um den Abwasch, mal um den Biervorrat. Bei dem Spuckstreit war es um die Lautstärke gegangen, in der man nachts in seinem Zimmer Red Hot Chili Peppers hören darf, wenn der andere am nächsten Tag eine Prüfung hat.


Ich möchte an dieser Stelle nicht verraten, ob ich in dem Streit derjenige war, der das Recht auf Schlaf oder das auf pathetisches Mitsingen von »Californication« und anderen Rockballaden verteidigte. Denn es ist egal. Das Mädchen, das den Liebeskummer machte, der nach Grölen verlangte, ist lang vergessen. Die Prüfung im Nachhinein betrachtet so irrelevant, wie es alle Prüfungen aus mehr als einem Monat Distanz gesehen sind. Dennoch war dieser Streit ein Wendepunkt in meinem Leben. Denn nicht nur war mir mein Ausfall peinlich – ich begriff durch ihn, dass es nichts gibt, das einen Streit lohnend macht.

Das sieht man in dem Moment, in dem man streitet, natürlich ganz anders – aber da ist man auch nicht zurechnungsfähig. Ebenso gut kann man einen Junkie, der sich gerade einen Schuss gesetzt hat, fragen, ob er sich keine Sorgen um seine Gesundheit, seinen guten Leumund und seine Schufa-Auskunft macht. Wer streitet, wird emotional. Wer emotional wird, verliert die Kontrolle. Wer die Kontrolle verliert, verliert deswegen nicht unbedingt den Streit – oft sind es gerade die leidenschaftlichsten Streiter, die ihren glühenden Schädel durchsetzen -, aber oft genug im Nachhinein die Selbstachtung.

Wie sinnlos Streitigkeiten jeder Art sind, sieht man schon daran, dass uns die eigenen Zankthemen zwar stets wahnsinnig bedeutend erscheinen, die von anderen Menschen jedoch oft völlig bekloppt. »Und wegen so etwas streitet ihr?«, ist die Standardreaktion, sobald man als Unbeteiligter in einen akuten Disput eingeweiht wird. Wenn sich der geschätzte Kollege Schürmann über ausgeborgte Nachschlagewerke oder geöffnete Fenster erregt, kann ich darüber nur mitleidig den Kopf schütteln und »Was für ein trauriger Pedant« murmeln. Um im nächsten Augenblick einen Streit mit meiner Freundin vom Zaun zu brechen – über die ebenso sensible wie hochrelevante Frage, wie man die Spülmaschine richtig einräumt.

Wir streiten, weil wir glauben, unser Schicksal bestimmen zu können. Wir glauben: Wenn wir unseren Kollegen, der sich in der Sitzung gerade mit unserer Idee gebrüstet hat, zur Rede stellen, wird er einsehen, dass er einen Fehler gemacht hat, unser Chef wird unsere Fähigkeiten erkennen und uns plötzlich lieber mögen, und wir werden in einem Jahr einen besseren Job bekommen und in der neuen Wohnung, die wir uns dann leisten können, endlich glücklicher sein als jetzt. Wir streiten, weil wir glauben, wenn wir es jetzt einreißen lassen, dass immer wir das Altglas wegbringen, dann müssen wir bald den kompletten Haushalt alleine machen, dann tanzen uns irgendwann alle auf der Nase rum und denken, mit uns kann man es ja machen, aber die werden schon sehen! Wir streiten, weil es »ums Prinzip geht« und weil wir »das jetzt lang genug mitgemacht « haben und weil wir »einfach nicht länger auf uns herumtrampeln lassen«.

In Wirklichkeit werden wir erst zufrieden sein, wenn wir lernen, wie egal alles ist. Es ist egal, ob der Kollege das und das hinter unserem Rücken gesagt hat oder ob er es nicht gesagt hat. Es ist egal, ob wir zu spät ins Theater kommen, weil unser Partner so lange im Bad braucht, oder ob wir pünktlich sind, weil wir ihm die letzten zwei Jahre die Hölle heiß genug gemacht haben. Herrgott, es ist sogar egal, ob wir überhaupt ins Theater gehen oder zu Hause bleiben, ob wir in diese Stadt ziehen oder in jene, ob wir gewinnen oder der andere. Dieser Gedanke ist zugegebenermaßen nur sehr schwer auszuhalten – und deshalb rackern wir uns ab, machen uns immer neue Sorgen und kämpfen und streiten mit allem, was wir haben.

Doch nicht nur, dass die Gründe, aus denen wir streiten, so bescheuert sind, wie jeder außer uns sie findet – Streiten führt auch nie zu dem gewünschten Ergebnis. Als ich mich nach dem Spuckstreit in mein WG-Zimmer zurückzog und versuchte, nun den nötigen Schlaf für die Prüfung zu finden (nun ist es doch heraus, auf welcher Seite ich stritt), waren die Red Hot Chili Peppers zwar verstummt, ich wälzte mich aber trotzdem noch bis zum Morgengrauen in einem Stahlbad aus Scham und Wut. Keiner hatte also das bekommen, was er brauchte – ich nicht meinen Schlaf, er nicht sein »Californication«.

Und so ist es immer. Ob WG, Großraumbüro oder Gazastreifen – welcher Streit hat schon zu einem wirklich befriedigenden Ergebnis geführt? Manchmal hat sich am Ende eines Streits der Stärkere durchgesetzt, oder man hat sich in der Mitte getroffen, falls es keinen Stärkeren gab – was beides auch ohne Streit möglich gewesen wäre. Viel öfter jedoch haben beide Seiten durch den Streit kaputtgemacht, was ihnen wichtig war. Haben das Gesicht verloren, das gegenseitige Vertrauen, einen Haufen Kohle oder unbeschwerte Stunden beziehungsweise Jahre ihres Lebens. Je nachdem. »Aber was ist denn mit den wirklich wichtigen Dingen im Leben?«, fragen nun die Streitfreunde und fahren die schweren Geschütze auf: fremd gehende Partner und beste Freunde, die einem den Dolch des Verrats in den Rücken rammen. Selbst solche unschönen Dinge sind am Ende des Tages erstaunlich oft egal. (Mit »am Ende des Tages« ist hier selbstverständlich »am Ende eines 90-jährigen turbulenten und erfüllten Lebens« gemeint.) Das hilft natürlich dann, wenn die Sache akut ist und der Schmerz noch brennt, nicht weiter. Aber das tut ein Streit auch nicht. Weder in der von Streitratgebern empfohlenen und vom Kollegen Schürmann zu Recht geschmähten widerlich weichen »Ich fühle eine gewisse Unzufriedenheit, wenn ich die Kondome, die du mit jemand anderem benutzt hast, in unserem Bett finde«-Variante noch in der wutschäumenden, tellerwerfenden, herumbrüllenden Version.

Denn bei dem berühmten Fremden, den man nackt im Kleiderschrank findet, handelt es sich ja nur um den Startschuss für die berühmten fünf Phasen: Verweigerung (»Träume ich bestimmt nur«), Wut (»Wo ist die Schrotflinte, wenn man sie braucht?«), Verhandlung (»Na gut, dann muss ich aber dafür nächstes Wochenende nicht mit zu deinen Eltern«), Depression (»Warum immer ich?«) und Akzeptanz (»Eigentlich viel besser ohne die Nervensäge«).

Gestritten wird dabei vor allem in der zweiten Phase – die man sich genauso gut sparen kann wie die erste, dritte und vierte. Kann ein Streit wirklich etwas ändern oder retten, egal, wie viele »Ich-Botschaften« man verwendet oder wie sehr man sich an die Regel hält, nie »immer « zu sagen? Natürlich nicht. Wo die eine Hälfte der Dinge zu banal ist, als dass es sich überhaupt lohnt, einen Streit zu beginnen, ist die andere Hälfte der Dinge so verfahren, dass ein Streit am Ende keinerlei Verbesserung, Linderung oder gar Lösung bringt.

Egal also, wie gut oder schlecht man es anstellt, ob mit dem Florett oder dem Säbel: Streiten ist Quatsch. In Mike Judges unterschätzter Bürokomödie »Office Space« von 1999 erkennt das auch die Hauptfigur Peter, ein frustrierter Angestellter, der von seiner Freundin betrogen wird. Statt mit den Unternehmensberatern, die sein verhasster Chef angeheuert hat, aufgeregt zu debattieren, wie unersetzlich er für die Firma ist, erklärt er ihnen entspannt und ehrlich, dass seinen Job auch ein Vollidiot machen könnte – und wird dafür befördert. Statt mit seiner Freundin zu verhandeln, warum sie ihn betrogen hat und wie sie die Beziehung vielleicht doch noch retten können, legt er den Telefonhörer auf – und verliebt sich in Jennifer Aniston. Statt sich mit seinem unverschämt lauten Nachbarn wegen der hellhörigen Wände zu zerstreiten, geht er mit ihm angeln. Statt voller Wut mit einem Baseballschläger auf den Kopierer einzudreschen, wie er es vorher getan hat, sieht er mit an, wie ein gedemütigter Kollege die ganze Firma abfackelt. Im Film ist eine schiefgegangene Hypnosesitzung für Peters Sinneswandel verantwortlich. So etwas passiert im echten Leben natürlich nicht – weshalb ich mir das Streiten wie die meisten anderen Menschen leider immer noch nicht komplett abgewöhnen konnte. Aber ich raste nur noch bei ganz wichtigen Themen aus. Zum Beispiel bei der Geschirrspülmaschineneinräumreihenfolge.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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2 Leserkommentare

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  1. Sabrina sagt:

    Ich Botschaften helfen überhaupt nicht! Ich habe es jetzt eine Weile in meiner Beziehung ausprobiert und das Ergebnis ist: Man wird nicht so laut, aber der Inhalt bleibt der gleiche! Und egal ob man nun laut oder leise streitet – verletzt sind die Parteien danach so oder so…
    [schöner Beitrag!!!]

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