Alle Freunde auf einen Klick – Wie das Internet die Freundschaft verändert

Geschrieben von am 30/08/2010 in Tagesspiegel mit 5 Kommentare

Eine gängige These: Das Internet macht Kontakte oberflächlich. Blödsinn! Wahre Freundschaften bleiben bestehen – und neue kommen im Netz hinzu.

Da haben die Leute dann 300 Freunde – wer soll das denn glauben?, empören sich die Kritiker von Online-Netzwerken wie Facebook, Mein VZ oder MySpace. Das Internet zerstöre die wahre Freundschaft, behaupten Pessimisten wie der amerikanische Kulturkritiker William Deresiewicz. „Wir haben so viele Freunde im Internet, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen“, heißt es in der Werbekampagne einer Tageszeitung. Doch in Wirklichkeit sind das Internet und seine inzwischen 500 Millionen Menschen große Nation von Freunden namens Facebook nicht das Ende der Freundschaft – sondern eine Bereicherung. Mag sein, dass manch virtueller Austausch („Tolles Foto!“ / „Danke, hat Tina auf Sardinien gemacht.“) trivial erscheint – aber ist diese angebliche Oberflächlichkeit wirklich so schlimm?

Tatsächlich liegt gerade in der Möglichkeit, mal unverbindlich und schnell, mal intensiv und direkt zu kommunizieren, ein großer Gewinn. Da ist die berufstätige Mutter, der noch weniger Zeit bleibt, seit sie die Fortbildung angefangen hat. Abends, wenn die Kleinen schlafen, schafft sie es zwar nicht mehr, mit ihren Freundinnen tanzen oder ins Kino zu gehen – aber ein paar Zeilen, Fotos und Neuigkeiten online auszutauschen, das geht leichter. Oder die alten Freunde, die vor Jahren eine WG teilten, nun in verschiedenen Städten wohnen und sich nur noch alle paar Jahre treffen. Wenn das geschieht, müssen sie sich nicht mehr mühsam auf den neuesten Stand bringen, sondern sind über das Leben des anderen durch Facebook-Updates so auf dem Laufenden, als würden sie sich viel öfter treffen. Und kommen so schneller zu den tatsächlich relevanten, persönlichen Themen.

Der Streit „Internetfreundschaft“ versus „echte Freundschaft“ ist ohnehin albern. Wer glaubt, dass seine Mitmenschen ihren besten Freund nicht von einem Online-Profil unterscheiden können, ist mindestens so naiv, wie er es diesen Mitmenschen unterstellt. Jedem ist klar, dass die Tatsache, ob man jemanden um Hilfe bitten würde oder im Krankenhaus besucht, nicht im Geringsten davon abhängt, ob man auf Facebook befreundet ist oder nicht.

Die ganze angebliche Verwirrung um den Freundesbegriff, die durch die sozialen Netzwerke entstanden ist, ist nur eine scheinbare. Denn die Nuancen der unterschiedlichsten Freundschaftsmodelle waren stets feiner, als die Sprache sie vermitteln konnte. „Freund“ konnte schon immer vieles bedeuten: vom Kindergartenfreund, den man seit Ewigkeiten kennt, aber mit dem man nicht mehr allzu viel zu tun hat, über den besten Freund, den man vielleicht noch gar nicht so lange kennt, aber dafür sehr gut, bis zu dem Kollegen, der eben mehr ist als nur das, weil man auch privat gerne Zeit miteinander verbringt. Von dem Wandel, den das Konzept Freundschaft im Lauf der Geschichte durchgemacht hat, gar nicht zu reden.

Diejenige tiefe Freundschaft, die man „im echten Leben“ meist nur für eine Handvoll Menschen empfindet, entsteht aus miteinander verbrachter Zeit, gewachsener Loyalität und Ehrlichkeit. Aus Liebe, regelmäßigem Austausch, geteilter Freude und gemeinsamem Frust. Doch diese Form der Freundschaft ist nur eine von vielen – eine, die völlig unabhängig von Facebook existiert und vom Internet weder gefördert noch bedroht wird.

Denn schon immer gab es neben den engen Freunden auch eine große Gruppe von Freunden, die man schätzt, mit denen man aber nicht zu jeder Zeit ein stundenlanges Gespräch führen möchte. „Früher haben manche Leute extra zu einem Zeitpunkt angerufen, zu dem sie wussten, der andere würde nicht zu Hause sein“, sagt Charles Steinfield, Kommunikationswissenschaftler an der Michigan State University. „Sie wollten bewusst den Anrufbeantworter erreichen, um eine Information übermitteln zu können, ohne persönlich interagieren zu müssen.“ Steinfield ist einer von drei Autoren der Studie „The Benefits of Facebook ‚Friends'“, die sich mit den Auswirkungen von sozialen Netzwerken auf Freundschaft und Wohlbefinden beschäftigt hat.

Als der französische Soziologe Pierre Bourdieu in den achtziger Jahren vom „sozialen Kapital“ sprach, hatte er vermutlich nicht die Statusmeldungen bei Facebook im Sinn, die die Nutzer darüber auf dem Laufenden halten, wie sehr ihre Freunde von ihrer Arbeit oder dem Wetter genervt sind. Dennoch sind Freundschaften ein wichtiger Teil des sozialen Kapitals. Der amerikanische Soziologe Robert D. Putnam hat versucht, dieses soziale Kapital in zwei verschiedene Arten aufzuteilen: in das Bonding Capital (also etwa „verbindendes Kapital“) und das Bridging Capital (sozusagen „überbrückendes Kapital“).

Während das Bridging Capital etwas darüber aussagt, mit wie vielen unterschiedlichen Menschen jemand verbunden ist, aus welchen unterschiedlichen Sphären und Schichten diese stammen, wie groß also gewissermaßen seine „Reichweite“ ist, sagt das Bonding Capital mehr darüber aus, wie eng diese Bindungen sind, wie groß das gegenseitige Vertrauen und die Wertschätzung. Anders formuliert: Bridging Capital fragt danach, wie viele Menschen man kennt, denen man Geld leihen würde, Bonding Capital hingegen stellt die Frage, wie viel man dem Einzelnen leihen würde.

Eine der zentralen Aussagen der Studie, die Steinfield und seine Kollegen veröffentlicht haben: Online-Gemeinschaften wie Facebook spielen eine große Rolle, wenn es darum geht, das „Bridging Capital“ zu vergrößern, sie machen unsere Freundeskreise also größer und vielfältiger. Wenn es jedoch darum geht, bestimmte Kontakte zu intensivieren, ist es weniger wichtig. Eine Gefahr für analoge Freundschaften sehen auch sie nicht: „Online-Kontakte entfernen die Menschen nicht zwangsläufig von ihrer realen Umwelt, können ihnen aber helfen, Beziehungen und Kontakt zu Freunden aufrechtzuerhalten, selbst wenn durch geänderte Lebensumstände der (physische) Abstand wächst.“

Doch genau daraus, dass es das Internet so einfach macht, in Kontakt zu bleiben, folgt automatisch, dass die Zahl der Freunde immer größer wird: Denn durch jeden Umzug, jeden Jobwechsel, jede Party kommen neue Gesichter hinzu – und die alten bleiben erhalten. Robin Dunbar, ein britischer Anthropologe, hat genau darüber ein Buch geschrieben: Es heißt „How Many Friends Does One Person Need?“ – Wie viele Freunde braucht der Mensch?

Dunbar hat das geschafft, wofür manche Wissenschaftler ihre Großmutter verkaufen würden: Eine Zahl wurde nach ihm benannt. Die „Dunbar Number“ lautet 150. Laut seinen Forschungen ist das genau die Anzahl an Menschen, mit denen wir befreundet sein können. Wenn man den Freundschaftsforscher anruft und ihn fragt, wie es sich anfühlt, eine Zahl zu haben, die auf den eigenen Namen getauft wurde, muss er erst einmal lachen: „Das fühlt sich toll an, keine Frage. Aber ich habe keine Ahnung, wer den Begriff ‚Dunbar Number‘ geprägt hat. Zum ersten Mal tauchte er wohl 2007 bei einem Blogger auf, der vermutlich meine Aufsätze gelesen hatte. Es war die Zeit, als Facebook gerade bekannter wurde und sich plötzlich alle fragten, ob sie zu viele Online-Freunde hätten.“

Die Ursprünge der „Dunbar Number“ liegen gut 20 Jahre zurück. Der Anthropologe beschäftigte sich damals mit der Größe von Gruppen, in der verschiedene Affenarten zusammenleben. Dabei stellten er und sein Team fest, dass sich die Größe einer Gruppe proportional ansteigend zur Größe des sogenannten Neocortex des jeweiligen Affenhirns verhielt.

„Der Neocortex ist grob gesagt der Teil des Gehirns, der für das analytische Denken zuständig ist“, sagt Dunbar, „und er ist bei Menschen größer als bei Affen. Ich rechnete also hoch, was die ideale Gruppengröße für den Menschen ist – und kam auf die 150.“ In der Folge suchte Dunbar in der Menschheitsgeschichte nach der Zahl und war selbst überrascht, wie oft er sie fand: Bei über 20 Stammesgesellschaften, von denen Statistiken existieren, liegt die durchschnittliche Größe eines Stammes bei 153. Vom alten Rom bis zur modernen US Army umfassen Kompanien – die kleinste unabhängige Einheit – rund 150 Mann. Nomadenvölker ziehen meist in Gruppen von ungefähr 150 durch die Wüste. Sogar die Kirchengemeinden der Amish spalten sich in zwei neue Gruppen auf, wenn sie eine Größe von ungefähr 150 erreichen.

Doch woran liegt das? „Es ist zum einen unser Gehirn“, erklärt Dunbar. „Bei 150 stoßen wir an eine Kapazitätsgrenze und können uns nicht mehr genau merken, wer die Leute sind, woher wir sie kennen, geschweige denn, was sie so alles tun, mögen und so weiter. Denn der zweite wichtige Faktor ist Zeit: Damit eine Freundschaft längere Zeit überdauert, müssen wir immer wieder Zeit miteinander verbringen, uns austauschen, erfahren, was bei dem anderen so los ist.“

Aber wie wichtig ist es, ob solche Treffen online oder in echt stattfinden? Der Freundschaftsforscher sagt, das sei bei den Geschlechtern verschieden. „Frauen sind kommunikativere Wesen, sie sind gut darin, eine Freundschaft über längere Zeit am Leben zu erhalten, auch wenn sie nur miteinander telefonieren oder chatten oder Mails schreiben“, sagt Dunbar. „Aber Männer müssen sich ab und zu treffen, sich betrinken und ihre Köpfe gegen Bäume schlagen, wenn ihre Freundschaft sich nicht in Luft auflösen soll.“

Doch auch wenn Dunbar vermutlich recht hat, so besteht die Alternative oft nicht zwischen „Treffe ich meine Freunde real oder virtuell?“, sondern zwischen „Treffe ich meine Freunde virtuell oder gar nicht?“. Denn je individualisierter eine Gesellschaft wird, je unterschiedlicher die Tagesabläufe und je mobiler die Jobprofile, desto schwieriger wird der Stammtisch, das regelmäßige Tennismatch oder das gute Gespräch über einem Glas Wein. Ist also ein Abend auf MeinVZ oder Facebook besser als ein Abendessen, das man für eine Handvoll Freunde gekocht hat und gemeinsam mit ihnen in angeregter Unterhaltung genießt? Sicher nicht. Hat man jeden Abend Zeit für ein solches Luxusprogramm? Eben. Und statt allein vor dem Fernseher zu sitzen, sind ein paar Nachrichten, die man online mit Freunden austauscht, sicher nicht die schlechteste Alternative.

Das Vorurteil, Menschen mit einem großen virtuellen Freundeskreis seinen Sozialphobiker mit schlechter Haut, schlechter Frisur und schlechten Tischmanieren, die im „echten Leben“ einfach keine Chance hätten, stimmt doppelt nicht: zum einen, weil mehrere Studien zeigen, dass Menschen, die online aufgeschlossen sind und viele Kontakte haben, auch in der Realität über einen größeren Freundeskreis verfügen. Zum Zweiten, weil selbst die im Internet geschlossenen Freundschaften sehr oft irgendwann in die Realität übertragen werden. Wer sich online über gemeinsame Interessen kennenlernt – und gemeinsame Interessen sind ein besserer Grundstein für Freundschaft als durch Zufall im selben Dorf geboren oder im selben Büro angeheuert worden zu sein –, will sich meist auch irgendwann von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Fast immer stellt man dann fest, dass die andere Person in echt genauso lustig, klug oder interessant ist wie im Netz.

Die Angst, wer zu viele Freunde habe, könne es mit den einzelnen nicht ernst meinen, ist in dieser Form eine urdeutsche. Den in Sachen Freundschaft entspannteren Amerikanern wird deshalb auch bei jeder Gelegenheit Oberflächlichkeit vorgeworfen und ebenso moralinsauer gewarnt: „Die laden dich dann zu sich nach Hause ein, meinen es aber im Grunde gar nicht ernst!“

Man möchte mit einer Szene aus der Cartoonserie „Die Simpsons“ antworten, in der Barts Klassenkamerad Martin Prince angesichts eines vor Kindern überquellenden Swimmingpools ruft: „Mehr Freunde, mehr Verbündete, mehr von allem! Hängt die, die von weniger reden!“ Recht hat er. Eine halbe Milliarde Facebooknutzer sind seine Zeugen.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: Tagesspiegel

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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5 Leserkommentare

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  1. fk sagt:

    Da lobe und verlinke ich diesen Text, sage aber nicht mal hier Bescheid. Besser spät als nie:
    http://alrightokee.de/medien/facebook-bruste-und-die-currywurst/

    • Freue mich auch natürlich jetzt noch sehr. Hatte aber auch keinen Trackback gegeben, der Link. Dabei sollte das doch eigentlich das Bescheidsagenmüssen ersparen.

  2. fk sagt:

    Ja, komisch. Ich werde eine Untersuchung des Vorfalls anstrengen.

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