Türsteher und Topmodels – Meine Stadt: Moskau

Geschrieben von am 25/08/2010 in Neon mit 3 Kommentare

Keine Angst vor den 80er-Jahre-Türstehern: Wer die richtigen Tricks kennt, kommt in der russischen Hauptstadt auch als mittelloser Student in den Genuss all der HERRLICHEN KLISCHEES: schwerreiche Männer mit 18-jährigen Models, Restaurants mit Pool und korrupte, aber harmlose Polizisten.

»Ich sage Freunden von außerhalb immer, dass sie sich Moskau wie eine hässliche Prinzessin vorstellen müssen, die sich zu stark schminkt und ruppige Umgangsformen pflegt. Nicht vom ersten Blick täuschen lassen: Die Stadt und die Menschen wirken inzwischen relativ europäisch – aber die Mentalität ist doch härter. Hier wird gedrängelt, geschoben und getrickst und oft auch skrupellos vom Recht des Stärkeren Gebrauch gemacht. Trotzdem spürt man besonders im Nachtleben eine einzigartige Energie – auch wenn die kantigen Türsteher mit Regeln wie »Keine Turnschuhe!« manchmal an die 80er – Jahre erinnern. Wer wirklich nirgends reinkommt, sollte ins Propaganda gehen, einen alternativen Electroclub, donnerstags der beste Laden der ganzen Stadt. Am Wochenende kommen die Vorstädter, dann wird der Ton etwas rauer – dafür ist es leicht, jemanden abzuschleppen. Den Türsteher meines Lieblingsclubs Solyanka umgeht man, indem man bereits zum Essen dorthin geht und die teils russischen, teils mediterranen, teils thailändischen Fischgerichte genießt. Um 23 Uhr werden die Tische rausgeräumt, und die ganzen Hipster und Kreativtypen kommen zum Tanzen. Donnerstags ist der Eintritt frei, während der Woche finden auch Konzerte statt.

Für die Minimal- und Housepartys im Progressive Daddy sollte man sich etwas schicker machen, aber der Türsteher hat in Hamburg studiert und spricht Deutsch, das kann die Sache erleichtern. Wer es richtig posh haben will, versucht sein Glück im Pacha oder im Soho Rooms. Ein Freund von mir hat sich hier mal einen ganzen Abend kaputtgelacht über die Ansammlung von schwerreichen Männern, die mit je fünf 18-jährigen Models vor dem Kamin oder auf der Poolterrasse sitzen. Wenn es einem nichts ausmacht, dass man finanziell nicht mal ansatzweise mitspielen kann, ist das Spektakel unterhaltsam an zusehen – und auf alle Fälle ein Moskau klischee, das der Realität entspricht. Für die Afterhour empfehle ich so gegen sechs Uhr dann das Paparazzi oder das Garage.

Aber auch tagsüber hat Moskau viel zu bieten: Art4.RU ist ein Zentrum für zeitgenössische Kunst und kommunistische Pop-Art. Unbedingt empfehlenswert, aber nur freitags geöffnet. Das Artplay war früher eine Fabrik, heute sind hier gute Designläden und Lofts, in denen oft auch Partys stattfinden. Während in Deutschland Millionärsfrauen vielleicht eine Boutique geschenkt kriegen, bekommen sie in Moskau gleich ein ganzes Galerienzentrum: Das Winzavod befindet sich in einer alten Weinkellerei und bietet neben viel Kunst auch einige gute Klamottenläden (etwa Cara & Co) und jedes zweite Wochenende einen Flohmarkt. Im nahe gelegenen Café Zurzum ruhig mal die Besitzerin Marina ansprechen. Sie versteht Deutsch und organisiert ein ständig wechselndes Programm von Lesungen, Jazzkonzerten und Filmvorführungen.

Zum Leutegucken empfehle ich das Café Pushkin, die drei Stockwerke werden nach oben hin teurer, das Erdgeschoss kann man sich gerade so leisten – aber Finger weg vom Wein, sonst ist man sofort pleite. Viel besinnlicher geht es im Novodevichy-Kloster zu, einem der wenigen Klöster, die Stalin nicht zerstören ließ. Es lohnt sich wirklich, dieses prunkvoll ausgestattete Kloster zu besichtigen, auf dessen Friedhof auch Berühmtheiten wie der Schriftsteller Bulgakow und der ehemalige Präsident Jelzin begraben liegen. Wer vom vielen Laufen und Besichtigen Hunger bekommt, geht am besten ins Marivanna. Dort sieht es aus wie in einem russischen Wohnzimmer vor fünfzig Jahren, ein Hund und eine Katze rennen herum, aber die Küche serviert ausgezeichnete Klassiker wie Borschtsch und Pelmeni bis hin zu Modernerem wie Lachs mit Orangensauce. Das Lebedinoe Ozero – zu Deutsch Schwanensee – liegt an einem ebensolchen im Gorkipark und bietet Schaschlik und georgische Klassiker sowie einen Pool, in den man nach dem Essen springen kann. Für frühabendliche Getränke danach empfehle ich das Luch oder auch das Mao im Kulturzentrum »Roter Oktober«.

Wer in der Stadt Ruhe und Erholung sucht, findet sie auf dem Spatzenhügel hinter der Universität. Hier befindet sich auch der Botanische Garten, der – obwohl im Stadtzentrum – sehr wild und verlassen wirkt. Es gibt auch eine Aussichtsplattform, und abends sammelt sich hier die Jugend aus den nahe gelegenen Uniwohnheimen, die kein Geld für teure Clubs hat. Wer mit ein paar Flaschen Bier aufkreuzt, findet sofort russische Freunde. Um die Widersprüche von Moskau zu erleben, sollte man einen Spaziergang um den Patriarchy Prudy machen – einen kleinen See im heutigen Diplomatenviertel. Hier hat Michail Bulgakow >Der Meister und Margarita< geschrieben. Der Bestseller wird noch heute von jedem Moskauer geliebt, da er die Mächtigen vorführt, die in Saus und Braus leben, während das Volk hungert. Das Buch beginnt auf einer Bank an eben diesem See und ist eine gute Reiselektüre, denn es hat sich gar nicht viel geändert. Wenn man heute auf der Bank am Ufer sitzt, sieht man Punks und Gothics beim Gitarrespielen – und ein paar Meter weiter eine Oligarchengattin, die auf turmhohen High Heels ihr Schoßhündchen ausführt.«

Chris Helmbrecht, 38, lebt seit mehr als sechs Jahren in Moskau. Er betreibt eine Werbeagentur, ein Blog über die Stadt und veranstaltet die Partyreihe »Labelfucker«.

***

Hinkommen
Air Berlin und Lufthansa fliegen aus verschiedenen deutschen Städten nach Moskau. Am Flughafen bloß nicht in eines der wartenden Taxis steigen! Die verlangen oft 100 Euro für die Fahrt in die Stadt, das Dreifache des Normalen. Lieber eins per Internet bestellen oder mit der Bahn ins Zentrum fahren.

Unterkommen
Hotels sind wegen der vielen Geschäftsreisenden sehr teuer, am Wochenende wird es etwas besser. Das Golden Apple (20, golden apple.ru) ist ein schönes, vergleichsweise günstiges Boutiquehotel (DZ 150 Euro). Wem das zu viel ist, der nimmt sich am besten ein Apartment (moscowapart ments4u.com oder moscowsuites.ru), da kann man für rund 120 Euro mit bis zu vier Personen wohnen und selbst kochen.

Rumkommen
Tagsüber auf jeden Fall mit der Metro – der schönsten der Welt. Vor allem die reno vierte Station Majakowskaja mit ihren Mosaiken ist so erhebend wie ein Museumsbesuch. Ein Trick, falls die russischen Stationsnamen im Kopf verschwimmen: die Farbe der Linie und die ersten drei Buchstaben merken. Abends lieber Taxi fahren: Preis vorher vereinbaren, 250 Rubel (rund 6,60 Euro) sollten im Zentrum überallhin reichen.

Mitbringen
Eine Flasche Youri Dolgoruki, ein vierfach destillierter, sensationeller Edelwodka in einer schmucken Flasche, der im Supermarkt trotzdem nur 25 Euro kostet. Oder eine der bekannten Babuschka-Puppen zum Ineinanderstecken, die mittlerweile auch mit dem Gesicht von Angela Merkel angeboten werden.

Unbedingt
Im Park hinter der Tretyakov Galerie liegen und stehen auf dem »Friedhof der gefallenen Statuen« all die Denkmäler von Lenin, Stalin und Marx sowie Propagandastatuen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion demontiert wurden.

Bloß nicht
Auch in guten Clubs nie offen mit einem erkennbar teuren Handy telefonieren. Sonst ist es beim nächsten Gedränge aus deiner Tasche verschwunden. Und sich nicht von korrupten Polizisten, die einem 50 Euro für ein angebliches Vergehen aus der Tasche ziehen wollen, Angst machen lassen. Die versuchen nur, ihr kärgliches Gehalt aufzubessern – und wenn man eine weiße Weste hat und sich weigert, sie zu schmieren, nehmen sie einen nicht mit auf die Wache, sondern lassen es auf sich beruhen.

Text & Protokoll: Christoph Koch
Erschienen in:
NEON
Foto: privat

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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3 Leserkommentare

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  1. Hi, ich finde die Seite geil. Ich lebe seit 2 Jahren in Moskau und habe immer noch meine Probleme. Aber vielleicht helfen mir einige Deiner Tricks auch das Leben neben meiner Arbeit interessant zu finden. Lass mal was von Dir hören.

  2. Thomas sagt:

    Hi Chris!
    Lebe seit 7 Jahren in Kaluga, suedlich von Moskau. Habe letzte Woche dein Buch Fucking Moskau in 2 Tagen durchgelesen, kann das alles so auch fuer Kaluga bestaetigen, wenn ich da auch nicht in der Szene so drin bin wie du in Moskau! Aber ist schon eine verrueckte und geile Stadt! Bin im November 2 mal laenger dort und werde mal ein paar von dir genannte Klubs ausprobieren. Bin gespannt!!!
    Besten Gruss, Thomas

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