Clownschminke und Vuvuzela: Public Viewing von A bis Z

Geschrieben von am 03/08/2010 in Wollt grad sagen mit 0 Kommentare

Die WM in Ruhe zu Hause gucken? Etwas sehen vom Spiel und nicht nur vom Hinterkopf des Vordermanns? Ohne Nationalschminke im Gesicht? Seit dem Sommermärchen 2006 undenkbar. Die wichtigsten Informationen zum OPEN-AIR-WAHNSINN.

Allgemeingut:
Wer einen Flatscreen auf den Gehsteig stellen oder anderweitig ein Public Viewing organisieren will, hat seine Rechnung ohne den Weltverband FIFA gemacht: Bei kommerziellen Veranstaltungen (Eintritt, FIFA-fremde Sponsoren, etc.) wird eine Gebühr zwischen 1000 und 14 000 Dollar erhoben – oder eine Genehmigung mit dem Hinweis auf ein offizielles »Fan Fest« in derselben Stadt möglicherweise ganz abgelehnt Und selbst wer ein unkommerzielles >Rudelgucken plant, muss sich dies bislang von der FIFA via Lizenz genehmigen lassen, eine mit deutschem Recht unvereinbare Schikane, wie viele Fußballfans und Urheberrechtsexperten finden.

Bohrinseln:
Laut FIFA handelt es sich um Public Viewing, wenn das Fußballschauen nicht in privaten Wohnräumen, sondern in der Öffentlichkeit stattfindet, unter anderem auch in »Kinos, Bars, Büros, auf Baustellen, auf Bohrinseln, Bussen, Krankenhäusern und Militäreinrichtungen «.

Public Viewing im Stadion (inklusive Goleo) im Jahr 2006

Clownschminke:
Der Profiträgt die Nationalfarben mit einem Dreifachschminkstift auf – das verhindert auch alkoholbedingte Ungenauigkeiten, die einen versehentlich zum Belgier machen. Weitere Geschenke für den Deutschlandfan, der schon alles hat: Knicklicht in Schwarz-Rot-Gold, Hawaiikette in Schwarz-Rot-Gold, Sonnenbrille mit schwarzrot- goldenen Gläsern, Airsticks in Schwarz- Rot-Gold zum Aneinanderknallen – und natürlich der Schwarz-Rot-Gold-Irokese. Wenn am 12. Juli alles vorbei ist, will es natürlich wieder niemand gewesen sein.

Damals:
Angesichts der Public-Viewing-Euphorie zur letzten WM kaum vorstellbar: Bei der WM 1974 in Deutschland waren selbst die Stadien nur zu drei Vierteln gefüllt (>Phrasen).

Experte:
Für den Sportsoziologen Hans- Jürgen Schulke ist Fußballgucken wie Sex: »Im Stadion erleben die Zuschauer eine spielerische Triebabfuhr, allerdings ist der Sex, den sie dort haben, klinisch rein. Er folgt den festen Ritualen, wird streng überwacht, und die Akteure sind wenig spontan. Vor dem Fernseher ist es wie mit Telefonsex. Man ist irgendwie dabei, aber nicht mittendrin«, erklärte er einmal in einem Interview. Das beste Erlebnis sei Public Viewing: »Da kommt der Fan dem Vollzug sehr nahe. (…) Man schwitzt, schreit und flucht zusammen, man umarmt und küsst wildfremde Menschen. Vor den Videoleinwänden herrscht ein Hauch von Anarchie, eine Mischung aus Woodstock, Loveparade und Mauerfallstimmung.«

Ferien:
Wer sich schon darauf gefreut hat, die Sportfreunde Stiller während der WM-Wochen wieder auf allen Kanälen ihr »54-74 …«-Lied schmettern zu hören, wird enttäuscht sein – der inoffizielle Musikausstatter des DFB macht Ferien: »Wir Sportfreunde werden gerade rechtzeitig zur WM in den Urlaub fahren. Im Jahr 2006 hatten wir eine wirklich großartige Zeit«, so ihr offizielles Statement. »Wir lebten wie russische Ölbarone, aßen Nahrungsmittel, die in fernen Ländern als Spezialität bezeichnet werden, winkten unseren Großeltern aus deren Fernsehern zu, bekamen Angebote, von denen wir als 16-Jährige immer geträumt hatten, wurden beklatscht, bejubelt, hofiert. Dass das für vier Wochen lang herrlich war, brauchen wir wohl keinem groß zu erklären. Allerdings sind wir gleichzeitig der Meinung, dass ein Versuch, das Ganze zu wiederholen, etwas Ungutes hätte, demgegenüber ein Urlaub eine gute Alternative darstellt.« Hoffentlich hat das auch jemand Xavier Naidoo gesagt.

Großbildfernseher:
Wer sich extra für die WM einen neuen Riesenfernseher anschaffen will, um Freunde einzuladen, muss sich mit unzähligen technischen Feinheiten rumplagen. Kurz und knapp: LCD-Fernseher bieten auch in hellen Räumen ein gutes Bild, Plasmafernseher sind besser, wenn man in einer größeren Gruppe guckt und die außen Sitzenden sehr schräg draufschauen. Damit auch schnelle Bewegungen und Kameraschwenks ruckelfrei gezeigt werden können, empfiehlt sich ein Gerät mit 100Hz-Technik. Der berüchtigte »Nachzieheffekt«, der dem Ball einen Kometenschweif verleiht, ist bei fast allen neuen Geräten verschwunden. Der Sitzabstand sollte etwa das Zwei- bis Dreifache der Bildschirmdiagonale betragen.

Hooligans:
Wie es enden kann, wenn die Angst vor Hooligans in Hysterie umschlägt, konnte man bei der EM 2008 in Klagenfurt beobachten: Wochenlang geisterten Gerüchte über brandschatzende und vergewaltigende Fußballfans aus Kroatien und Polen, getötete Polizisten und geplünderte Geschäfte durch die Stadt. Nichts davon stimmte – dennoch verbarrikadierten sich die Einheimischen, die Fanmeile glich einer Geisterstadt. »Wir haben die Karawanken im Süden und die Hohen Tauern im Norden«, kommentierte einer der Gastwirte, die auf ihrem Bier sitzen blieben. »Und wenn einmal die Welt zu uns kommt, machen wir die Fensterläden auch noch zu.«

Individuell:
Auch bei Massenevents will keiner wie der andere sein. Vier Schubladen reichen trotzdem:

  1. Das Werbeopfer: eingekleidet in Billigtextilien im Nationalmannschaftslook, die er sich durch das Ausschneiden von Sammelpunkten oder Einschicken von Getränkedeckeln hart erarbeitet hat. Zusätzlich massiv mit >Vuvuzela- Tröten, >Clownschminke und anderem schwarz-rot-geilen Tankstellenmerchandising eingedeckt. Spruch zur Halbzeit: »Bestimmt kommt gleich wieder der witzige Spot mit dem Löw!«
  2. Der Individualist: Kann Fußball »eigentlich nicht so viel abgewinnen«, findet Public Viewing aber ideal, um soziologische Studien anzustellen und interkulturelle Gastfreundschaft und Offenheit zu praktizieren. Ist grundsätzlich nie für Deutschland, sondern für die Mannschaft, die den besseren Fußball spielt. Spruch zur Halbzeit: »Also, von den Bundesligavereinen mag ich eigentlich nur Freiburg und Pauli, so von der Fankultur her und so.«
  3. Der wahre Fan: Kommt demonstrativ in seiner Stadionkutte oder mit Ultras-Tattoo, um zu zeigen, dass er König Fußball auch jenseits von »Kommerzevents« treu ergeben ist Freut sich trotzdem, dass er anlässlich der WM auch mal neben Mädchen sitzen darf, die weniger wiegen als er selbst. Spruch zur Halbzeit: »Musst mal >russian hooligans< bei You- Tube eingeben. Da kannste mal sehen, was `ne Straßenschlacht ist.«
  4. Der Partysane: Loveparade, Karneval oder WM – Hauptsache, viele Menschen und was zu saufen. Der Partysane ist eine Frohnatur, die alle mit ihrer guten Laune ansteckt – leider kann er nicht überall zugleich sein, auch wenn er sich sichtlich bemüht und zumindest immer dort feiert, wo der größte Andrang herrscht. Spruch zur Halbzeit: »Hallöchen! Könnt ihr mir sagen, wer spielt – und vor allem was? Aber Prost ersma!«

Jubelschleife:
Wer zum Public Viewing geht, bejubelt nicht nur die Fußballer, sondern immer auch sich selbst. Denn die Großbildleinwände zeigen längst nicht bloß die Spiele, immer häufiger werden auch Public-Viewing- Zuschauer dabei gefilmt, wie sie jubelnd auf eine Leinwand gucken, auf der gerade die Liveübertragung läuft, die sie dabei zeigt, wie sie jubelnd auf eine Leinwand gucken, die zeigt wie sie … und so weiter.

Käseigel:
Wer sich selbst als Ausrichter eines Semi-Public-Viewings bei sich zu Hause wiederfindet und nicht weiß, wie er die vielen hungrigen Mäuler am besten satt bekommt, ist mit einem oder besser zwei Käseigeln gut beraten:

  1. Kohlkopf halbieren.
  2. Die Hälften in Alufolie wickeln.
  3. Käsewürfel, Weintrauben, Apfelschnitze, Cornichons (oder alles, was klein, lecker und durchbohrbar ist) auf Cocktailspieße piken.
  4. Für internationales WM-Flair verwendet der Käseigel-Profinatürlich Flaggenspießchen.
  5. Brot dazu reichen – fertig!

Leibchen:
Wichtigster Gesprächspausenfüller: die Trikotdebatte. Die Regeln?

  • Die Antwort auf die Frage, welches Trikot man am schönsten findet, muss schnell und bestimmt erfolgen.
  • Wenn man nichts parat hat, »Elfenbeinküste « sagen.
  • Oder »Argentinien – dieses Jahr mal echt was anderes.
  • Die neuen deutschen Trikots sind »so angenehm schlicht«.
  • »Am schlimmsten waren die Mosaikfummel bei der WM 94.«
  • Felsenfeste Meinung haben, ob die Trikots von Nike oder von Adidas besser aussehen.

Muffensausen:
Neben >Hooligans immer wieder auch vor Terroristen. Nicht dass es darauf schon mal konkrete Hinweise gegeben hätte. Aber vor irgendwas muss man sich ja fürchten.

Nein:
Als erklärter Feind des Public Viewings entpuppte sich bei der EM 2008 die »Neue Zürcher Zeitung«: »Größer und hässlicher denn je« sorgten die »rücksichtslos hineinmontierten Lärmkraftwerke« nun wieder für »ein wochenlang verschandeltes Stadtbild«, klagte sie. »Aus freien Individuen werden Angehörige eines Guckrudels«, stellte die Zeitung fest, »weil das wie auch immer bierselige Versinken in den Schoss der Emotionen übermächtig lockt.« Selbstverständlich durfte auch der Hinweis nicht fehlen, dass »Public Viewing« kein korrektes Englisch sei (>x-mal).

Offiziell:
Nicht nur vor Ort in Südafrika bietet die FIFA mit den »Fan Festen« ihre offiziellen Public-Viewing-Veranstaltungen, auch in sieben Städten auf vier anderen Kontinenten darf man unter den offiziellen Sponsorenbannern gucken: Rio de Janeiro, Mexiko-Stadt, Paris, London, Rom, Berlin und Sydney richten die offiziellen Public-Viewing- Events aus. In Berlin wird wieder die Straße des 17. Juni Treffpunkt für die Massen sein.

Phrasen:
Keine Ahnung von Fußball, aber trotzdem Lust, angetrunken ein paar WM-Spiele zu gucken? Keine Angst, fast allen Draußenzuschauern geht es genauso. Um trotzdem was zu reden zu haben, einfach die folgenden Standardfloskeln merken:

  • »Dass die Südafrikaner ihre Stadien wirklich rechtzeitig fertigbekommen, hätte doch auch keiner gedacht.«
  • »So schade es ist, aber die Afrikaner werden nie was Großes gewinnen, solang die immer nur ausgemusterte Trainer beschäftigen und taktisch dermaßen hinterherhinken.«
  • »Frankreich fliegt eh schnell raus, damit die ihren alten Trainer loswerden und mit Laurent Blanc neu anfangen können.«
  • »Zum Glück ist das Maskottchen nicht so peinlich wie Goleo damals bei uns.
  • »Mir persönlich sind diese Tröten (>Vuvuzela) ja zu laut, aber feiern können die da unten halt einfach …«

Quote:
Regelmäßig sorgen Weltmeisterschafts- Spiele für Rekorde bei den Fernseh-Einschaltquoten. Durch den Boom von Public Viewing wird dies jedoch immer schwieriger, denn Zuschauer, die draußen gucken, werden bislang in den Quoten-Messungen gar nicht erfasst. Laut einer Marktforschungsstudie haben allein das Halbfinale Deutschland gegen Italien im Jahr 2006 11,7 Millionen Menschen nicht vor dem eigenen Fernseher geschaut, insgesamt haben 22,6 Millionen Deutsche – oder 34 Prozent aller Erwachsenen – bei der letzten Weltmeisterschaft mindestens ein Spiel nicht zu Hause angesehen.

Rudelgucken:
Nur einer der vielen bemühten Übersetzungsversuche für das immer wieder als Unbegriff bezeichnete »Public Viewing« (>x-mal). Sonst noch gehandelte Alternativen: La-Ola-Kino, Gruppenglotzen, Fernsehgemeinschaft. Aber ob das wirklich besser ist?

Sportanlagenlärmschutzverordnung:
Klingt fies. Heißt aber, dass man an Tagen mit Abendspielen auch nach 22 Uhr draußen noch Fußball gucken und laut sein darf. Die Bundesregierung hat`s so beschlossen. Kannst du dem Blockwart direkt sagen, der gerade auf sein Fenstersims gelehnt die Polizei rufen will.

Tatort:
Der beliebteste Public-Viewing-Content ohne Ball (neben Topmodel-Mädchen). Seit 2004 guckt man in Hamburg im Grünen Jäger oder der Pony Bar den öffentlich-rechtlichen Krimi. Doch inzwischen gibt es in jeder größeren Stadt sonntägliche Treffen für »Tatort«-Fans. In der Berliner FC Magnet Bar ist der Andrang oft so groß, dass König Fußball in den Keller weichen muss. In München rätselt man zum Beispiel im Café Kopfeck über Täter und Drehbuch, in Stuttgart in der Gaststätte Augustin.

Untenrum:
»Aus der Tiefe des Schranks die zwei Jahre nicht getragenen schwarzrot- gelben Socken hervorholen, praktisch die Autoflagge für Fußgänger« (Benjamin von Stuckrad-Barre).

Vuvuzela:
Ungefähr sechzig Zentimeter lange Plastiktröte, mit denen südafrikanische Fußballfans ohrenbetäubenden Krach machen können. Einige Spieler und Fernsehstationen hatten ihr Verbot gefordert, da sie Kommunikation auf dem Platz und Moderation vor der Kamera unmöglich machten. FIFA-Präsident Blatter lehnte ein Verbot der Faninstrumente jedoch mit den Worten ab: »Wenn man nach Afrika geht, ist es eben laut. Ich habe immer gesagt, Fußball ist Trommeln, Rhythmus, Tanzen.« (>Phrasen)

Wagner:
Nicht nur Fußball und >»Tatort «, auch den »Ring des Nibelungen« kann man inzwischen umsonst und draußen gucken: Im vergangenen Jahr sahen sich 40 000 Besucher auf dem Bayreuther Volksfestplatz »Tristan und Isolde« an, dieses Jahr wird am 21. August auf einer Großleinwand die »Walküre« direkt aus dem Festspielhaus übertragen werden.

X-mal:
Schon bei der WM 2006 wurden schlecht gelaunte Feuilletonartikel nicht müde zu verkünden, der Begriff »Public Viewing « für >Rudelgucken wäre eine schäbige deutsche Konstruktion, im englischsprachigen Raum bezeichne man damit nämlich die öffentliche Aufbahrung eines Toten. 99 Prozent der Artikel ließen dieser Erkenntnis einen »Witz« über ein besonders schlechtes Spiel folgen.

Yeah:
Je besser die deutsche Mannschaft spielt, desto mehr Bier wird verkauft, freuen sich die deutschen Brauer – nicht zuletzt durch Public Viewing. So hofft der Brauerbund auch dieses Jahr wieder auf einen ähnlichen Schub wie bei der WM 2006, als der Absatz um 1,4 Prozent stieg – in einer ansonsten seit Jahren rückläufigen Branche.

Zakumi:
Name des WM-Maskottchens, ein grünhaariger Leopard. Er wird pünktlich zur WM sechzehn, und sein Name setzt sich aus dem Ländercode ZA für Südafrika und dem Wort »kumi« zusammen, das in zahlreichen afrikanischen Sprachen »zehn« bedeutet. Nur, falls man in der Bierschlange mal ein Small-Talk-Thema braucht.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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