Den im Dunkeln sieht man nicht – Wie ein Theaterinspizient die Vorstellung erlebt

Geschrieben von am 15/12/2009 in Wollt grad sagen mit 0 Kommentare

Kein Zuschauer sieht ihn, kaum einer weiß überhaupt, dass es ihn gibt. Dabei laufen am Pult des Inspizienten alle Fäden einer Aufführung zusammen.

19:00 Frank Ulbig, Inspizient am Deutschen Theater in Berlin, schließt sein Pult auf.

Das Inspizientenpult befindet sich direkt am rechten Bühnenrand. Wenn die Schauspie­ler einen Beutel mit Kunstblut öffnen, ist Ul­big ihnen oft so nah, dass er es riechen kann. Vom Zuschauerraum lässt sich sein kleines Reich dennoch nicht einsehen, ja nicht mal erahnen. Trotzdem laufen genau hier alle Nervenstränge einer Vorführung zusammen.

19:07 Ulbig legt sich den Vorstellungsbe­richt bereit, der bei der Vorstellung, aber auch bei jeder Probe angefertigt werden muss. Daneben, ungleich dicker, das Inspi­zientenbuch.

In der dicken Kladde ist nicht nur der kom­plette Text samt Regieanweisungen ver­merkt, der Inspizient trägt sich auch wäh­rend der gesamten Probe alle für ihn wichtigen Notizen ein. Vom Lichtwechsel über den Zeitpunkt, wann welche Schau­spieler aus der Garderobe zu rufen sind, bis zur Häufigkeit und Intensität, mit der die Nebelmaschine zu bedienen ist.

19:30 Inspizient Ulbig holt sich seinen obli­ gatorischen Tee in einem großen Thermobe­ cher und stellt ihn ans linke Ende des Pults. Am rechten Ende liegt eine Dose Halsbon­bons für ihn, die Schauspieler und jeden, der will. Am Ende der Vorstellung wird sie nahe­ zu leer sein.

Die Vorbereitungen sind zahlreich und je nach Stück unterschiedlich. Die Blutbeutel für Tino Mewes, der heute in ,Das Goldene Vließ‘ Medeas Bruder spielt, muss bereitge­legt werden. Soundcheck mit der Gitarre, die Komparsenkinder werden noch einmal gefragt: „Wisst ihr noch, ab wann ihr euch bereithalten müsst?“ Am Ende wird, wie vor jeder Vorstellung im ganzen Land jener Vorhang getestet, der hinter der Bühne nur kurz „der Eiserne“ heißt.

20:02 „Die Vorstellung ,Das Goldene Vließ’ im Deutschen Theater hat begonnen“, spricht Ulbig in sein Mikrophon, unhörbar für die Zuschauer. „Ich wünsche uns allen eine schöne Vorstellung.“

Meist anstrengender als die Aufführungen seien die Proben, erklärt Ulbig – kurzhaarig, in Anzugshose und Hemd, eine Silberkette um den Hals. Denn in der Probenzeit än­dert sich schließlich ständig noch etwas – da gleicht das Inspizientenbuch oft einem Schlachtfeld aus Durchstreichungen, Klebe­zetteln, Ausrufezeichen und Symbolen.

20:17 Auf der Bühne hat Alexander Khuon als Jason einen lautstarken Wutausbruch. Ulbig nutzt die Lärmkulisse und signalisiert dem Einlass per Knopfdruck, dass Zuspät­kommer jetzt noch schnell reingeschickt werden können.

Inspizient ist kein klassischer Ausbildungs­beruf. Die meisten kommen aus anderen Theaterberufen, starke Nerven und hohe Konzentrationsfähigkeit sind entscheiden­de Voraussetzungen.

20:33 „Halbe Drehung, rechts, auf 40“, weist Ulbig den Bühnenarbeiter an, der die Dreh­bühne im richtigen Moment in Bewegung setzen muss.

20:48 Jason wechselt im Stück vom Strick­pullover ins Hemd, „Herrengarderobe für Herrn Khuon bitte zur Hofseite“ fordert Ul­big über Lautsprecher an.

Der Inspizient ist nicht nur so etwas wie die Vertretung des Regisseurs, der oft genug nach der Premiere nicht mehr anwesend ist, er ist auch das Bindeglied zwischen den Künstlern und den Technikern, muss bei­den Seiten gerecht werden, manchmal ver­mitteln.

20:52 Jason hat einen erneuten Wutaus­bruch und wirft den Wäscheständer etwas weiter über die Bühne als geplant. Ulbig streckt den Kopf um zu sehen, wo er gelan­det ist, ob er die Drehbühne blockiert oder einen Bühnenzugang versperrt. „Alles okay“, nickt er.

21:06 Die erste Seite im Inspizientenbuch ohne Notizen oder Anweisungen

Seit 14 Spielzeiten ist Ulbig (50) inzwischen am DT, vorher arbeitete der gelernte Instal­lationsmechaniker am Dresdner Kulturpa­last, zuerst nebenberuflich als Chorsänger, später als Bühnenassistent, schließlich als Inspizient.

21:16 Ulbig schwenkt eine der vier Kame­ras, die er von seinem Pult aus kontrollieren kann, über das Publikum im Saal: „Gegan­gen ist jedenfalls noch keiner.“

21:20 Als Jason und die Kinder rausgehen, bleibt das mittlere Bühnentor einen Mo­ment zu lange offen. „Mach das Ding zu“, zischt Ulbig – mehr zu sich selbst als zu dem Verantwortlichen.

In Notfällen – wie bei einem Bühnenunfall oder Feuer – ist der Inspizient derjenige, der mitentscheidet, ob eine Vorstellung unter­brochen oder gar abgebrochen werden muss. Ulbig selbst hatte in 25 Inspizienten­jahren „noch keinen einzigen Abbruch – toi, toi, toi.“

21:30 Während Medeas Schlussmonolog versammelt Ulbig alle Schauspieler hinter der Bühne „Noch fünf Minuten bis zum Stückschluss, alle Kollegen bitte zum Schlussapplaus bereithalten.“

21:37 Die Bühne liegt im Dunkeln. Ulbig wartet und gibt dann – „Hau rein!“ – die An­weisung, das Licht zum Schlussapplaus an­zuschalten.

Als die Schauspieler sich zieren, noch ein drittes Mal rauszugehen, schickt Ulbig sie mit einem „Ach kommt, seid so lieb, geht, geht, geht! Das Bier gibt’s später“. Über 530 Zuschauer, vier Minuten Applaus, er ist zu­frieden.

21:41 „Die Vorstellung ,Das Goldene Vließ’ im Deutschen Theater ist zu Ende. Ich be­ danke mich bei den Kollegen und wünsche allen einen guten Heimweg.“

Text: Christoph Koch
Erschienen in: DT Magazin



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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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