Dr. Porn – Interview mit der Hausärztin der Sexfilmbranche

Geschrieben von am 09/12/2009 in Neon mit 0 Kommentare

Sharon Mitchell, 53, arbeitete 20 Jahre als Pornodarstellerin, bevor ein verrückter „Fan“ sie beinahe umbrachte. Sie hörte auf, Pornos zu drehen und Heroin zu spritzen und studierte Sexualwissenschaft. Mit ihrer Organisation AIM (Adult Industry Medical Healthcare Foundation) hilft sie heute Tausenden von Sexarbeitern im Porno-Tal San Fernando Valley – doch nun macht die Angst vor einer neuen HIV-Epidemie in der Branche die Runde.

Dr. Mitchell, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Pornodreh? Natürlich!

1975 in New York – ich war ein katholisches Mädchen vom Land. Ich saß rittlings auf diesem Mann und sagte »Oh ja, bitte … komm in mir!« – »Cut!«, schrie der Regisseur – »Schätzchen, das hier ist ein Porno, da spritzen wir auf die Leute … damit man es sehen kann!«

Wie sind Sie in der Branche gelandet?

Ich arbeitete als Model und als Schauspielerin. Die Mafia kontrollierte damals das Pornobusiness und fragte meine Agentin, ob sie ihnen nicht »normale« Schauspieler vermitteln könne. Damals kostete ein Film noch 300 000 Dollar, es gab Proben, Kostüme und Drehbücher. Es dauerte fast zwei Jahre, bis mein erster Pornofilm anlief – in richtigen Kinos. Ich arbeitete weiter in meinen regulären Jobs, aber als der Film erschien, wurde ich gefeuert. »Na gut, drehst du eben weiter Pornos«, dachte ich mir. Es war eine angenehme Art zu leben. Ich hatte Spaß am Sex und wurde gut bezahlt.

Und so ging es die nächsten 21 Jahre weiter?

Ja – aber wenn ich ehrlich bin, waren es zehn zu viel. In den 80ern zog die ganze Branche nach Kalifornien, statt auf Film wurde mit Videokameras gedreht, und aus den dreißig Darstellern in New York wurden 300.

"Ich habe meinen Beruf immer gemocht": Die ehemalige Pornodarstellerin und heutige Ärztin Sharon Mitchell

"Ich habe meinen Beruf immer gemocht": Die ehemalige Pornodarstellerin und heutige Ärztin Sharon Mitchell

Inzwischen hat sich die Zahl der Darsteller noch einmal verzehnfacht, und statt ein paar Filzläusen geht es heute um Aids. Wie hat das die Szene verändert?

Sehr. Anfangs haben alle den Gedanken an Aids beiseitegeschoben, aber als ich 1998 meine Hilfsorganisation AIM gründete, entwickelten wir ein neues System: Statt alle paar Jahre nach Infizierten zu suchen, wenn wieder ein HIV-Fall bekannt wurde, beschlossen wir, dauerhaft nachzuweisen, wer negativ ist. Es gibt Tests, die nach 48 Stunden ein Ergebnis liefern. Wir haben eingeführt, dass jede Firma von den Darstellern einen negativen Test verlangt, der jünger als dreißig Tage ist.

Dreißig Tage, in denen man sich trotzdem anstecken und das Virus verbreiten kann.

Das ist richtig. Aber die Chancen, es weiterzugeben, sind durch die Kontrollen deutlich geringer – und wenn es passiert, können wir nachvollziehen, wer mit dem Infizierten in der Zeit gedreht hat, denn darüber führen wir Buch. So können wir eine Epidemie verhindern.

2004 gab es den letzten HIV-Skandal im Valley, damals ruhte die Produktion offiziell für einen Monat. Danach war jahrelang Ruhe – bis diesen Juni erneut eine Darstellerin positiv getestet wurde. Was ist seitdem passiert?

Ich habe seitdem viel Zeit mit Anwälten verbracht. AIM und mir wird unterstellt, wir hätte Testergebnisse unterschlagen und nicht mit den Behörden zusammengearbeitet. Dabei ist das Gegen teil der Fall. Es gibt tatsächlich eine Darstellerin die sich – außerhalb der Branche wohlgemerkt – angesteckt hat. Wir haben diesen Fall ordnungsgemäß gemeldet und sofort alle Darsteller über prüft, mit denen sie gedreht hatte. Die se Tests kamen zum Glück alle negativ zurück. Trotzdem haben wir allen Betroffenen eine Drehpause verordnet.

Aber das Los Angeles Health Department hatte verkündet, es gäbe achtzehn von AIM dokumentierte Ansteckungsfälle.

Das ist korrekt – allerdings handelt es sich bei diesen achtzehn Infektionen seit 2004 ausschließlich um Leute, die nicht im Pornobusiness arbeiten. Jeder kann sich bei uns testen lassen. Zu uns kommen auch Stripperinnen, Prostituierte – aber auch Privatleute, die ein aktives Sexleben haben. Aber das Gesundheitsamt hat etwas ganz anderes im Sinn …

Was denn?

Die Pornoindustrie ist den Politikern schon lange ein Dorn im Auge. Sie wollen das Geschäft weghaben aus ihrem Vorgarten. Sie haben deshalb unsere kompletten Unterlagen verlangt, um an die Adressen all der kleinen Pornofirmen heranzukommen und sie dichtzumachen. Oder zumindest viel strengere gesetzliche Regelungen zu erlassen.

Wäre das so schlimm? Zur Zeit sind die HIV-Tests eine freiwillige Selbstverpflichtung. Was spricht dagegen, das gesetzlich zu regeln?

Ich habe 21 Jahre in der Branche gearbeitet und arbeite seit zwölf Jahren für sie. Diese Leute sind ein spezieller Menschenschlag. Wenn Sie da mit Gesetzen und Amtsärzten kommen, gehen wieder alle in den Untergrund. Das wird viel gefährlicher als jetzt, wo 98 Prozent aller Firmen und Darsteller mit uns kooperieren. Sie geben uns freiwillig einmal im Monat eine Blutprobe und die Namen aller Leute, mit denen sie gedreht haben. Das würde mit dem Gesundheitsamt niemals klappen.

Was bietet AIM außer HIV-Tests an?

Als ich anfing, stellten wir bei zwölf Prozent aller Darsteller eine Geschlechtskrankheit fest. Heute sind wir bei 1,9 Prozent. Vor allem bieten wir aber auch psychische Beratung an.

Was sagen Sie Neuankömmlingen?

Wir schärfen vor allem den Frauen immer wieder ein: Macht nur das, worauf ihr wirklich Lust habt! Probiert neue Praktiken nie zum ersten Mal vor der Kamera aus, immer zu Hause. Ich finde, jeder Mensch hat das Recht, mit seiner Sexualität Geld zu verdienen, wenn er das möchte. Aber es muss eine selbstbestimmte Entscheidung sein – deshalb ist Aufklärung wichtig. Den Neulingen, die hier aus dem Bus steigen, erkläre ich auch, dass ein Pornojob etwas ist, das ihnen ein Leben lang nachhängt. Die müssen wissen, dass die Familie es mit Sicherheit erfährt. Sie denken, ihre Heimatstadt sei weit weg – aber Onkel Louie in Idaho wird der Erste sein, der sie in einem Film sieht.

Wie hat Ihre eigene Familie reagiert?

Ungefähr zwei Jahre nach meinem ersten Film hatten wir ein großes Osteressen. Es war tatsächlich mein Onkel, der mich zur Rede stellte: Ich sei nackt im »Hustler«-Magazin zu sehen. Dort stünde auch, dass ich Sexfilme drehe. Bevor ich mich rechtfertigen konnte, stand meine Großmutter auf und sagte zu ihm: »Wenn du dir nicht zu solchen Heften einen runterholen würdest, hättest du doch auch nie deine Nichte darin entdeckt. Also spar dir die Moralpredigt. « Danach war Ruhe.

Sie haben fast Ihre ganze Pornokarriere über Heroin konsumiert – wie kam es dazu?

(lacht) Kokain, Heroin … Ich habe vermutlich mehr Drogen genommen, als sich die meisten Menschen gedanklich überhaupt vorstellen können. Mein Vater war ein extrem gutaussehender Trinker, eine wandelnde Werbung für Alkohol. Also habe ich mir schon als Kind Drinks genehmigt. Als Teenager nahm ich die Schmerztabletten meiner Mutter. Und als ich in den 70ern nach New York ging, gehörten Drogen in der Szene zum Alltag.

Warum werden in dieser Branche so viele Drogen konsumiert?

Ich habe meinen Beruf immer gemocht. Aber die Wahrheit ist: Es laugt einen körperlich und mental aus. Einerseits war ich ein Star, ging auf Reisen, schrieb Autogramme. Aber es gab immer Momente, in denen ich merkte: Du bist nur dafür berühmt, die Beine breit zu machen. Ich wurde älter – und das machte mir zu schaffen. Der Beruf hat mich sicher nicht zum Junkie gemacht. Aber er macht es einem sehr leicht, einer zu werden.

Wann wussten Sie, dass Sie mit den Drogen aufhören müssen?

Am 23. März 1996 war ich pleite. Ich gab 300 Dollar am Tag für Drogen aus, wurde aber immer seltener für Filme gebucht. Ich war nie gut als Nutte – ich habe es zweimal probiert. Das Geld für meinen Fix besorgte ich mir also in einer kleinen dreckigen Stripbar. Eines Abends war ein Typ im Publikum, der mich aus meinen Filmen kannte.

Nach zwanzig Jahren sicher keine neue Erfahrung, oder?

Man trifft in dem Job dauernd Verrückte, also dachte ich mir nicht viel dabei. Aber er ließ nicht locker. Ich sei der Teufel, Jesus habe ihm befohlen, mich zu töten und so weiter. Als ich später mit meinem frisch gekauften Heroin nach Hause kam, war er mir gefolgt. Er stieß mich in meine Wohnung und vergewaltigte mich. Ich verlor dabei neun Zähne, er zerquetschte mir die Kehle, biss mir ganze Fleischstücke aus meinem Gesicht.

Wie endete diese Tortur?

Später erfuhr ich, dass es genau dreizehn Minuten gedauert hatte. Mir kam es vor wie Stunden. Ich verlor mehrmals das Bewusstsein – irgendwann rollte ich mich zur Seite und griff eine 5-Kilo-Hantel, die unter meinem Bett lag. Ich hatte lange nicht mehr mit Gott gesprochen, aber jetzt bat ich ihn um Hilfe. Ich knockte den Kerl mit der Hantel aus.

Was ist mit Ihrem Angreifer passiert?

Es kam heraus, dass er bereits zwei andere Frauen getötet hatte. Er sitzt wohl immer noch im Gefängnis. Ich weiß nicht mehr, wie viele Operationen nötig waren, um mich wieder zusammenzuflicken. Aber es lag nicht an meinem Beruf, dass ich beinahe ermordet worden wäre – es lag daran, dass ich ein Junkie war. Sonst wäre ich nie in diesem Drecksschuppen aufgetreten und wäre zweitens nicht gierig nach meinem Fix diesem Irren in die Arme gerannt.

Danach änderten Sie Ihr Leben?

So schlimm dieser Angriff war, er hat mir den Anstoß gegeben, aus meinem Trott herauszukommen. Ich war Jahre durchs Leben gegangen, immer mit dem Wunsch, es im selben Moment zu vergessen. Aber ich hörte nicht mit den Filmen auf, ich wollte nicht alleine sein. Nun hatte ich die Kraft für einen Entzug, studierte Sexualwissenschaft und gründete später AIM.

In dem Dokumentarfilm »9 to 5 – Days in Porn« sagen Sie, dass es drei echte Gründe gibt, warum Menschen in der Pornobranche arbeiten: Sucht nach Sex, nach Geld oder nach Ruhm. Was war es bei Ihnen?

Ohne Zweifel der Ruhm. Das ist leider die Sucht, die einen am verletzlichsten macht. Aber ich habe nie etwas getan, was ich nicht wollte. Ich habe zum Beispiel nie Analszenen gedreht – und trotzdem verkaufen sie meinen Kram dreißig Jahre später immer noch. Ich bin wie ein wertvoller Oldtimer.

Ist es heute immer noch so einfach, sich im Pornobusiness selbst treu zu bleiben?

Ich sehe, wie sich die Industrie verändert – auch durch das Internet. Früher haben wir drei Wochen gedreht und davon hatte man vielleicht an zwei Tagen Sex – wurde aber auch für alle anderen bezahlt. Wenn ich meine Tage hatte, fuhr ich eine Woche in Urlaub. Heute kann sich das niemand mehr leisten. Da wird derselbe Film an einem Tag runtergekurbelt.

Was hat sich in der Industrie noch geändert?

Früher konnte man sich seine Partner aussuchen, heute läuft das alles über Agenten, die mich eher an Zuhälter erinnern. Die schicken dich drei Monate jeden Tag zu einer anderen Firma, und wenn alle dich einmal hatten, heißt es, du wärst überpräsent. Niemand bucht dich mehr. Außer, du machst krassere Sachen.

Stimmt es, dass die Filme immer brutaler werden?

Es geht gerade wieder zurück. Vor ein paar Jahren sagte ich mir: »Abgesehen davon, einer Frau einen Güterzug in den Hintern rasen zu lassen, haben sie jetzt wirklich alles gemacht«. Inzwischen wollen die Konsumenten wieder mehr Erotik und Sex – weniger Würgemale und Frauen, denen Tränen über das Gesicht laufen.

An der Tür Ihres Büros hängt ein Schild: »Frauen, die sich gut benehmen, machen selten Geschichte«. Sehen Sie sich als Feministin?

Ja, schon immer. Auch wenn es viele Feministinnen gibt, die strikt gegen Pornografie sind. Ich war geschockt, als ich das in den 70ern zum ersten Mal erlebte. Wir Frauen in der Branche sahen uns damals als aufgeklärt und frei – und plötzlich wollte uns jemand erklären, wir würden ausgebeutet und Pornografie sei frauenfeindlich. Ich konnte das nicht verstehen. Ich hatte doch die Kontrolle, niemand hielt mir eine Knarre an den Kopf. Ich wurde nie benutzt – vielleicht hatte ich aber auch einfach Glück.

Sharon Mitchell, geboren 1956 in New Jersey, spielte von den späten 70ern bis zu den frühen 90ern in mehr als 2000 Pornofilmen mit (von »Sexcapades« bis »69 Pump Street«), gewann »jede Auszeichnung, die die Branche zu vergeben hat«, und führte bei 38 Filmen selbst Regie. 1998 machte sie ihren Doktor in Sexualwissenschaft an einer Privatuniversität in San Francisco und gründete die Organisation AIM (Adult Industry Medical Healthcare Foundation), die heute tausenden von Sexarbeitern im San Fernando Valley hilft. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei Hirtenhunden, einer Katze und einem Ara in einem Dorf nördlich von L.A.

Interview: Christoph Koch
Foto: AIM
Erschienen in:
NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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