„Brainstorming bringt nichts“: Interview mit Kreativitätsguru Edward de Bono

Geschrieben von am 28/10/2009 in FTD mit 1 Kommentar

Wer neue Ideen entwickeln will, muss methodisch vorgehen, sagt Kreativitätsforscher Edward de Bono. Sein Credo: Umdenken gelingt nur durch Provokation.

Wenn eine Firma neue Ideen braucht, sagt der Chef: „Lasst uns doch mal brainstormen!“ Ist das Ihrer Meinung nach ein guter Ansatz?

Nein, das ist nutzlos. „Brainstorming“ bedeutet nur, dass jeder ohne Einschränkung sagen kann, was ihm durch den Kopf geht. Aber das reicht nicht. Wenn man einem Gefangenen die Fesseln durchschneidet und eine Geige hinhält, ist er zwar frei – so wie die Teilnehmer eines Brainstormings -, aber er kann noch lange nicht Geige spielen. Das muss er erst lernen, genauso wie man Kreativität lernen muss.

Was ist für Sie Kreativität? Eine Eigenschaft oder eine Technik?

Ich unterscheide zwischen künstlerischer Kreativität und denkerischer Kreativität. Wenn etwa Schulen sagen, sie fördern die Kreativität der Kinder, meinen sie meistens, dass die Kinder ein bisschen singen und tanzen. Das ist schön, aber so entstehen keine Ideen. Deshalb habe ich Techniken entwickelt, mit der jeder lernen kann, Ideen zu haben. Manche besser als andere, so wie manche besser Tennis spielen können als andere. Aber lernen kann es jeder.

Brauchen wir einen anderen Kreativitätsunterricht in Schulen?

Allerdings. Kreativität ist kein mysteriöses angeborenes Talent. Bei einem meiner Workshops in einer Stahlfirma in Südafrika entstanden innerhalb eines Nachmittags 21 000 Ideen. Wenn man 21 000-mal auf einen zufälligen Musenkuss warten muss, ist man lang beschäftigt. Daher ist es wichtig, schon Kindern beizubringen, wie man denkt. China führt mit meinen Methoden gerade ein Pilotprojekt in fünf Provinzen durch. Vielleicht werden meine Techniken bald in 680 000 chinesischen Schulen unterrichtet. Und wenn China erst mal anfängt, kreativ zu denken, dann packen wir besser alle unsere Trachtenkleidung aus. Denn dann wird der Rest der Welt nichts anderes mehr sein als ein Urlaubsort für Chinesen.

Rote Socke: Edward de Bono weiß, dass man von einem Kreativitäts-Forscher auch ausgeflippte Kleidung erwartet

Rote Socke: Edward de Bono weiß, dass man von einem Kreativitäts-Forscher auch ausgeflippte Kleidung erwartet

Warum sind wir so schlecht im kreativen Denken?

Unsere Kultur ist gut, wenn es darum geht, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Das ist geeignet für die Naturwissenschaften, für Ingenieure. Aber um neue Ideen zu haben ist unsere Art des Denkens zu logisch.

Sie fordern in Ihrem Konzept des „Lateralen Denkens“ indirekte Denkpfade statt Logik. Ist dieses „thinking outside the box“ nicht längst ein Klischee der Management-Ratgeberliteratur?

Ich halte nichts von diesem Begriff: Denn er tut ja so, als sei das, was „in der Box“ ist, schlecht und falsch. Das stimmt gar nicht. Vieles, was in der Box gedacht wird, ist vollkommen richtig und ausreichend, um Probleme zu lösen. Aber wenn wir nach vorne gehen und die Zukunft gestalten wollen, müssen wir das Flussbett verlassen, das nach und nach in unseren Köpfen entsteht.

Das Flussbett?

Unser Gehirn neigt dazu, an gewohntem festzuhalten. Wie Wasser, das sich einmal eine Bahn sucht und dann diese Bahn immer weiter zu einem Bach und einem Fluss ausspült. Das ist gut, das ist effizient, aber wenn man das Wasser in andere Bahnen lenken will, wird es immer schwieriger. In meiner Denkschule gelingt das durch gezielte Provokation. Diese Provokation erhält man, wenn man etwa scheinbar völlig unmögliche Dinge fordert.

Wie zum Beispiel?

Nehmen Sie die Wirtschaftskrise. Ein Problem waren die immer weiter fallenden Immobilienpreise. Niemand kaufte, da alle dachten, es würde noch billiger werden. Also wurde es das auch. Diesen selbstverstärkenden Kreislauf hätte man durchbrechen können, indem man einen Vertrag aufgesetzt hätte, den ich „de-Bono-Vertrag“ nenne. Ich verkaufe Ihnen heute mein Haus zu einem festgelegten Preis. Gleichzeitig garantiere ich Ihnen, dass, falls die Immobilienpreise im nächsten Jahr um 20 Prozent fallen, ich Ihnen diese 20 Prozent erstatte.

Ein ziemliches Risiko für den Verkäufer …

Ja, aber durch diese Garantie hätte niemand einen Grund, mit dem Kauf zu warten. Und wenn niemand mehr wartet, verfallen die Preise auch nicht weiter. Ein anderes Beispiel: Vor einigen Jahren war ich beim Umweltministerium von Kalifornien eingeladen, der Staat hatte Probleme mit verschmutzten Flüssen: Oben verschmutzt eine Fabrik das Wasser, flussabwärts leiden die Menschen. Meine Provokation war: „Jede Fabrik muss flussabwärts von sich selbst sein.“

Wie soll das gehen?

Indem man gesetzlich vorschreibt, dass jede Fabrik ihr Abwasser flussaufwärts ihres eigenen Standorts einzuleiten hat. Auf diesem Weg leiden die Betreiber der Fabrik selbst, wenn sie das Wasser verschmutzen – und werden sich darum um bessere Filteranlagen bemühen.

Wie verändert das Internet das kreative Denken?

Momentan ist das Internet vor allem eine immer größer werdende Menge an Informationen. Diese Masse an Daten in neue Ideen umzuwandeln wird eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre sein. Soziale Netzwerke wie Facebook sind da sehr wertvoll, vielleicht das wertvollste, was es im Internet derzeit gibt. Aber wir müssen noch viel weiter gehen. Ich will zum Beispiel auf meiner Website Debonosociety.com Menschen zusammenbringen, die Freude am Denken und am Lösen von Problemen haben. Meine Kreativitätskonzepte wie die sechs Denkhüte lassen sich auch hervorragend auf Herausforderungen der Onlinewelt übertragen.

Was hat es mit den sechs Denkhüten auf sich?

Die sechs Hüte symbolisieren unterschiedliche Rollen, die jeder Diskussionsteilnehmer für eine Weile einnimmt. Wer den weißen Hut aufhat, kümmert sich zum Beispiel nur um die Fakten. Der rote Hut setzt voll auf Emotionen, der schwarze ist überkritisch, der gelbe sehr positiv und enthusiastisch. Der grüne Hut ist für Überraschungen und Provokationen zuständig. Und der blaue Hut leitet die Diskussion – nach einer Weile werden die Hüte reihum getauscht. So legt man die unterschiedlichen Facetten einer Situation offen, statt stundenlang ziellos zu diskutieren und auf seiner ursprünglichen Position zu verharren. Auf diese Weise entstehen neue Ideen. Inzwischen wird in zahlreichen Firmen mit dieser Methode gearbeitet, in Deutschland etwa bei Siemens, Bosch und OBI.

Und wenn jemand diese Art von Rollenspielen albern findet?

Das ist natürlich sein gutes Recht. Aber es ist nicht einfach, gute Ideen zu haben, wie viele Menschen denken. Denn das Kuriose an Ideen ist ja: Wenn man einmal drauf gekommen ist, erscheinen sie einem im Nachhinein ganz logisch. Und man versteht nicht, wie man es vorher nicht sehen konnte. Humor funktioniert oft ganz ähnlich. Soll ich es Ihnen mit einem Witz beweisen?

Gern.

Ein alter Mann kommt in die Hölle. Dort sieht er einen ebenfalls grauhaarigen Freund, der kürzlich gestorben ist, mit einer jungen attraktiven Frau auf dem Schoß sitzen. „Bist du sicher, dass das hier die Hölle ist?“, fragt der Neuankömmling seinen Freund. „Du siehst eigentlich ganz zufrieden aus.“ Antwortet sein Freund: „Ganz sicher ist das hier die Hölle – ich bin nämlich ihre Strafe.“

„Think! Denken, bevor es zu spät ist“ heißt Edward de Bonos neues Buch. Es erscheint Mitte November im MVG-Verlag.

Interview: Christoph Koch
Foto: Felix Brüggemann
Erschienen in: FTD

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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