Wie viele Opfer muss man für die Liebe bringen? Ein Interview

Geschrieben von am 17/08/2009 in Neon mit 0 Kommentare

»Wir müssen zum Scheitern stehen«: US-Professor Josh Gidding darüber, wie viel Opfer man in einer Beziehung bringen sollte – und warum es so schwierig ist, es sich einzugestehen, wenn die Liebe am Ende ist.

Warum fällt es uns so schwer, über das Scheitern zu sprechen?

Weil wir besessen sind vom Erfolg. Erfolg ist das zentrale Element in unserer Gesellschaft. Wir wollen nicht mal, dass uns die Menschen um uns herum von ihrem Scheitern berichten. Wenn uns jemand erzählt, dass es bei ihm im Bett nicht mehr klappt oder er seine Eltern in ein Altenheim abgeschoben hat, dann wird uns das schnell unangenehm. »Ah, zu viele Informationen «, sagen wir dann. Das Scheitern anderer Menschen erinnert uns stets auch an unser eigenes Versagen.

Zu viele Opfer für die Liebe zu bringen, ist schlecht - sagt Josh Gidding

Zu viele Opfer für die Liebe zu bringen, ist schlecht - sagt Josh Gidding

Trotzdem haben Sie ein Buch über das Scheitern geschrieben. Über Ihr Scheitern in der Schule, Ihr Scheitern als Freund, als Schriftsteller – aber auch als Ehemann.

Die Tatsache, dass Scheitern für uns so ein Tabuthema ist, hat mich gerade gereizt. Viele halten mich deswegen für einen Masochisten, der im eigenen Versagen und der eigenen Scham da rüber badet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ich glaube, wenn wir unser Scheitern verheimlichen, wenn wir Dinge unter den Teppich kehren, dann hat das einen Grund: Sie sind uns wichtig. Sonst würden wir die Mühe, sie zu kaschieren, gar nicht auf uns nehmen.

Und warum ist es für uns so viel schwieriger, uns das Scheitern einer Beziehung einzugestehen als in anderen Bereichen, in denen wir vielleicht vorübergehend auch keinen Erfolg haben, wie in der Schule oder dem Beruf?

Weil wir Angst haben, alleine zu sein. Ich beobachte das zurzeit an meinem Sohn, der gerade an der Uni ist. Keine Beziehung – oder nicht mal einen Sexpartner – zu haben, ist ein ungeheures Stigma. Etwas, das uns verunsichert, weil ja scheinbar alle anderen um uns herum es hinbekommen. Wenn also unsere Beziehung scheitert, gibt uns das erst mal das Gefühl, versagt zu haben – Ausschussware zu sein. Wir wollen uns die Fragen, die das Scheitern bringt, gerne ersparen: Was habe ich falsch gemacht? Warum hat mich der andere nicht geliebt? Warum habe ich ihn nicht genug geliebt?

Bleiben viele Menschen deshalb in Beziehungen, in denen sie eigentlich nicht glücklich sind, nur um sich das Scheitern nicht einzugestehen?

Definitiv. So viel von dem, was wir tun, ist von Angst getrieben. In diesem Fall von der Angst vor Einsamkeit und zu vielen Fragen. Deshalb verpassen wir dann oft die Möglichkeit zu wachsen und bleiben stattdessen in einer Beziehung, in der wir nur unsere Zeit verschwenden.

Also sofort eine SMS schicken und Schlösser austauschen?

(lacht) Nun ja. Es ist ja auch mal wichtig, Zeit zu verschwenden. Um wertschätzen zu können, wie gut es sich anfühlt, wenn man sie nicht verschwendet. Aber es muss uns klar sein, dass die Welt nicht untergeht, nur weil wir noch nicht die Frau oder den Mann unseres Lebens gefunden haben. Wenn wir zugeben, dass unsere Beziehung nicht funktioniert und wir sie beenden, dann gestehen wir eine Niederlage ein. Aber das müssen wir auch ab und zu, Schwäche ist genauso wichtig wie Stärke.

Giddings Buch über das Scheitern - Im Job, in der Liebe, als Sohn, als Freund

Giddings Buch über das Scheitern - Im Job, in der Liebe, als Sohn, als Freund

Wenn man aber doch noch an die Beziehung glaubt: Wie sehr sollte man seine eigenen Bedürfnisse ausleben – und wann steckt man besser zurück?

So gern ich jetzt eine Lösung parat hätte: Ich denke, das muss man durch Herumprobieren herausfinden. Wenn man merkt, dass man für den anderen Dinge aufgibt, die einem wirklich wichtig sind, ist das kein gutes Zeichen. Man muss sich selbst zugestehen, sich auch mal seinem ureigenen Vergnügen und seinen Wünschen hinzugeben. In einer guten Beziehung ist man einander gegenüber nachsichtig.

Die romantische Vorstellung sieht doch vor, für die Liebe Opfer zu bringen. Und je größer die Opfer, desto größer die Liebe.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die in einer Beziehung zu viel opfern, genau das ihren Partnern am Ende übel nehmen. Weil sie nicht selbstlos handeln, sondern heimlich eben doch aufrechnen, was sie alles für den anderen getan oder aufgegeben haben. Und dann entweder enttäuscht sind, wenn sie nichts dafür zurückbekommen – oder den anderen unter Druck setzen.

»Für dich habe ich mit dem Motorradfahren aufgehört und mir die Haare abgeschnitten, jetzt musst du auch bereit sein, mit mir raus aufs Land zu meinen Eltern zu ziehen.«

Genau in diesem Stil. Ich weiß, dass ich genauso wäre, würde ich ständig Opfer bringen. Ich würde Buch führen. Ich denke, die meisten Menschen sind so. Das Konzept, in einer Beziehung nie egoistisch zu sein, ist grundverkehrt. Die Idee muss eher sein, uns gegenseitig in unserem selbstbezogenen Vergnügen zu unterstützen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, wie Sie Ihre krebskranke Frau – zumindest geistig – betrügen, indem Sie beinahe täglich mit einer Exfreundin chatten. Auch so ein selbstbezogenes Vergnügen?

Nein. Das ist die Sache in meinem Leben, für die ich mich am meisten schäme. Genau deshalb musste ich darüber schreiben. Ich war damals süchtig nach diesen kleinen täglichen Flirts – ich dachte sogar, sie stünden mir zu. Denn ich bemitleidete mich selbst stärker als meine Frau.

Ist die Ihnen auf die Schliche gekommen?

Ja, sehr bald. Sie merkte, dass ich ein anderer war und fragte mich eines Abends beim Essen: »Na, wer ist es?« Sie war sehr verletzt und bat mich, den Kontakt einzustellen. Aber ich konnte nicht, obwohl ich es ihr immer wieder versprach. Erst kurz bevor Diane starb, brach ich den Kontakt zu meiner Ex ab – da hatte mir meine Frau aber bereits vergeben. Was sehr großherzig war und meine Scham nur steigerte.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Ihre Ehe trotz dem eine glückliche war – weil Ihre Frau alle Ihre kleinen Schwächen und Macken kannte. Ist das wichtig für eine gute Beziehung?

Ich bin mir nicht sicher. Ich sehe das als eine gewisse Schwäche, aber auch als eine, die einem Freiheiten bringen kann. Wenn der andere meine Macken und meine Fehler kennt, dann muss ich sie nicht mehr verheimlichen. Dass ich bei all dieser Offenheit trotzdem niemanden verletzen darf, das habe ich durch meine Internetaffäre gelernt. Eine Lehre, die ich mir – aber vor allem meiner Frau – gern erspart hätte.

Was haben Sie von Diane über die Liebe gelernt?

Sie hat mir verraten, woran man die wahre Liebe erkennt: »Als wir uns kennen gelernt haben, hat es sich angefühlt, wie nach Hause zu kommen.« Das ist ein hervorragender Test für eine funktionierende Beziehung: Wie fühlt es sich an, nach Hause zu kommen? Was muss man, was darf man nur zu Hause? Die Geborgenheit, die Chance zur Schwäche, aber auch die Gefahr, all das Gute für selbstverständlich zu nehmen.

Joshua Gidding ist Englischprofessor am Dowling College in New York. Sein Buch über das Scheitern »Failure. An Autobiography« ist bisher nur auf Englisch erschienen.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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