Endlich verstehen: Wer wird Millionär?

Geschrieben von am 01/04/2009 in Neon mit 5 Kommentare

Im Film „Slumdog Millionaire“, der seit 19. März in den Kinos läuft, steht ein indischer Straßenjunge kurz davor, Fernsehmillionär zu werden. Hier wird verraten, wie man Günther Jauchs Wissens-Show am besten meistert.

„Dann müsste ich mich sehr einschränken“, soll Moderator Jauch einmal einer Schülerzeitung auf die Interviewfrage geantwortet haben, was er machen würde, wenn er eine Million Euro in einem Quiz gewinnen sollte. Seit fast zehn Jahren moderiert Spitzenverdiener Jauch auf RTL „Wer wird Millionär“, derzeit immer montags und freitags. Die Einschaltquoten sind nicht mehr so sensationell wie zu Beginn, aber im Gegensatz zu anderen Ländern, wo die Sendung bereits wieder abgesetzt wurde, nach wie vor überdurchschnittlich – nicht zuletzt wegen des Publikumslieblings Jauch. Rund sieben Millionen deutsche Zuschauer sehen pro Sendung zu. Millionäre hat die Show deutlich weniger hervorgebracht: Zwei Kandidaten durften jeweils eine Million Mark mit nach Hause nehmen; seit der Euroeinführung gab es insgesamt sechs Gewinner, die alle fünfzehn Fragen korrekt beantworteten.

Oscar-Abräumer: Slumdog Millionaire von Danny Boyle

Oscar-Abräumer: „Slumdog Millionaire“ von Regisseur Danny Boyle

So viel Geld führt selbstverständlich in Versuchung – in England wurde beispielsweise 2003 eine Ehefrau für schuldig befunden, gemeinsam mit einem Komplizen ihren Ehemann durch Hustsignale in der Sendung zur Million geschummelt zu haben. Strafe für alle drei: zwei Jahre Haft auf Bewährung. Auch die Hauptfigur Yet Jamal Malik wird in „Slumdog Millionaire“ des Betrugs beschuldigt. Denn ein Straßenjunge könne unmöglich so viel wissen – so die Logik der Polizei. Durch Rückblenden wird dann jedoch klar, dass es bizarre Zufälle waren, die den Straßenjungen aus Mumbai auf seinem Lebensweg mit allen korrekten Antworten zu den verschiedenen Wissensfragen konfrontierte.

Wer wird Fantastilliardär?

Das Format „Who Wants To Be A Millionaire?“ wurde seit 1998 aus England in über hundert Länder exportiert. In der Türkei hieß die Sendung früher wegen der inflationären Währung übersetzt „Wer will 500 Milliarden?“ In Nigeria muss man Rubbellose kaufen, um die Teilnahme gewinnen zu können (In Deutschland kann man sich per Telefon oder Internet bewerben – wobei es weniger darauf ankommt gebildet, als vielmehr extrem unterhaltsam rüberzukommen). Und die USA wären nicht die USA, wenn sie nicht den Zehn-Millionen-Ableger „Who Wants To Be A Super Millionaire?“ hervorgebracht und in der letzten Staffel mit Erfindungen wie „Fragen Sie den Experten“ per Videotelefonie experimentiert hätten.

Auch in Deutschland leistet man sich seit dem vergangenen Jahr Neuerungen: Normalerweise gibt es bei der 500- und 16000-Euro-Frage sogenannte Sicherheitsstufen – diese Beträge bleiben dem Kandidaten erhalten, auch wenn er danach eine Frage falsch beantwortet. Will ein Kandidat nun nach der neuen „Risiko-Spielweise“ antreten, verzichtet er auf die Sicherheitsstufe bei 16000 Euro und erhält dafür einen zusätzlichen Publikumsjoker: Alle diejenigen im Aufzeichnungssaal in Köln-Hürth, die glauben, die Antwort zu wissen, stehen auf – und der Kandidat darf einen davon um Rat fragen. Allen Kandidaten steht es seit der Regeländerung außerdem frei, statt des vorher festgelegten Bekannten einen per Zufallsgenerator ausgewählten Teilnehmer in Deutschland anzurufen und um Rat zu fragen. Da der Wohnort der angerufenen Person festgelegt werden darf, kann dieser „Erweiterte Telefonjoker“ vor allem bei regionalen Fragen hilfreich sein.

Böse Russen, kluge Massen

Die diversen Joker der Sendung haben es mittlerweile sogar in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft: „Publikumsjoker“ steht ebenso im Duden wie „Fifty-fifty-Joker“, und wer witzig – wenn auch nicht gerade originell – sein will, fragt sein Gegenüber: „Oder willst du jemanden anrufen?“, sobald dieser auf eine Frage nicht prompt reagiert.

Doch welchen Joker wann einsetzen? In Russland gilt: Nie das Publikum fragen! Denn hier hat sich die Tradition eingebürgert, dass das Publikum absichtlich falsche Antworten gibt, um dem Kandidaten zu schaden. Im Rest der Welt hat der Publikumsjoker mit rund 91 Prozent eine viel höhere Verlässlichkeit als der Anrufjoker, bei dem laut dem Buch „ Die Weisheit der Vielen: Warum Gruppen klüger sind als Einzelne“ von James Surowiecki nur 65 Prozent aller Antworten richtig waren. Deshalb sollte man also – anders als die meisten Kandidaten es tun – immer zuerst den Experten zuhause und bei den wirklich kniffligen Fragen das Publikum befragen. Wahre Könner heben sich den Telefonjoker natürlich für die letzte Frage auf. Denn so kann man – wie der Amerikaner John Carpenter es 1999 tat – seinen Vater anrufen und so was sagen wie: „Dad, ich habe gerade eine Million Dollar gewonnen – denn ich weiß die Antwort auf die entscheidende Frage. Ich ruf nachher noch mal an!“

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON
Foto: Verleih

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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5 Leserkommentare

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  1. 6 vor 9: Einpeitscher, Mehdorn, Nutzungsrechte » medienlese.com | 02/04/2009
  1. Admiral Golowko sagt:

    „In Russland gilt: Nie das Publikum fragen! Denn hier hat sich die Tradition eingebürgert, dass das Publikum absichtlich falsche Antworten gibt, um dem Kandidaten zu schaden“

    Hm, interessant…aber gibt es hierfür einen Beleg bzw. eine Quelle?

    Und: (mal angenommen die Aussage trifft zu) warum gilt eigentlich „Die Weisheit der Vielen“ ausgerechnet in Russland nicht ?!

  2. christophkoch sagt:

    Lieber Admiral,

    die Quelle gibt es: „A million reasons to be nervous“, Daily Telegraph, Sydney, vom 20.5.2004. Warum das so ist, bzw woher es sich entwickelt hat, wird dort allerdings auch nicht erklärt.

    Und es heißt ja auch nicht, dass die Weisheit der Vielen in Russland nicht gilt. Sondern nur, dass die dort (aus Spaß, aus Missgunst, aus welchen Gründen auch immer), keine Lust haben, ihr Wissen mit dem Kandidaten zu teilen, sondern ihn lieber in die Irre führen.

    Viele Grüße,

    CK

  3. Josko sagt:

    „Rubellose“ ist ein hübsches Wort. Woran kann man damit in Nigeria teilnehmen? In Russland am Publikumsjoker? Die korrekte Währung in Nigeria ist aber der Naira.

    Josko

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