Endlich verstehen: Die Druckermafia

Geschrieben von am 05/12/2008 in Neon mit 0 Kommentare

Nachfülltinte ist teurer als Champagner. Wie kann das sein? Und warum schreit das Gerät öfter nach NEUEM TONER als ein Säugling nach der Flasche?

Was braucht man fast jeden Tag, und es kostet trotzdem oft mehr als 2000 Euro pro Liter? Nein, weder edles Parfum noch ein komplexes Medikament – sondern Druckertinte. Und während die Geräte immer billiger werden, hat man das Gefühl, dass die Abstände, in denen der Drucker einen auffordert, ins Portemonnaie zu greifen und eine neue Patrone zu kaufen, immer kürzer werden. Bei den Laserdruckern sieht das Problem ähnlich aus, auch wenn man hier statt Tintenpatronen Tonerkartuschen nachkaufen muss: Inzwischen gibt es Lasergeräte für unter hundert Euro. Doch eine Toner-Cartridge dafür nachzukaufen, kostet über fünfzig Euro.

Alle Drucker stehen still …

Das Prinzip, das eigentliche Gerät günstig oder gar unter Wert zu verkaufen und dafür mit den regelmäßig fälligen Verschleiß teilen Geld zu verdienen, wurde vor über hundert Jahren von einem gewissen King Camp Gillette erfunden – und deshalb heute noch »Razor and Blades«-Modell genannt. Ähnliches betreiben die Mobilfunkbetreiber, die Handys für einen Euro hergeben, wenn man einen Zweijahresvertrag bei ihnen unterschreibt. Aber bei Computerdruckern werden die Benutzer besonders schamlos gemolken.

Je günstiger die Druckerhersteller ihre Geräte machen, desto mehr sind sie darauf angewiesen, viele teure Tintenpatronen und Toner kartuschen zu verkaufen. Immer mehr Drucker sind deshalb mit Frühwarnsystemen ausgestattet, die nicht mehr warten, bis dem Drucker die Farbe tatsächlich ausgeht, sondern den Besitzer schon vorher zum Kauf einer Nachfüllpackung schicken. Das ist einerseits praktisch und gut für Sicherheitsfanatiker, die keinesfalls in Sachen Tinte auf dem Trockenen sitzen wollen – andererseits entmündigend. Denn die meisten modernen Drucker weigern sich, nach dieser Warnung auch nur eine weitere Seite auszuspucken.

Doch wenn dein starker Arm es will …

In der Regel wäre noch mehr als genug Tinte oder Toner vorhanden, um weiterzudrucken. Das fand zumindest das britische Konsumentenmagazin »Which?« heraus. Tester hatten dort die Drucker mehrerer Hersteller so manipuliert, dass sie auch nach der Warnung und dem üblichen Totalstreik noch weiterdruckten. Bei Druckern der Marke Epson beispielsweise ließen sich danach noch siebzehn bis 38 Prozent mehr Seiten drucken, bis die Ausdrucke tatsächlich anfingen zu verblassen. Die Ergebnisse bei anderen Herstellern seien nicht anders ausgefallen, so die Verbraucherschützer.

Bei Laserdruckern liegt das Problem ähnlich: Auch hier quittieren die meisten den Dienst, sobald sie annehmen, der Toner ginge zur Neige. Wer das nicht akzeptieren will und sich im Internet auf die Suche begibt, landet schnell in Foren, in denen sich ähnlich frustrierte Druckerbesitzer austauschen. Zum Glück verraten sie auch Tipps, wie sie sich gegen die dunklen Machenschaften der Tintenindustrie zur Wehr gesetzt haben. Hunderte von Seiten hätten sie noch in allerbester Qualität gedruckt, bevor die Farbkraft tatsächlich nachgelassen habe, so die Berichte von verärgerten Nutzern.

Je nach Hersteller und Modell gibt es unterschiedliche Tricks. Der US-Technikjournalist Farhad Manjoo empfiehlt in einem Referenzartikel zur Druckerproblematik: »Googeln Sie einfach die Typenbezeichnung Ihres Druckers und die Begriffe „toner“, „override“, „billig“ und vielleicht „verlogene Bastarde“.« Bei manchen Druckern genügt es beispielsweise schon, sie für ein paar Minuten auszuschalten oder die Kartusche für eine Weile zu entfernen, damit das Gerät annimmt, es sei neu gefüttert worden, und seine Arbeit wieder klaglos verrichtet.

Bei anderen wiederum muss man sich in die hinterste Ecke der Menüsteuerung begeben, um auf Funktionen wie »Cartridge-Prüfung ausschalten« zu stoßen. Gute Ergebnisse lassen sich auch erzielen, indem man die Tonerkartusche herausnimmt und vorsichtig schüttelt. Besonders experimentierfreudige Geister haben auch herausgefunden, bei welchen Druckern man welche Sensoren zukleben oder mit Edding übermalen kann, um die Nichts-geht-mehr-Automatik auszuschalten.

… kaufst du eben einen neuen!

Laserdrucker sind dabei einfacher zu überlisten als Tintenstrahldrucker – und gleichzeitig risikoloser. Denn Epson und andere Druckerhersteller verteidigen ihre Politik: In den Tintenpatronen müsse immer noch ein Rest Tinte bleiben, da sonst der Druckkopf beschädigt werden könne. Wer einmal pro Monat Tintenpatronen kaufen geht, hält dies jedoch schnell für eine Ausflucht oder lästert wie einer der frustrierten Benutzer im Internet: »Und selbst wenn das Ding kaputtgeht, dann kaufe ich mir eben für ein paar Euro einen neuen Drucker.« Oder eine Flasche Champagner. Gemessen an den Preisen für Druckertinte kriegt man das Zeug ja geradezu geschenkt.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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