„Ich fühle mich nicht reich“ – Facebook-Gründer Mark Zuckerberg im Interview

Geschrieben von am 24/11/2008 in Süddeutsche mit 2 Kommentare

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg über Reichtum, den Wert seines Netzwerks und warum klassische Medien Auslaufmodelle sind.

Mister Zuckerberg, wie anderen Internetfirmen wird Facebook unterstellt, kein richtiges Erlösmodell vorweisen zu können. Machen Sie Profit?

Mark Zuckerberg: Es ist unser Ziel, Facebook in der ganzen Welt zu verbreiten. Wir haben 100 Millionen Nutzer. Das scheint viel zu sein, aber eigentlich ist es erst der Anfang. Es gibt Millionen, Milliarden anderer Menschen, die auch von Facebook profitieren können.

Sie haben bisher jedes Angebot abgelehnt, Ihre Firma zu verkaufen – abgesehen von den 1,6 Prozent, die sie Microsoft für 240 Millionen Dollar überlassen haben, was Facebook in der Theorie milliardenschwer macht. Wann realisieren sie diesen Wert und steigen aus?

Zuckerberg: Es wird noch viele lukrative Angebote geben. Für uns ist es erst einmal wichtig, an dem weiterzubauen, was wir begonnen haben. Ein wichtiger Schritt war, unsere Plattform zu öffnen. Jeder kann nun Anwendungen programmieren. Inzwischen gibt es so um 400000 Menschen, die kleine Programme für Facebook schreiben – es ist also eine erfolgreiche und nützliche Plattform. In Deutschland gibt es über 8000 Anwendungen.

Vom Bundesliga-Tippspiel bis zum Oktoberfest-Countdown …

Zuckerberg: Ich wusste vorher nicht, dass das Oktoberfest fast nur im September stattfindet.

Mark Zuckerberg bei einem Facebook-Event 2007 in New York

Mark Zuckerberg bei einem Facebook-Event 2007 in New York

Wer ein erfolgreiches Internetportal startet, gilt oft nicht als mutiger Gründer, sondern als Computerfuzzi. Sind Sie einer?

Zuckerberg: Ich habe mich zwar viel mit Mathe und Informatik beschäftigt, aber auch Latein und Griechisch haben mir viel Spaß gemacht. Lachen Sie nicht! Das sind nützliche Sprachen, aber halten Sie mich bitte nicht für einen reinen Bücherwurm! Ich treibe auch Sport, ich fechte leidenschaftlich gerne.

Sie haben, als Sie bereits Chef waren, immer noch viele Nächte mit den Programmierern durchgehackt. Machen Sie das immer noch?

Zuckerberg: Nicht mehr so wie früher. Ich entwickle keine neuen Sachen mehr für unsere Website, aber ich versuche, immer auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Sie sind ein Kritiker der traditionellen Medien. Glauben Sie wirklich, dass Fernsehen und Zeitung überflüssig geworden sind?

Zuckerberg: Ich glaube, dass gute Inhalte immer wichtig bleiben. Aber eine Sache, die sich ändert, ist die Art, wie die Menschen an diese Inhalte kommen. Statt Massenmedien werden Freunde eine wichtigere Informationsquelle. Wenn Ihnen ein Freund einen Link zu einem Text oder einem Film oder einem Musikstück schickt – dann haben Sie doch sehr viel mehr Interesse daran, als wenn ein wildfremder Journalist oder Musikredakteur für Sie aussucht.

Wenn mir der Freund einen Link zur New York Times oder einem Ausschnitt der Jon Stewart Show schickt, sind es trotzdem immer noch Journalisten, die diese Inhalte schaffen.

Zuckerberg: Das stimmt. Aber nicht mehr ausschließlich. Immer mehr Menschen haben eine Stimme. Menschen bloggen, laden Videos auf YouTube oder Facebook hoch, schicken sich Nachrichten. Es sind also nicht mehr ausschließlich große Firmen oder Medienverlage, die Informationen bereitstellen können.

Kritiker sagen, dass es bei den sogenannten Web 2.0-Anwendungen wie Facebook, MySpace oder der deutschen Konkurrenz StudiVZ weniger um einen herrschaftsfreien Diskurs oder eine Ermächtigung der Massen geht, als vielmehr um Voyeurismus und Exhibitionismus. Stimmt das?

Zuckerberg: Natürlich gibt es überall auch Extreme – also zum Beispiel Leute, denen es nur darum geht, eine möglichst lange Freundesliste zu haben. Aber die riesige Mehrheit der Leute will wirklich nur kommunizieren. Wenn man den Nutzern die Sicherheit gibt, dass sie selbst genau festlegen können, wer aus ihrem Umfeld wie viel ihrer Informationen sehen kann – dann werden sie mit der Zeit auch immer entspannter darin werden, diese Informationen mit anderen zu teilen. Fotos online zu stellen, in ihrem Blog zu erzählen, was sie so tun und denken.

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Zuckerberg: Ich komme gegen zehn oder elf rein und bleibe meist sehr lange. Das machen die meisten anderen auch so. Wir haben keine festen Arbeitszeiten.

Man hört, sie besäßen keinen Wecker?

Zuckerberg: Das stimmt. Entweder ich wache von selbst auf oder die Leute aus der Firma rufen mich an und wollen etwas von mir wissen.

Sie haben Facebook in Harvard gegründet. Hatten Sie eine gute Zeit an der Universität?

Zuckerberg: Ich habe dort tolle Leute getroffen. Viele meiner Mitstudenten – aber auch Dozenten – waren die ersten Leute, die ich eingestellt habe, als ich mit Facebook nach Palo Alto zog. Unter den ersten 50 Mitarbeitern finden sich extrem viele Havard-Leute. Und wir versuchen, diesen Spirit immer noch zu erhalten: Unsere Firma soll wie ein Uni-Campus sein, es gibt überall solche Gruppenräume und weiße Tafeln. Und wer eine Idee hat, schreibt sie drauf.

Lebe ohne Wecker: Mark Zuckerberg schläft gerne aus - bleibt dafür aber auch mal was länger im Büro.

Lebe ohne Wecker: Mark Zuckerberg schläft gerne aus – bleibt dafür aber auch mal was länger im Büro.

2007 waren Sie beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Welche Erkenntnis haben Sie dort gewonnen?

Zuckerberg: Dass die Menschen, die dort sind, die Welt wirklich zum Guten verändern wollen. Es ist ja ein normaler Reflex, den großen Firmen zu unterstellen, dass es ihnen nur ums Geld geht. Aber das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die meisten Unternehmer, die ich dort getroffen habe, betrachten ihre Firma eher als ein Mittel, die Welt zu verändern.

Als Sie nach der Firmengründung Risikokapitalgeber wie Sequoia Capital um größere Summen bitten mussten – kein Zittern in der Stimme?

Zuckerberg: Nein. Denn es ist ja nichts Schlimmes, jemanden um Geld zu bitten. Man muss sich nur klarmachen, dass es dabei nicht um einen selbst geht. Es geht darum, sich in den anderen hineinzuversetzen und zu überlegen, was man ihm für das Geld bieten kann, das man von ihm will. Bei Werbekunden wäre das zum Beispiel eine interessante und gut definierte Zielgruppe.

Sie werden oft mit Microsoft-Gründer und Harvard-Dropout Bill Gates verglichen.

Zuckerberg: Nein, Bill Gates ist ein sehr begabter Mensch. Aber es gibt viele Menschen, die sehr talentiert sind – und nicht alle gründen Firmen. Manche werden Ärzte und ändern so die Welt.

Wie gehen Sie mit Neidern um?

Zuckerberg: Das ist schon in Ordnung. Ich versuche, das zu ignorieren.

Wenn man Artikel über Sie liest, steht in jedem einzelnen, dass Sie mal eine Visitenkarte hatten, auf der „I’m CEO …bitch!“ stand.

Zuckerberg: Das war ein Witz. Freunde haben diese Karten für mich gemacht, und ich habe eine einzige davon einem amerikanischen Journalisten gegeben. Aber solche Geschichten verselbständigen sich dann. Seitdem weiß ich, dass Humor und Visitenkarten nicht gut zusammenpassen. Ich habe inzwischen gar keine Karte mehr. Wenn man ehrlich ist, braucht man keine.

Ist es eigentlich schwierig, als Milliardär angemessene Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke für Freunde und Familie zu finden?

Zuckerberg: Es ist ein großes Missverständnis, dass wir bei Facebook alle steinreich sind.

Nicht alle, aber zumindest Sie. Ihnen gehört ja rund ein Drittel der Firma.

Zuckerberg: Aber niemand weiß doch, was diese Anteile wert sind! Wir gehen erst mal nicht an die Börse, dieses Geld ist also nicht real. Ich habe es also nicht. Im Moment mache ich mir deshalb auch keine großen Gedanken ums Geld. Ich lebe in einem kleinen Apartment, habe bis vor kurzem auf einer einfachen Matratze auf dem Fußboden geschlafen. Ich fühle mich nicht reich.

Sie sind mit drei Schwestern in der Nähe von New York aufgewachsen – was mögen Sie am meisten an Ihrer Familie?

Zuckerberg: Dass meine Schwestern wieder in meiner Nähe leben. Die eine arbeitet inzwischen mit mir bei Facebook, eine andere studiert in Kalifornien – das ist toll.

Aber für jemanden, der so wie Sie das Internet empfiehlt, um in Kontakt zu bleiben, durfte dass doch eigentlich keinen Unterschied machen, wo jemand lebt, oder?

Zuckerberg: Teils, teils. Meine dritte Schwester lebt ja noch an der Ostküste, ebenso meine Eltern. Aber auch die haben sehr schnell angefangen, Facebook zu benutzen, und seither kommunizieren sehr viel darüber. Ich sehe ihre Updates, welche neuen Bilder sie hochgeladen haben und so weiter. Ich kriege wirklich viel mit, was in ihrem Leben so passiert.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung
Fotos: Facebook

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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2 Leserkommentare

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  1. Hi,

    tolles Interview – unerwartet persönlich – gratulation

    Es ist momentan sehr spannend wie in facebook einige gute neue deutschsprachige Apps hervorkommen. Weg von den Spamapps hin zu Features für Usern.

    Wir haben gerade eine App für BILD.de fertig gemacht die Fussball content als Service für Fans anbietet. Vielleicht interessiert sie dich: facebook.com/meinklub/

    lg aus Wien,
    andi

  2. hurrablog sagt:

    Mir gefällt vor allem, dass endlich mal jemand das Computerfuzzi-Image anspricht! Schön! Und was er über Davos sagt, finde ich auch spannend.

    Tolles Interview!

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