Halb zusammen – Affäre oder Beziehung? Wie man die Zeit des nervigen Halb-Zusammenseins übersteht

Geschrieben von am 07/09/2008 in Neon mit 1 Kommentar

»Du und Tina – warum gleich wieder seid ihr kein Paar?«, frage ich Jan eines Abends auf der Terrasse eines Steakhauses mit Blick auf den Alexanderplatz. »Ach, das ist nicht so einfach«, antwortet der sonst nie um eine Antwort verlegene Freund und schiebt sich ein riesiges Stück Folienkartoffel in den Mund, um Zeit zu gewinnen. Aber ich lasse nicht locker und schaue ihn, das Besteck überdeutlich auf dem Teller abgelegt, erwartungsvoll an. »Wir verstehen uns schon ziemlich gut … also auch außerhalb des Schlafzimmers … Ich verbringe echt gerne Zeit mit ihr.« Daran, dass ich immer noch nicht weiteresse, sondern ihn mit ungebremster Neugier beglotze, merkt er, dass ich mit dieser gestammelten Auskunft noch nicht ganz zu frieden bin. »Trotzdem … die große Liebe ist es irgend wie nicht«, fügt er hinzu. »Das wissen wir aber beide … Es ist halt im Moment gerade gut so … wie es ist.« Ich schenke uns beiden Wein nach. »Aber als ich vor ein paar Wochen mal von ›deiner Affäre‹ gesprochen habe, bist du fast ausgerastet, weil dir der Begriff auch nicht gepasst hat«, erinnere ich ihn. »Was ist es denn nun, was ihr miteinander habt?« Jan nimmt einen großen Schluck und mit geschwärzten Zähnen bekennt er: »Es ist irgendwas dazwischen … wir sind eben so halb zusammen.«

Halb zusammen. Endlich gibt jemand dieser Beziehungsform einen Namen, die man in letzter Zeit häufiger beobachten kann, wenn man – als Hobby oder beruflich – das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit studiert. Wie kann man erklären, was »halb zusammen« bedeutet? Wenn ein One-Night-Stand ein blutiges Stück Fleisch ist, eine klassische Affäre ein medium gebratenes und eine richtige Beziehung ein gut durchgebratenes Steak – dann ist der Zustand des Halbzusammenseins wohl am besten mit »medium well« beschrieben. Während eine Affäre – aus der heraus die Halbbeziehung oft entsteht – meist hinter verschlossenen Türen stattfindet und niemand wissen soll, dass die Beteiligten miteinander ins Bett gehen, spielen die »Halbzusammenen « mit offeneren Karten: Sie deponieren persönliche Gegenstände in der Wohnung des anderen, sie verlassen nicht hektisch das Zimmer, wenn der andere anruft, kommen gemeinsam auf Partys und verlassen diese auch gemeinsam wieder. Dinge, die für eine klassische Affäre undenkbar wären, deren Reiz sich zumindest teilweise aus der Heimlichkeit, dem Verbotenen und dem Täuschen des Freundeskreises oder der gemeinsamen Arbeitskollegen speist.

Im Bett treu, im Herzen nicht

Doch was grenzt das »Halbzusammensein« gegen über einer richtigen Beziehung ab? Vor allem die Einstellung: das ständige Betonen, kein Paar zu sein – sich selbst gegenüber und anderen. Denn ansonsten sind die Unterschiede marginal: Genau wie richtige Pärchen fahren sie mal zusammen in den Urlaub, mal getrennt. Gehen manchmal zusammen aus, manchmal aber auch alleine mit Freunden oder Kollegen. Auch Halbzusammene sorgen sich umeinander, vermissen sich bei längerer Abwesenheit und sind tatsächlich »mehr als nur Freunde«.

Spannend wird es, wenn es um Treue geht: Die meisten Halbzusammenen versprechen sich nie explizit, nicht mit anderen Leuten ins Bett zu gehen – viel zu beziehungsmäßig wäre so ein Schwur! Trotzdem gibt es fast immer so etwas wie einen unausgesprochenen Konsens, sich, zumindest was den Sex angeht, treu zu sein. Im krassen Kontrast dazu steht eine emotionale Unverbindlichkeit: denn im Grunde, seien wir ehrlich, suchen fast alle, die »halb zusammen« sind, nach jemand anders. Jemandem, mit dem sie das volle Programm fahren möchten, bei dem es kein »ja, aber« im Hinterkopf gibt.

Zumindest eine Hälfte des halb zusammenen Paares ist fast immer auf der Suche nach einer besseren, erfüllenderen Version – und das ist gleichzeitig das große Problem: Halbbeziehungen sind leider erstaunlich oft asymmetrische Gebilde, in denen die eine Seite mehr will als die andere. Ich glaube, dass es auch bei Jan und Tina so ist, und nachdem wir eine zweite Flasche Wein bestellt haben, frage ich ihn, ob er wirklich denkt, dass er und Tina gleich wenig Interesse an einer richtigen Beziehung haben. Jans Gesichtsfarbe nähert sich dem Rotwein an. »Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass sich Tina besser als ich vorstellen könnte, dass wir so richtig zusammen sind«, sagt er. »Aber wir reden da nie drüber … zum Glück.«

So gut sich das Prinzip »halb zusammen« also in der Theorie anhört, in der Praxis gibt es in den meisten Konstellationen dieses – meist heimliche – Ungleichgewicht: Person A, die die Halbbeziehung wirklich als das sieht, was sie ist: nämlich eine Zwischenstation zu einer nächsten, tieferen Beziehung mit jemand anders. Person A geht es dabei keineswegs nur um Sex, sie hat Person B wirklich gerne – liebt sie aber eben nicht wirklich. Daneben gibt es Person B, die vielleicht auch gerne so frei und unverbindlich wäre, tief in sich drin aber die stete Hoffnung hegt, dass sich die Halbbeziehung vielleicht doch noch zur ganz großen Liebe entwickelt. Aus Angst »kaputt zu machen, was wir haben«, traut sich Person B nicht, sich und dem anderen genau das einzugestehen – sondern wartet lieber ab, erst geduldig, dann leicht unzufrieden und irgendwann meistens heftig leidend. In fast allen Fällen ist Person A das zumindest unterschwellig bewusst. Das schlechte Gewissen meldet sich: Vergeude ich nur meine Zeit – und die des anderen? Halte ich ihn hin? Täusche ich ihn? Oder ist er selbst schuld, wenn er das mitmacht? Diese Gewissensbisse bekommt man am besten in den Griff, indem man sich selbst etwas vormacht, und sich so wie Jan einredet: »Vielleicht verliebe ich mich ja eines Tages auch noch so richtig in sie.« Es muss nicht der immergrüne Klassiker vom bindungsscheuen Mann sein, der die Rolle A spielt, und der still hoffenden Frau als Part B. Aber es scheint doch die weitaus häufigere Variante zu sein. Es ist beinahe egal, ob das nun daran liegt, dass Männer sich schon rein biologisch länger alle Türen offenhalten können, dass sie weniger leidensfähig sind – oder an gelernten Rollenklischees vom schwer zu zähmenden Jäger und Sammler und der treuen, aufopferungsvollen Sicherheitsfanatikerin. Wichtiger ist, sich klarzumachen, dass die Situation beide Seiten unglücklich machen kann. Die leidende, hoffende Seite B, weil sie unter Umständen Jahre vergeudet, die sie mit jemandem hätte verbringen können, der sich sicher ist, dass er sie liebt. Und die andere, weniger involvierte Seite A, weil sie spürt, dass selbst wenn offiziell alles abgesprochen und geregelt ist, der andere eben doch hofft und wünscht. Öfter anruft, öfter gemeinsam Zeit verbringen will und im Grunde kein wirkliches Interesse mehr an anderen Liebesoptionen hat.

Die Erasmusliebe

Ist die »Halbbeziehung« also immer zum Scheitern verurteilt und Quell heimlich gebrochener Herzen? In manchen Konstellationen scheint sie tatsächlich zu funktionieren, zum Beispiel wenn beide Beteiligten aus langen, intensiven Beziehungen kommen. Wer in seiner letzten Beziehung mit den Schwiegereltern ein in Glas gelasertes Familienporträt anfertigen lassen musste, will vielleicht erst mal einen Gang runterschalten. Ebenfalls fruchtbarer Boden für die Halbbeziehung: Situationen, in denen die gemeinsame Zeit sowieso begrenzt ist – die klassische Erasmusliebe sozusagen. Ich erzähle Jan von Lotte, der Holländerin, die ich während eines Unijahres in den USA kennen lernte und mit der ich ein Semester in einer Halbbeziehung verbrachte. Wäre sie nicht irgendwann wieder zurück nach Utrecht gegangen, wäre ich wohl derjenige gewesen, der sich stärker verliebt und anschließend gelitten hätte. So war es für die Situation, in der wir waren, genau das Richtige. »Aber wenn ihr länger am selben Ort gewesen wärt?« Jetzt ist es Jan, der die Fragen stellt, und ich bin derjenige, der sich nachdenklich am Kopf kratzt. »Dann hätte ich mir wohl irgendwann gewünscht, dass sie reinen Tisch macht – und entweder richtig mit mir zusammen sein will oder die Sache beendet.«

Jan versteht die nur mäßig subtil versteckte Moralpredigt: Nur eine Seite kann das Dilemma der Halbbeziehung auflösen – derjenige, der nicht so stark verliebt ist. Ihm fällt die unangenehme Pflicht zu, rational und verantwortungsvoll für beide zu handeln. Und entweder das Zeitschinden und Hoffen auf die noch bessere, noch größere Liebe sein zu lassen und sich endlich kopfüber in die Liebesbeziehung zu stürzen – ohne Wenn und Aber. Oder das halb zusammene Zaudern ein für alle Mal zu beenden. Ersteres kann, wenn das Herz nicht mitzieht, schnell schwierig werden – Letzteres schnell tränenreich.

Nachdem wir die Rechnung bezahlt haben, holt Jan sein Handy hervor. »Ich ruf schnell Tina an, ich glaube, wir sollten uns mal in Ruhe über alles unterhalten«, sagt er. »Mach, was du willst«, antworte ich. »Aber sieh zu, dass es wirklich das ist, was du willst. Und dann mach es ganz oder gar nicht.«

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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  • Uhu

    Und was wenn beide Person B sind? O.o

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