Äthiopien: Lektionen in Demut

Geschrieben von am 12/04/2008 in Wollt grad sagen mit 0 Kommentare

Die Menschen hatten sich schon aus dem umgestürzten Bus gerettet, als wir die staubige Bergstraße entlang kamen. Standen zwischen den großen Steinen und ihren Decken, Tüten und Taschen am Rand, verängstigt, den Schock noch in den schmutzigen Gesichtern. Der Fahrer war ausgestiegen, um mit einem entgegenkommenden LKW darüber zu streiten, wer zurücksetzen müsse, um den anderen vorbeizulassen.

Die Handbremse war wie der Rest des Busses nicht mehr ganz neu oder TÜV-geprüft und so rollte der Bus die abschüssige Straße hinunter und kippte in den Graben. Wäre statt einer Rechts- eine Linkskurve gekommen, wäre er in die Tiefe gestürzt und es hätte vermutlich niemand überlebt.

So gibt es außer vieler blauer Flecken und einer Frau mit blutig geschlagenem Zahn nur drei Verletzte, die im Schatten unter einem Baum liegen, umringt von ihren ratlosen Mitfahrern. Eine Frau hat eine offenen Wunde am Bein, ein Mann hat eine Backe, die komplett blutig und auf doppelte Größe angeschwollen ist, ein Krüppel ohne Beine hat Schrammen am Kopf und wimmert vor sich hin.

Er kann nicht sprechen oder tut es nicht, ihn scheint es am schlimmsten erwischt zu haben, obwohl ihm äußerlich am wenigsten fehlt. Wir haben auch keinen Erste-Hilfe-Kasten in unserem Van. Aber ein paar Reinigungstücher und ausreichend Wasserflaschen sind in diesem Moment schon eine große Hilfe. Wir versuchen die schmutzigen Wunden einigermaßen zu säubern, schneiden ein T-Shirt des Fotografen in Streifen, flößen den Dreien ein wenig Wasser ein. Versuchen, herauszufinden, ob etwas gebrochen ist oder der verkrüppelte Mann eine Gehirnerschütterung hat.

Einen Krankenwagen zu rufen, ist unmöglich, das Handynetz beginnt erst wieder in ungefähr 50 Kilometern. Wir debattieren mit unserem Fahrer, ob wir die drei mit in die nächste Ortschaft mitnehmen sollen, die etwa genauso weit entfernt ist. Ein Teil von uns müsste dann hierbleiben, da wir nicht genug Platz haben und nachher wieder abgeholt werden. Zwei andere Vans fahren vorbei, ohne ihre Geschwindigkeit mehr als nötig zu verringern, legen eine neue Staubschicht über die drei am Boden liegenden Verletzten. Unser Fahrer hat Angst, dass die Polizei ihm Schwierigkeiten macht, ihn vielleicht sogar für den Unfall verantwortlich macht. Ich vermute zuerst, dass er einfach nur keine Lust auf die Verzögerung hat, aber der Fotograf bestätigt, dass das tatsächlich ein Problem werden kann.

Wir haben noch keine Einigung erzielt, da kommt ein anderer großer Bus vorbei, der die drei mitnimmt. Wir geben ihnen noch etwas von unserem Wasservorrat und bleiben in einer Staubwolke stehen, als der Bus losfährt. Neben uns nur noch ein paar blutige Blätter Klopapier, eine einzelne Plastiksandale und ein tiefer Abgrund. Die nächsten Kilometer sagt niemand ein Wort.

Text und Foto: Christoph Koch

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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  1. s3lf sagt:

    Leider sind solche Unfälle in Äthiopien alles andere als selten :-(

    Addis Ababa Stadtplan

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