Die Druntermieter: Nachbarn von A bis Z

Geschrieben von am 01/12/2007 in Neon mit 2 Kommentare

Samstagnachmittag, der Möbelwagen steht vor der Tür – mal wieder neue NACHBARN. Dabei hatte man sich gerade erst an die alten gewöhnt. Na ja. Hoffen wir einfach mal das Beste. Ein A bis Z über die anderen unter unserem Dach.

A ltnazi: Bestandteil beinahe jeder größeren Hausgemeinschaft, oft leider sogar als Hausmeister. Seine Lieblingsbeschäftigungen:

  • im Parterre oder ersten Stock wohnen, um Hoheit über die Eingangstür zu besitzen
  • an dieser ein Schild in altdeutscher Schrift anbringen: »Abends ist die Türe von ALLEN Bewohnern UNBEDINGT abzuschließen!!!«
  • die Tür trotzdem immer selbst abschließen
  • im Stirb-langsam-Unterhemd an der Teppichstange hinterm Haus Klimmzüge machen
  • auf dem >Balkon sitzen, Äpfel schneiden und das Horst-Wessel-Lied pfeifen
  • sich auf dem Hoffest weigern, neben der türkischen Familie zu sitzen (zu deren Erleichterung)
  • aufs Fenstersims gelehnt beobachten, was das »restliche Gesindel« treibt.

B alkon: Dreh- und Angelpunkt sommerlicher Streitigkeiten. Grundsätzlich gilt: Grillen ist erlaubt, allerdings nur, solange der Qualm nicht konzentriert in die Nachbarwohnung zieht, denn das ist eine »bußgeldpflichtige Ordnungswidrigkeit«. Deshalb so gut wie möglich Abstand vom Haus halten und Aluschalen oder einen Elektrogrill verwenden.

C ondos: Die New Yorker entdecken die Nachbarschaft. Statt sich im Wolkenkratzer nur im Aufzug zuzunicken, entstehen immer mehr Hausgemeinschaften (Condo = >Eigentumswohnung), in denen Cocktailpartys auf der Dachterrasse und gemeinsame Fernsehabende die Nachbarn zur Ersatzfamilie machen. 19 Projekte hat die »Corcoran Sunshine Marketing«- Gruppe bereits realisiert, so zum Beispiel im »Orion« an der 42. Straße, in dem die 550 Parteien sogar Frühstück und Starbucks-Kaffee gratis auf Lebenszeit zum Wohnungskauf dazubekommen.

D iskriminierung: Männer müssen im Münchner Stadtteil Riem zwar nicht draußen bleiben, haben aber nichts zu melden. Die 49 Wohnungen des ersten Projekts der FrauenWohnen e. G. (frauenwohnen.de) gehören nämlich ausschließlich Frauen, beziehungsweise werden auch nur an Frauen vermietet. Es ist bereits eine zweite Wohnanlage in Planung. Männer dürfen zumindest auf dem Bau Beton mischen. Interesse?

E igentum: Rund sechzig Prozent der Deutschen wohnen zur Miete. Aber ist das die günstigste Variante? 650 Euro Monatsmiete machen in zwanzig Jahren fast 160 000 Euro (ohne Mietsteigerung). Dafür bekommt man schon eine kleine Immobilie. Ohne Kredit geht das kaum (außer man gehört zur >Jeunesse dorée). Grundsätzlich muss man pro 100 000 Euro Kreditsumme und einem Prozent Tilgung mit einer Monatsbelastung von circa 500 Euro rechnen. Dazu kommt das Wohngeld für laufende Kosten (zwei bis drei Euro pro Quadratmeter im Monat). Banker raten: Wer zehn bis zwanzig Jahre in einer Stadt bleiben will, sollte tatsächlich ins Immobiliengeschäft einsteigen.

F ußmatten: Visitenkarten, die vor der Wohnungstür liegen. Die vier Haupttypen:

a) Die Humorvolle

»GEZ bezahlt«, »Sie schon wieder!« oder »Das Bier steht im Kühlschrank« künden von notorisch augenzwinkernden Zeitgenossen, denen es ernst ist mit dem Humor.

b) Die Neutrale

In der Regel aus hellbrauner Kokosfaser oder unzerstörbarer Panzergraukratzmasse. Diese Fußmatte sagt: Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

c) Die Künstlerische

Etwas höchst Bedeutsames steht auf der Matte. »Antimaterie« oder »Gott GmbH« zum Beispiel. Oder »Mattürium«. Drinnen hängen Taschen aus LKW-Plane an der Garderobe und »American Spirit«-Rauch liegt in der Luft.

d) Die Individuelle

Vom Besitzer oder dessen grausamen Freunden beispielsweise bei dreckstueckchen.de bestellt und mit einem individuellen Slogan oder Bild versehen. Muss man mögen.

G eburtstagsparty: Zwar gibt es ein Recht, Geige und Bratsche zu spielen, seinen 30. darf man aber nicht unbedingt feiern. Im Amtsdeutsch heißt das: Der Wohnungsinhaber ist dafür verantwortlich, dass eine veranstaltete Geburtstagsfeier nicht so laut ist, dass dadurch die Nachtruhe der Mitbewohner gestört wird. Nachtruhe herrscht zwischen 22 und 6 Uhr. Wir sagen: auch mal drauf scheißen.

I mperialismus: Manche sehen im Treppenhaus mehr als einen Ort, an dem es komisch hallt und vergilbte Holztreppen angeblich »Frisch gewachst« sind. Solche Menschen nutzen es als zusätzlichen Wohnraum und dehnen ihren Einflussbereich aus. Neben dem Mountainbike steht plötzlich ein Schuhschrank, und für alle, die es nicht wissen wollen, kündet ein handgetöpfertes Familientürschild »Hier wohnen Susi, Bernd und Noah«. Das Oberlandesgericht München hat jedoch entschieden: Möbel haben im Treppenhaus nichts zu suchen.

J eunesse dorée: Junge Menschen, die zwar Geld, aber keine eigenen Ideen haben, leben im Wohnkonzept »Yoo« des Designers Philippe Starck. Bis zu 1,8 Millionen Euro muss man hinblättern, dann darf man zwischen vier Starck- Stilen wählen und seine Wohnung von Badarmaturen bis zu Lampen und Sofas vom Designguru auf Classic, Culture, Nature oder Minimal trimmen lassen. 4000 Apartments in New York, Miami, Tokio, Hongkong und London gibt es bereits, jetzt soll auch Deutschland erobert werden: Hamburger Lofts sind 2007 be zugsfertig, München folgt Ende 2008.

K inder: Bevor wir uns das nächste Mal über den scheinbar direkt über uns eingezogenen Ponyhof (>Trittschall) und Rodeos im Hausflur (>Imperialismus) ärgern, sollten wir uns lieber freuen. Britische Forscher der London South Bank University haben herausgefunden, dass sich Menschen wohler fühlen, wenn Kinder in der Nähe leben. Es sind die Kleinen, dank derer die Großen die meisten Kontakte knüpfen.

L eichen im Keller: Unwahrscheinlich. Das Bundeskriminalamt hat zwar nicht ermittelt, wie viele Ermordete in Kellern versteckt wurden. Die Beamten schätzen jedoch, dass Keller eher selten als Aufbewahrungsort gewählt werden – schließlich schränke das doch deutlich den Kreis möglicher Täter ein.

M ietnomaden: Wohnen, ohne zu zahlen, und das Weite suchen, sobald der Vermieter mit dem Zwangsvollstrecker kommt? Etwa 10 000 Deutsche haben sich schon für die Lebensform Mietnomade entschieden. »Der Schaden für den Vermieter«, so Stefan Diepenbrock, Sprecher von Haus & Grund, »kann sich mit Mietrückständen, Anwaltskosten und Zwangsräumungen bei einer Durchschnittsmiete von 400 Euro auf über 25 000 Euro summieren. « Wer eine Karriere als Mietnomade plant: Sechs bis neun Monate kann man, ohne zu zahlen, seinen Vermieter hinhalten. Gleichzeitig sollte man aber bedenken, dass man nicht nur den Vermieter schädigt, sondern auch Millionen von anderen Mietern, die erst mal Schufa-Auskunft, polizeiliches Führungszeugnis, Einkommensnachweis und Bürgschaften vorlegen müssen, bevor sie einziehen dürfen.

N achrede, üble: Das wohl schönste Stück zum Thema Nachbarschaftsverleumdung stammt von Gerhard Polt: Sie: »Jetzt war bei uns im Briefkasten schon wieder die Tageszeitung rausgestohlen. Wenn Sie mich fragen, da steckt bestimmt wieder diese Dicke dahinter.« Er: »Ja, aber die ist doch gar nicht dick.« Sie: »Ist mir ganz egal, aber sie steckt dahinter.«

O ops: Schon fast jedem mal passiert: Man kommt betrunken nach Hause, und die vermaledeite Wohnungstür will, hicks, uns einfach nicht ins Bett lassen. Kurz bevor man sich in Embryonalhaltung im Treppenhaus niederlegt, merkt man: falsches Stockwerk. Sollte dies häufiger vorkommen, schaffen kleine Hilfsmittel wie grelle >Fußmatten oder tellergroße Klingelschilder (>Imperialismus) Abhilfe. Gibt aber Abzüge in der Haltungsnote.

P akete: Der einfachste Weg, in der kalten Postmoderne seine Nachbarn kennen zu lernen, führt absurderweise über die Anonymitätsmaschine Internet: Wer regelmäßig bei eBay Dinge ersteigert, findet sich automatisch mit einem Zettel vom Postboten in der Hand beim Nachbarn wieder. Zumindest wenn man einen netten Postboten hat – denn ansonsten muss man im nächsten Postamt eine halbe Stunde in der Schlange verbringen, bevor man merkt, dass man seinen Personalausweis vergessen hat. Wer tagsüber zu Hause ist (Studium, Grippe, digitale Bohème), sollte allein aus Karma gründen seinen Nachbarn ähnliche Annahmedienste erweisen. Kann außerdem spannend sein. Was bekommt der Werber aus dem Dritten da immer für Päckchen aus Kolumbien? Und wie oft bestellt der >Altnazi beim Memorabiliaversand »Nordschlag«?

Q uerelen: Vor deutschen Gerichten landen jährlich 500 000 Nachbarschaftsscharmützel, schätzt der Mieterbund. Dabei liegt Lärm mit Abstand auf Platz eins, egal, ob es sich um Hundegebell, Duschgeglucker, lautes Lachen oder Sexgejodel handelt. Auf Platz zwei folgt der berühmte Kirschbaum (nebst Artverwandten) aus Nachbars Garten mit seinem Laubfall, Astwuchs oder Schattenwurf. Abgeschlagen: Territorialstreitigkeiten um Parkplätze, Zäune, Haustiere oder Mülltonnen.

R entner und Alleinstehende: Sieben Jahre lag ein Mann in Essen tot in seiner Wohnung. 84 Monate – als er starb, galt noch die D-Mark. Also einfach mal klingeln, gerade bei älteren Leuten, die man länger nicht gesehen hat. Ist auch gut fürs Karma (>Pakete).

S chlüsseldepot: Kann viel Geld sparen. Wer dem Nachbarn nicht traut, hat Glück, wenn er zum Beispiel in Bremen wohnt: Dort (taxi-bremen.de) und in einigen anderen Städten bieten Taxizentralen die Möglichkeit, den Schlüssel anonym und passwortgeschützt zu deponieren und rund um die Uhr zuzustellen.

T rittschall: Gerade in Altbauwohnungen mit nachträglich eingesetztem Laminatboden hat man häufig den Eindruck, über einem würden die Bewohner Militärparaden abhalten – der Stechschritt ist allerdings ihr gutes Recht. Meistens hat der Hausbesitzer an der falschen Stelle gespart. In einem solchen Fall kann er verpflichtet sein, eine entsprechende Trittschallisolierung nachzurüsten, teilte der Deutsche Mieterbund unter Bezugnahme auf ein Gerichtsurteil mit.

U rsula von der Leyen: Die Familienministerin kürt im Wettbewerb »Netzwerk Nachbarschaft« seit 2004 vorbildliche Gemeinschaften. Gewinner war z. B. der Landhof Schöneiche. Die Häuser der Bewohner sind mit Komposttoiletten ausgestattet, die allesamt an einer kollektiven Kläranlage hängen, die mit Schilfrohr funktioniert. Wer glaubt, etwas ähnlich Tolles bieten zu können, kann das auf netzwerk-nachbarschaft.de melden.

V erwahrlosung: Die Schicksale von Kevin, Samuel und Co., die in Bremer und Berliner Mietwohnungen allein gelassen wurden oder starben, sind bei weitem keine Einzelfälle. Etwa 100 000 Kinder sind in Deutschland von Verwahrlosung bedroht, laut Unicef überleben zwei Kinder pro Woche die Misshandlungen, den Hunger, den Durst, die Gewalt zu Hause nicht. Ein Grund für die Häufung: »Es gibt immer mehr Eltern, die die Hoffnung auf Teilhabe an dieser Gesellschaft verloren haben und so deprimiert darüber sind, dass sie sich selbst und damit leider auch oft ihre Kinder aufgeben«, sagt Beate Köhn vom Kindernotdienst in Berlin.

W ahnsinnig: Ärger mit den Nachbarn macht erfinderisch. Ein Ehepaar aus Wacken ging so weit, die Nachbarn mit einem per Zeitschaltuhr gesteuerten Lautsprecher verrückt zu machen, aus dem zwischen zwei und vier Uhr morgens lautes Hahnengeschrei tönte. Als die mehrfach gerufene Polizei nach einer Woche die Wohnung aufbrach, aus der es krähte, fand sie die irre Installation. Das Ehepaar war im Urlaub, wurde aber nach der Rückkehr wegen Körperverletzung verklagt.

X Y, Aktenzeichen, ungelöst: Aufruf an alle, die ihre Privatwohnung für Krimidreharbeiten zur Verfügung stellen: Bitte warnt eure Nachbarn vor. Eine Leiche im Hausflur, fünf Fernsehkameras und sieben Statisten in Polizeiuniform sind wirklich nicht das, was man beim Heimkommen sehen will.

Z ucker, Milch, Eier: Es gibt Mietshäuser, die sind reinste Handelsgesellschaften. Gedealt wird mit Lebensmitteln oder – wirklich toll – mit Selbstangebautem. Leider gibt es immer einen, der das irgendwann ganz selbstverständlich findet und dessen Ansprüche mit der Zeit steigen. Hat man einmal für die Nachbarin Brötchen mitgebracht, findet sie es völlig okay, sonntags um acht die Bestellung von Mohn auf Sesam zu ändern. Da hilft nur eins: mindestens vier Wochen in den Urlaub fahren in der Hoffnung, dass sie den Lieferanten wechselt.

Text: Petra Harms & Christoph Koch

Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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