Laufen lassen

Geschrieben von am 02/07/2007 in Fluter mit 3 Kommentare

Muss man eigentlich ständig Wasser sparen? Warum es lobenswert ist, aber nicht immer sinnvoll.

Wassersparen

Lass beim Zähneputzen nicht das Wasser laufen! Benutz die Stopptaste an der Klospülung! Von klein auf wurde uns eingetrichtert, Wasser zu sparen, wo und wann immer es geht. Vom „blauen Gold“ sprechen Umweltaktivisten, das zur Neige geht – und eingeschüchtert von rissigem Afrikaboden nicken wir geknickt und haben bei jedem Vollbad ein schlechtes Gewissen. Aber macht Wasser zu sparen in Deutschland tatsächlich Sinn? Nein – es führt sogar zu zahlreichen Problemen.


Um rund 20 Prozent ist der Wasserverbrauch in den letzten zehn Jahren zurückgegangen, sagt der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW). Das hat – neben Einsparungen in der Industrie – vor allem drei Gründe: ein gewandeltes Öko-Bewusstsein der Bevölkerung; modernere Wasch- oder Spülmaschinen mit niedrigerem Verbrauch; der demografische Wandel. Letzterer hat dazu geführt, dass in manchen Gegenden der neuen Bundesländer bis zu 50 Prozent weniger Wasser verbraucht werden als noch vor zehn Jahren – weil weniger Menschen dort leben.

Dies führt zu massiven Problemen im Leitungsnetz, das großteils in den Siebzigern und Achtzigern konzipiert wurde, als man von steigendem Verbrauch ausging: Leitungen, in denen das Wasser zu lange steht, korrodieren; je länger das Wasser unterwegs ist, desto höher die Zahl der enthaltenen Keime. Im Abwasserbereich führt eine geringe Fließgeschwindigkeit zur Geruchsbelästigung bis hin zur Bildung von giftigen und explosiven Gasen; durch entstehende Schwefelsäure werden sowohl Abwasserleitungen als auch Pump- und Klärwerke starker Korrosion ausgesetzt.

Um die Wasserqualität und das Leitungsnetz zu erhalten, müssen die Versorger eingreifen: In Kiel beispielsweise werden jährlich zwei Millionen Kubikmeter Frischwasser durch die Leitungen gepumpt. Um Verkeimung zu stoppen, setzt die Stadt Rostock jährlich Chemikalien im Wert von 115 000 Euro ein. Und in Hannover wurden Gullydeckel mit Gummimatten abgedichtet, um den Gestank zu stoppen, der aufsteigt, weil in der Kanalisation Stillstand herrscht.

Eine Lösung für die Probleme könnte der Rückbau auf einen verringerten Rohrdurchmesser sein. „Innerhalb der nächsten Jahre müssen die Leitungen angepasst werden. Ein intelligentes System zu entwickeln, das dem generell rückläufigen Verbrauch ebenso gerecht wird wie den punktuellen Verbrauchsspitzen, das ist die Aufgabe der Stadtplanung“, sagt Michael Bender, Leiter der Bundeskontaktstelle Wasser der Grünen Liga e.V. Doch das ist teuer: Die Stadt Magdeburg hat ausgerechnet, dass allein der Rückbau der Abwasserleitungen 40 bis 50 Millionen Euro kosten würde.
Ist Wasser zu sparen also sinnlos? Kommt darauf an: Wer Warmwasser verschwendet, verschwendet immer auch Energie – was viel schlimmer ist, in Deutschland aber ausgiebig getan wird. Im Kaltwasserbereich hingegen sind sich inzwischen fast alle Experten einig, dass ein verbissenes Sparen unnötig ist. Hans-Jürgen Leist von der Forschungsstelle Recht, Ökonomie und Umwelt der Uni Hannover forscht schon lange zu diesem Thema und hat erkannt, dass der Rohstoff Wasser stark emotional besetzt ist. „Auf unserem Institutsflur gibt es eine Teeküche. Ich habe an einem hellen Sommertag das Licht angeschaltet und den Wasserhahn tröpfeln lassen. Jeder Student, der vorbeikam, drehte den Wasserhahn zu – das Licht löschte keiner.“

Text: Christoph Koch
Erschienen in: Fluter

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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3 Leserkommentare

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  1. superguppi sagt:

    Also die Problematik mit den Rohren ist mir bewusst, jedoch sehe ich nicht als Verbraucher ein nur weil „die Rohre zu groß sind“ mit dem Wasser sparen aufzuhören. Klar sind das Kosten die Leitungen umzubauen. Aber für den Verbraucher sin des Kosten Wasser zu verbrauchen. Demnächst kommen die Stromerzeuger und meckern darüber das sie Kraftwerke zu machen müssen, weil wir weniger Strom verbrauchen. Das nun mal nicht alles davon profitieren ist nunmal so.

  2. Tamagott sagt:

    Ich hätte jetzt eigentlich erwartet, zu hören, dass Wasser sparen unsinnig, weil es ja im Prinzip „nicht verbraucht“ wird, sondern nur durchgeleitet wird.
    Oder dass mittlerweile durch den sparsamen Verbrauch die Konzentration der Toxide Wasch-, Spülmittel so hoch ist, dass die Wasserwerke Frischwasser für die Bakterien in den Kläranlagen zugeben müssen. Aber das es stinkt und das Abwasser steht weil die Rohre zu groß sind? Tststs.
    Bei uns im Haus wird der Kaltwasserverbrauch übrigens pauschal pro Kopf abgerechnet. Das Warmwasser wird gezählt, genauso wie Strom. Also ist klar was man sparen sollte, oder?

  3. Gruenspar sagt:

    Eigentlich hast du es in deinem Post ja schon selber gesagt. Das Leistungsnetz ist falsch konzipiert worden. Und von wem? Von dem Verbraucher? Nein… Das waren die Konzerne und die von Lobbyisten durchsetzte „Regierung“. Jetzt ist es so, dass wir Wasser sparen müssen, weil wir vor einer unwiderruflichen Klimakatastrophe stehen. Das Netz wurde aus Geldgier und Wachstumsversprechen gegenüber den Investoren einfach nicht realistisch geplant. Wenn man deinem Tonus glauben schenken soll, ist es der Verbraucher, der diese Fehleinschätzung ausbaden soll. Ist das dein Ernst?

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