Die neue urbane Etikette

Geschrieben von am 19/06/2007 in zitty mit 0 Kommentare

Wie wir in der modernen Großstadtwelt besser miteinander klarkommen

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Unter welchen Umständen ist es im Nachtleben in Ordnung als Frau ein Männerklo zu besuchen – und ist es umgekehrt ebenso denkbar?

Guter Stil ist es auch bei Damen nicht, sich auf das weniger frequentierte Herrenklo zu schleichen. Bei Schlangen, die sich mehrmals um den Dancefloor winden, ist es jedoch möglich, dass dies manchen Damen egal wird. Absolut ausgeschlossen ist es, als Mann die Damentoilette aufzusuchen, nur weil dort gerade kein Betrieb ist und sich bei den Herren ein Koksrückstau vor den Kabinen gebildet hat. Im Falle eines kompletten Zusammenbuchs des männlichen Toilettentrakts obliegt es dem Clubbetreiber oder seiner Toilettendame (siehe zitty-Ausgabe 12), die Geschlechtertrennung offiziell aufzuheben.

Wann und wo darf ich mein Handy benutzen?

Grundsätzlich gilt: Telefonate eines Fremden mithören zu müssen, ist immer eine anstrengende Zumutung, da einem das „Weghören” schwerer fällt, als bei einer Unterhaltung zweier real anwesenden Personen. Warum? Unbewusst versucht unser Gehirn ständig, die fehlende Hälfte des Gesprächs zu ergänzen – und kann deshalb das ins Handy gebrüllte Fragmente wie „Aber wieso? … Ach so, verstehe! … Auf gar keinen Fall!” nicht so einfach ausblenden. Die Faustregel ist also: Wo immer Menschen Ihrer Telefonkonversation schutzlos ausgeliefert sind, ist es ein Akt der Höflichkeit, darauf zu verzichten, oder den Raum zu verlassen. Zuhause oder auf der offenen Straße können Sie so viel telefonieren, wie Sie wollen. Tabu sind Handygespräche jedoch in Restaurants, U- und S-Bahn, Aufzügen, Besprechungen, Fitnessstudios und Kinos (auch während der Werbung) sowie an der Supermarktkasse. Wer auf der Toilette telefoniert – ganz egal, ob auf der eigenen oder einer öffentlichen – ist für Gedanken über Etikette vermutlich sowieso nicht allzu empfänglich.

Ist es geschmacklos per SMS, E-Mail oder Handyanruf zu kondolieren?

Ja. Ein Handyanruf ist höchstens erlaubt, wenn es schnell gehen muss und Sie kurz fragen wollen, ob Sie in exakt diesem Moment etwas für die betroffene Person tun können. Eine SMS kommuniziert in so einem Fall vor allem eins: Dass Ihnen der Tod eines Menschen sehr nahe geht – und zwar genau so lange bis der Aufzug da ist oder Sie an der Supermarktkasse dran sind. Und wenn Sie sich schon hinsetzen, um eine E-Mail zu schreiben: Warum dann nicht gleich ein handschriftlicher Brief, ein abendlicher Anruf in Ruhe oder ein (angekündigter) Kondolenzesuch?

Darf ich einen Döner mit ins Kino nehmen, wenn ich es nicht mehr rechtzeitig geschafft habe, zu essen – und ansonsten meine Verabredung warten lassen müsste?

Sie würden sich hoffentlich auch nicht in der U-Bahn die Fußnägel schneiden, nur weil sie es Zuhause nicht mehr geschafft haben. Die Maxime muss stets sein, die Anzahl der Leidtragenden aus unserem Verhalten zu minimieren: Unter Geruch und Geräusch eines Dönerverzehrs leiden alle umliegende Sitzreihen. Unter einer Verspätung leiden die Menschen, mit denen Sie verabredet sind. Unter einem knurrenden Magen leiden nur Sie selbst. Schokoriegel und Bier machen auch satt und sind im Gegensatz einem stinkenden Nacho-Schmelzkäse-Berg akzeptable (weil diskrete) Kinonahrung.

Darf ich das WLAN meines Nachbarn benutzen, wenn er es nicht mit einem Passwort schützt?

Dies ist nicht als Rechtsberatung zu verstehen, aber: ja, unbedingt! Es ist einer der allerletzten Fälle, in denen man etwas geschenkt bekommt – und wenn es derselbe Nachbar ist, der jeden Morgen eine Eisenmülltonne das Treppenhaus herunterrollt, ist es sogar so etwas wie kosmische Gerechtigkeit. Solange Sie nicht komplette Staffeln von „Grey’s Anatomy” aus dem Netz saugen und damit die Bandbreite ihres Nachbarn blockieren, hat der auch keinen Schaden. Sie sollten sich jedoch im Klaren sein, dass derjenige, über dessen WLAN Sie surfen, mit etwas Technikgeschick ihren Datenverkehr ausspionieren kann. Vorsicht also bei gemailten Anzüglichkeiten an Ihren Geliebten im Auswärtigen Amt sitzt.

Kann ich ablehnen, wenn ein Bekannter mich bei Online-Netzwerken wie Myspace, Xing oder StudiVZ in seine Freundesliste aufnehmen will?

Ja, wenn Sie als kleingeistiger Snob dastehen wollen. Denn ehrlich gestanden ist der einzige Grund für eine Ablehnung doch der, dass Sie Angst haben, ihre Freundesliste durch zu viele uncoole/unreiche/unwichtige Personen zu verwässern. Ein niederes Motiv. Anders ist die Lage bei Anfragen von wildfremden Personen. Amoklaufende Schulkinder in einem Freundeanhäufungswettbewerb muss niemand in sein heiliges Online-Profil integrieren.

Wie verhalte ich mich, wenn ich einen Arbeitskollegen im Gespräch mit einer Prostituierten am Monbijoupark oder kotzend auf der Toilette des 103 sehe?

Egal in welcher kompromittierenden Situation man einen Arbeitskollegen außerhalb des Arbeitsplatzes antrifft – die beste und höflichste Lösung ist, sich unbemerkt zurückzuziehen und den Vorfall später mit keinen Wort zu erwähnen. Es sei denn natürlich, besagter Kollege ist ein firmenbekannter Drecksack, der sie hinter ihrem Rücken aus dem Job drängen will – in einem solchen Fall machen Sie natürlich Beweisfotos und stellen diese ins firmeneigene Intranet – von einem fremden Rechner, Sie sind ja kein Anfänger.

Wann ist es akzeptabel, mit offenen Bierflaschen öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen?

Wenn man unter 20 ist. Und über 16, klar.

Wie schnell muss ich auf SMS oder Mails antworten?

Tom Cruise hat eine relativ einfache Antwort auf diese Frage: „Lasse dich niemals auf Kommunikation, die du selbst nicht willst.” Eine Einstellung, die man sich selbst als Nicht-Scientologe ab und zu zum Vorbild nehmen kann. Und wenn man nicht antworten muss, aber will? In der Geschäftswelt gilt ein Werktag als Richtwert, ganz so streng muss man es im Privatleben nicht nehmen. Hier ergibt sich der Spielraum, den man für die Antwort hat, meist von selbst: Eine SMS „Was machst du heute Abend?” sollte man schneller beantworten als die Mail von dem alten Freund, mit dem man sich einmal pro Monat schreibt. Wenn es um eine dringende Angelegenheit geht, man aber gerade keine Zeit hat, ausführlich darauf einzugehen, sollte man zumindest eine kurze Notiz senden, wann man sich der Sache voraussichtlich annehmen wird. Und wer länger als zwei Tage verreist, sollte Gebrauch von der Mail-Funktion der Abwesenheitsnotiz machen. Wie gesagt: länger als zwei Tage. Niemand braucht Abwesenheitsnotizen, die verkünden: „Ich bin heute Nachmittag nicht im Office und erst morgen wieder per Mail zu erreiche – in dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an unser Switchboard”.

Wie sage ich jemandem, dass ich ihn gegoogelt habe und dabei eine interessante Information über ihn herausgefunden habe?

Gar nicht. Der Satz „Ich hab’ dich gegoogelt.” leistet in vier Worten zweierlei: 1) Ihr Gegenüber fühlt sich mit einem Mal unangenehm berührt. 2) Sie wirken wie ein Stalker mit einem nervösen Zucken im Augenlid, der vier Wochen später per Gerichtsbeschluss verpflichtet wird, mindestens 200 Meter Sicherheitsabstand zu halten. Wenn Sie wirklich dasselbe ausgefallene Hobby pflegen, wie die/der neue attraktive Kollege/in, finden Sie sicher auch einen anderen Weg, das unauffällig in einem Gespräch ans Licht kommen zu lassen, oder? „Ja, das ist tatsächlich die goldene Ehrennadel der Fliegenfischer-Vereinigung! Dass Dir so etwas auffällt! Du hältst das doch sicher für eine wahnsinnig langweilige … Ach Quatsch … das gibt es ja gar nicht!?!”

Ich habe beim Ausgehen die Handynummer von einer Person bekommen, die ich gerne wiedersehen würde. Soll ich per SMS Kontakt aufnehmen oder direkt anrufen?

Für die erste Kontaktaufnahme ist eine SMS in Ordnung. Sie ist diskreter und die betreffende Person muss nicht sofort reagieren, sondern hat ein wenig Bedenkzeit. Was ja je nach Alkoholisierungsgrad bei Nummernübergabe vorteilhaft sein kann. Vorsichtiges Anklopfen per SMS kann auch unangenehme Situationen ersparen – von „Tut mir leid, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern” bis „Ich glaube, du willst meine Mami sprechen”. Wenn der Kontakt aber einmal hergestellt ist, sollte auch genug Mut vorhanden sein, nach ein paar flirtigen Botschaften einen richtigen Anruf zu wagen. Es sei denn, man möchte sich gerne den Titel „langweilig herumtaktierender Feigling des Jahres” übers Bett hängen.

Darf ich mich mit dem/der Ex einer Person verabreden, mit der ich gut befreundet bin?

Auch wenn man damit sicherlich keine neue Karma-Highscore aufstellt – manchmal fällt die Liebe eben an seltsame Orte. Wenn Sie also glauben, Sie haben aufrechte Gefühle für die/den Ex ihres Kumpels oder ihrer besten Freundin – gehen Sie diesen unseretwegen auf den Grund. Vorausgesetzt natürlich, die mit ihnen befreundete Person ist über die Beziehung hinweg und Sie sprechen vorher mit ihr darüber. Wenn Sie sich jedoch nicht sicher sind, wie aufrecht Ihre Zuneigung wirklich ist, und vielleicht nur auf ein sexuelles Abenteuer aus sind – suchen Sie sich unbedingt jemanden anders.

Autor: Christoph Koch
Erschienen in: zitty

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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