Wie wird man eigentlich … Souffleuse?

Geschrieben von am 18/06/2007 in FAZ mit 1 Kommentar

Über 60 Jahre hat Elisabeth Müller inzwischen am Theater verbracht – davon die meiste Zeit als Souffleuse am Berliner Maxim-Gorki-Theater.

Souffleuse

Auch wenn die 75-Jährige inzwischen nur noch einige Vorstellungen pro Monat souffliert, merkt man, dass Elisabeth Müller nach wie vor zur großen Familie der berühmten Berliner Bühne gehört. In der Theaterkantine hat sie eine eigene Tasse mit ihrem Vornamen drauf (Wenn auch ein scheußliches Ding), und alle paar Minuten bleibt jemand an ihrem Tisch stehen, um sie – Ach Mensch, die Betti! – zu begrüßen.


Schuld haben im Grunde Shirley Temple und Marika Rökk. Wenn man in so einem Fall von Schuld überhaupt sprechen kann. Ohne sie wäre ich jedenfalls nicht beim Theater gelandet. Mein Onkel Walter nahm mich des Öfteren sonntagnachmittags mit ins Varieté. Und als ich dort die Tänzerinnen und das Nummerngirl sah, da war es vorbei mit meinem Wunsch, Krankenschwester oder Bäuerin zu werden – da wusste ich mit einem Mal: Das will ich auch machen. Für meine Mutter war das ein Hirngespinst, aber ich hatte es mir in den Kopf gesetzt. Nach dem Krieg fing ich also im Herbst 1945 als Elevin in Magdeburg an. Hitler hatte ja die meisten Theater geschlossen, es gab keine Tänzerinnen – das war eine gute Chance für mich. Danach tanzte ich drei Jahre in Staßfurt, einem kleinen Städtchen bei Magdeburg, anschließend in Güstrow und Greifswald. Ich heiratete und bekam ein Kind, nach einigen Jahren jedoch ließ ich mich wieder scheiden. Als alleinerziehende Mutter hatte ich natürlich immer zu wenig Geld und soufflierte deshalb schon während meiner Laufbahn als Tänzerin einige Male nebenher – das war einfach eine gute Möglichkeit, mir etwas dazuzuverdienen.

Zum ersten Mal probierte ich es bei einem Zwei-Personen-Stück in Staßfurt aus und merkte instinktiv, dass ich das kann und es mir großen Spaß macht. Insgesamt zwölf Jahre habe ich als Tänzerin gearbeitet, aber da ich mit 14 Jahren viel zu spät angefangen hatte, war ich nie wirkliche Spitzenklasse. Deshalb bewarb ich mich sofort, als ich las, dass in Stralsund eine Souffleuse gesucht würde. Dort arbeitete ich dann zum Beispiel mit dem später bekannten Opernregisseur Harry Kupfer zusammen – der spielte damals, neben seiner Tätigkeit als Regisseur, noch junge Liebhaber. Das Schauspiel in Stralsund wurde dann jedoch geschlossen, und es verschlug mich für zwei Jahre nach Chemnitz – eine rastlose Zeit damals, aber im Rückblick auch eine sehr schöne. Inzwischen schrieben wir das Jahr 1961, und in Berlin wurde die Mauer gebaut.

„Betti sag mal, was brauch ich jetzt?“

Eine Freundin gab mir dann den wertvollen Tipp, dass an den Theatern im Ostteil der Stadt viele Souffleusen aus Westberlin stammten. Durch den Mauerbau wurden also Stellen frei, und ich bewarb mich am Maxim-Gorki-Theater, das sich damals vor allem dem sozialistischen Realismus widmete. Auch als Souffleuse muss man vorsprechen – oder eben vorsoufflieren. Ich machte das bei einer Probe mit Albert Hetterle, einem der ersten Schauspieler und späteren Intendanten des Maxim-Gorki-Theaters, der leider vor kurzem verstorben ist. Die nehmen wir, sagte er nur – und ich zog nach Berlin. Seitdem bin ich diesem Haus immer treu geblieben, inzwischen seit über 40 Jahren.

Es ist im Grunde ja auch ein eher einfacher Beruf: Man muss gut zuhören können, man muss aufpassen und muss dann etwas sagen, wenn es gebraucht wird. Wenn man Mühe hat, längere Zeit am Stück konzentriert zu sein, sollte man nicht Souffleuse werden. Eine Souffleuse muss deutlich sprechen können, aber ich würde nicht sagen, dass es einer besonderen Stimme bedarf. Ich hatte auch keine Sprecherziehung, wie sie die Schauspieler zum Beispiel bekommen. Als Souffleuse braucht man das auch nicht. Ein wenig hat sich mein Beruf im Lauf der Jahre verändert: Früher gab es noch häufiger richtige Souffleusenkästen mit Guckloch unter der Bühne. Heute sitze ich meistens in der ersten Reihe am Rand. Wenn ein Schauspieler einen Hänger hat, also nicht mehr weiter weiß, dann sagt er zu mir: Betti, sag mal, was brauch ich jetzt?. Dann sage ich laut, welche Textstelle ihm entfallen ist. Da wird nicht mehr geflüstert – das Publikum bekommt alles mit und freut sich. Aber häufig kommt so etwas natürlich nicht vor. Öfter soufflieren muss ich nur bei den Proben, wenn die Texte noch nicht sitzen. Danach verteile ich dann auch oft meine berüchtigten kleinen Zettel, auf denen dann die Korrekturen stehen, falls die Schauspieler sich zu weit vom Text entfernt haben. Souffleusen haben manchmal innerhalb des Theaters den Ruf, nur fürs Rumsitzen bezahlt zu werden: Die schläft doch eh nur, heißt es dann oft. Man darf da generell nicht empfindlich sein, denn wenn die anderen merken, dass jemand zum Beispiel leicht anfängt zu heulen, dann machen sie ihn fertig. Theaterleute können da auch mal aus der Rolle fallen. Aber ich hatte in dieser Hinsicht nie Schwierigkeiten – vielleicht, weil alle wussten, dass ich mir nichts gefallen lasse.

Die Schauspieler sind aber ohnehin Klasse. Und wenn doch mal einer frech wird, dann weiß man, dass der nächste Hänger ganz sicher kommt, bei dem sie einen dann brauchen. Manche Regisseure haben eine etwas arrogante Art gegenüber Souffleusen, aber nach einer gewissen Zeit bin ich auch mit ihnen gut zurechtgekommen.

Protokoll: Christoph Koch
Erschienen in: FAZ Hochschulanzeiger
Foto: Christoph Koch

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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